Freundlicher Zeitgenosse: Das Lama erkennt man an der Form seiner Ohren. - © Carolin Hlawatsch
Freundlicher Zeitgenosse: Das Lama erkennt man an der Form seiner Ohren. | © Carolin Hlawatsch

Lettland Wo in Lettland Lamas grasen

Im Gauja-Nationalpark treffen Besucher auf Tiere, die man im Baltikum eher nicht vermuten würde. Eine Stippvisite auf der größten Kamel-Farm der Region

Carolin Hlawatsch

Ein großes Straßenschild mit der Aufschrift „Rakši kamieli Zoo – Camel Farm" weckt unsere Neugierde während eines Roadtrips durch das Baltikum. Wir folgen der auffälligen, tierischen Beschilderung, die uns aus der mittelalterlichen Stadt Cesis hinausführt. Cēsis liegt im von roten Sandsteinklippen geprägten Gauja-Nationalpark im Zentrum Lettlands. Da wundert man sich schon ein wenig: „Eine Kamel-Farm hier im hohen Norden?" Die geteerte Straße wird bald zur Schotterpiste und führt durch einen Kiefernwald immer entlang des Flusses Gauja, der übrigens sehr beliebt bei Kanufahrern ist. Gut fünf Kilometer außerhalb der Stadt Cesis dann die Überraschung: Mitten im Wald eröffnet sich eine riesige Lichtung. Wären die Schilder nicht, man würde sie hier absolut nicht erwarten: eine Kamel-Farm. Auf weitläufigen Wiesen grasen Trampeltiere, Lamas und Alpakas. Verteilt auf der Ebene stehen Offenställe und ein paar Holzhäuser. In einem der urigen Häuser ist ein kleines Café eingerichtet, in einem anderen eine Schmiede, wieder andere können als Ferienhaus gemietet werden. „Derzeit halten wir hier auf der größten Kamel-Farm des Baltikums 80 Lamas und Alpakas plus einige Trampeltiere", erfahren Besucher von den Tierpflegern. Auch eine weitere Art der Kamel- Familie, Guanakos, habe der Betreiber der lettischen Kamel-Farm hier halten und züchten wollen. „Schnell haben wir gemerkt, dass sich die Guanakos nicht für die Farmhaltung eignen. Sie lassen sich nicht einzäunen, sind einfach zu wild und können so zu einer Gefahr für die anderen Tiere werden", sagt Farm-Mitarbeiter Maris. Nun gäbe es bereits neue Pläne: In naher Zukunft sollen auch kleine Kängurus über die Wiesen hüpfen. Mit dem überwiegend kühl-gemäßigten Klima Lettlands kämen die Kamele gut zurecht. Im Sommer liegen die Temperaturen in Lettland durchschnittlich zwischen 19 und 23 Grad und im Winter deutlich unter dem Gefrierpunkt. Liebevoll gestaltete Schilder auf dem Areal der Kamel- Farm informieren über Herkunft und Anpassung der Tiere. In ihrer natürlichen Heimat, den südamerikanischen Anden, herrschen große Temperaturunterschiede zwischen Tag und Nacht. So seien Lamas und Alpakas sehr temperaturunempfindlich. Auch die Trampeltiere frieren in den kalten, dunklen Wintern Lapplands nicht. Sie können ihre Körpertemperatur an das Wetter anpassen und ihr Fell wird dicker bei fallenden Temperaturen. Im Gegensatz zum einhöckerigen Dromedar, dessen Heimat die afrikanische Wüste mit durchaus kalten Nächten ist, sind die zweihöckerigen Trampeltiere unter anderem in den Steppen Sibiriens zuhause, wo die Temperaturen schon mal auf minus 30 Grad sinken. Seit 2006 können Besucher auf der lettischen Rakši-Farm Kamele hautnah erleben, sie streicheln und füttern, auf den zutraulichen Trampeltieren reiten oder mit gutmütigen Lamas und Alpakas wandern gehen. Viele Tiere laufen frei auf dem riesigen Gelände herum. Kinder, aber auch Erwachsene sollen, nach Aussage der Farm-Betreiber, hier einen realen Bezug zu Tieren bekommen, die sie sonst nur im TV oder Internet sehen oder eventuell noch aus dem Zoo kennen. Das Konzept scheint aufzugehen. Am Tag unseres Besuches, einem Sonntag Ende Juni, ist die Farm gut besucht. Eine Mutter nähert sich mit einem Kleinkind auf dem Arm einem Alpaka, damit das Kind das flauschige Fell des Tieres berühren kann. Eine Gruppe Jugendlicher führt zwei Lamas spazieren und macht dabei Selfies von Mensch mit Tier. Jung und Alt haben hier Spaß und behandeln die Tiere respektvoll. Sollten doch mal Unsicherheiten oder gar Fehlverhalten auftreten, ist das Rakši-Team zur Stelle. Und wie war das noch mit dem Spucken? „Lamas und Alpakas spucken eigentlich nicht auf Menschen und wenn überhaupt, dann nur, wenn man sie ärgert", beruhigt Mitarbeiter und Kamelkenner Maris. Das Spucken setzen Lamas normalerweise nur untereinander ein, um Rangverhältnisse zu klären. Bevor sie tatsächlich spucken, würden sie stets vorwarnen, indem sie ihre Ohren am Kopf anlegen und die Nase in die Luft strecken. Nach einer süßen, als „Kamel-Crêpe" betitelten Farm-Spezialität und dem im Baltikum so gut schmeckenden Kaffee, genossen auf der Terrasse des Rakši-Cafés, halte ich Ronijs am Seil. Der zehnjährige, schwarze Lama-Hengst überlegt wohl noch, ob er sich mit uns auf Wanderung begeben möchte. Ich bin leicht verunsichert, halte ich doch zum ersten Mal im Leben ein Lama an der Leine. Eine Tierpflegerin eilt mir zur Hilfe. „Ruhig ein bisschen kräftiger ziehen und dabei „go Ronijs" rufen", erklärt sie mir. Ich gebe mir Mühe: „Okay, vierter Versuch, dieses Mal etwas energischer". Und tatsächlich, Ronijs trabt los. Ich hätte nicht gedacht, dass Wandern mit einem Lama Glücksgefühle auslösen kann. Ich freue mich wie ein kleines Kind, dass Ronijs mir über das Gelände folgt. Wir passieren ein Gehege mit Kaninchen, eine Wiese mit Schweizer Schwarzhalsziegen und den Esel Atos. Ab und zu treffen wir andere Kamele, die alleine oder mit lächelndem Besucher am anderen Ende der Leine unterwegs sind. Die frei herumlaufenden Alpakas mit ihrer dicken Wolle wurden wohl gerade geschoren. Die Tiere sehen drollig aus mit ihrem neuen Haarschnitt in Kugelform. Mit jedem Schritt, den ich mit Lama an der Leine mache, rutsche ich ein Stück weiter in die Tiefenentspannung. Nach 30 wunderbaren Minuten muss ich Ronijs wieder vorne am Gatter abgeben. Schade, hatten wir uns doch gerade angefreundet. „Dieses Lama war bis vor drei Jahren absolut wild, hat sich manches Mal mit anderen Tieren gerauft, daher auch die Macke in seinem Ohr", erzählt mir Maris. Inzwischen sei Ronijs eines der liebsten Lamas der Farm. Na, da habe ich ja Glück gehabt!

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