Eine Reise wert: Die Ria de Arousa ist ein weit verästelter Meeresarm mit Muschelzuchtinseln. Hier liegen malerische Küstenorte, wie zum Beispiel A Granxa. - © Gabriele Beautemps
Eine Reise wert: Die Ria de Arousa ist ein weit verästelter Meeresarm mit Muschelzuchtinseln. Hier liegen malerische Küstenorte, wie zum Beispiel A Granxa. | © Gabriele Beautemps

Spanien Geheimtipp für Gourmets

Bekannt ist Galicien vor allem als Endpunkt des Jakobswegs. Aber die Region im Nordwesten Spaniens ist nicht nur etwas für Pilger, sondern auch für Feinschmecker

Gabriele Beautemps

Auf Harpe Kerkeling ist Maria, unsere Stadtführerin, gut zu sprechen. „Ein sympathischer Mann" sagt sie. Aber das allein ist es natürlich nicht. Jacobs-Pilger Kerkeling hat den Tourismus in Galicien, und besonders in Santiago de Compostela in Schwung gebracht. Mit seinem Bestseller („Ich bin dann mal weg") ist die Zahl deutscher Touristen in Galicien gestiegen. Doch jetzt will uns Maria zeigen, dass sich Santiago und Umgebung nicht nur für Pilger lohnt, sondern auch für Feinschmecker, Gartenfreunde und Architektur-Interessierte sowie für alle, die eine wilde Küste ohne All-inclusive-Hotels mögen. Schlemmen und genießen – ein Gegenentwurf zum einfachen Pilgerleben. In Santiago de Compostela kommt man natürlich kaum um die Pilger herum – im wörtlichen Sinne. Überall in der Stadt trifft man Gruppen und Grüppchen mit der Jacobsmuschel am Rucksack, die meisten vor und in der Kathedrale, wo sich das Grab des Heiligen und damit das Ziel jeder Pilgerreise befindet. Die Muschel diente ursprünglich als Beweis dafür, dass der Gläubige tatsächlich sein Pilgerziel erreicht hatte. Santiago de Compostela selbst liegt zwar 35 Kilometer vom Atlantik entfernt. Doch ursprünglich endete der Weg nicht in der Stadt. Die Pilger wanderten weiter bis zu den Küstenorten Muxía und Fisterra und nahmen von dort eine Muschel mit: Und zwar ein großes, gut sichtbares Exemplar aus der Familie der Kammmuscheln: eine Pecten maximus, auch Große Pilgermuschel genannt. In Santiago bekommt man alle möglichen Arten von Muscheln, Fisch und Schalentiere in hervorragender Qualität und sehr frisch. Denn der Weg vom Atlantik auf die Teller ist kurz. Bei der Versteigerung am Vormittag kaufen Händler und Küchenchefs, was den Fischern in der Nacht ins Netz ging: Galicische Meeresspinnen und fangfrischer Seehecht, dazu die Ernte der Muschelsammler, die schlanken Messermuscheln oder die kleinen Venusmuscheln, die nach der Liebesgöttin benannt werden, weil ihr zartes Fleisch angeblich eine erotisierende Wirkung hat. In den Rias Baixas, den schmalen, tief eingeschnittenen Meeresbuchten an der zerklüfteten Küste zwischen Baiona und Fisterra, ernten Muschelsammlerinnen diese Venusmuscheln. Sobald sich bei Ebbe das Wasser am Strand von Cambados zurückzieht, gehen die Frauen los und kratzen mit einer Harke die Muscheln aus dem Schlick. Die Ernte von Entenmuscheln ist Männersache. Mit Haftsohlen unter den Schuhen und Seilen zum Sichern klettern sie auf den vom Meer umtosten Felsen herum, um die Entenmuscheln vom Gestein abzukratzen. Und dann gibt es noch die Bateas. 1.900 dieser quadratischen Flöße aus Eukalyptusholz dümpeln in der Ria de Arousa. Unter den Holzdecks hängen lange Seile, an denen Miesmuscheln und Austern andocken. Nach eineinhalb Jahren, wenn sie ausgewachsen sind, werden die 150 Kilogramm schweren Seile mit einem Kran auf die Schiffe gehievt, an Bord gleich nach Größe sortiert und in Säcke abgepackt. Wer sich die Sache aus der Nähe ansehen will, nimmt eines der Ausflugsboote, die Touristen zu dieser speziellen Aquakultur bringen. Ein Besatzungsmitglied steigt dann auf eine der Schwimminseln und zieht eine Leine hoch, damit die Gäste sehen können, wie die Schalentiere untergebracht sind. Die Boote starten zum Beispiel vom Fischerort O Grove oder von Cambados. Neben Muschelzucht und Fischfang ist die Textilindustrie die Haupteinnahmequelle Galiciens. Inditex, der Modekonzern, zu dem die Marke Zara gehört, wurde von Amancio Ortega gegründet. Ortega, mittlerweile 81 Jahre alt und nach Bill Gates der zweitreichste Mann der Welt, begann seine berufliche Laufbahn als Bote in einem Hemdengeschäft im galicischen La Coruña. Dort eröffnete er 1975 auch seinen ersten Laden. Das Unternehmen hat seinen Firmensitz immer noch in Galicien, in der Kleinstadt Arteixo in der Nähe von La Coruña. Das erste Auto mit deutschem Kennzeichen, ein VW-Bus aus Dortmund, entdecken wir am dritten Tag der Reise in La Coruña am Herkulesturm, dem angeblich ältesten noch betriebenen Leuchtturm der Welt, mit einem Fundament aus dem zweiten Jahrhundert. Es kommen vor allem spanische Touristen in den nordwestlichsten Zipfel ihres Landes, besonders die Madrilenen. Sie mögen das raue Klima, ein willkommener Kontrast zu den heißen Sommern in ihrer Stadt. Obwohl die 1.300 Kilometer lange galicische Küste genug Platz bietet, spielt Badetourismus eine Nebenrolle. Das Wetter ist einfach zu unbeständig – es kommt nicht von ungefähr, dass die Landschaft hier so schön grün ist. Umso praktischer sind die verglasten Balkone an den Häuserfronten in La Coruña, weshalb man die Stadt auch Ciudad de Cristal, Stadt aus Glas, nennt. Eine elegante Stadt, mit langer Promenade am Meer, vielen Belle-Epoque-Häusern und guten Restaurants, in denen man zu vergleichsweise günstigen Preisen hervorragend Fisch essen kann. Empfehlenswert ist zum Beispiel das Restaurant Arbore de Viera. Calamares-Salat an Eis von geräucherten Zitronen, Schwertmuschel in geräucherter Sahne-Marinade und Blätterteighäppchen gefüllt mit Meeresfrüchten, Algen, Basilikum und Tomate stehen hier auf der Speisekarte. La Coruña ist eine halbe Stunde mit der modernen Regionalbahn von Santiago entfernt. Weil es in Galicien keine langen Sandstrände mit Sonnengarantie gibt wie anderswo im Land, haben Investoren keine riesigen Hotelanlagen an die Küste gesetzt. Man übernachtet in kleinen, charmanten Landhotels oder besonders stilvoll in renovierten Herrenhäusern, zu denen oft schöne Parks gehören. Einige der bedeutenderen Adelssitze haben ihre Gärten zur Besichtigung geöffnet, was sich besonders im Frühling lohnt, wenn die Kamelien ihren großen Auftritt haben. Insgesamt elf Landsitze und einige Parks liegen auf der Route der Kamelien. Im 18. Jahrhundert fand ein regelrechter Wettbewerb statt. Jeder wollte die schönsten, und besonders seltenen Exemplare in seiner Sammlung haben. Die Pflanzen, die ursprünglich aus Japan stammen, schätzen das milde, feuchte Klima und den sauren Granitboden Galiciens. Im Park des Pazo de Rubians in Pontevedra gedeihen über 500 prachtvolle Kamelien in rot, violett, in zartem gelb und cremeweiß. Der Park wurde von der internationalen Kameliengesellschaft als „Garden of Excellence" ausgezeichnet. Auch in der Alameda blühen Hunderte von Kamelien. Der große Park am Rande der Altstadt von Santiago di Compostela, ist ein beliebter Treffpunkt, nicht zuletzt für die vielen Studenten der Universitätsstadt. Früher war der zentrale Spazierweg der oberen Gesellschaftsschicht vorbehalten. Die Cidade da Cultura, die Kultur-Stadt, auf dem gegenüberliegenden Monte Gaiás, ist ein interessantes Ziel für Architektur-Fans. Doch das gigantische Prestigeobjekt des amerikanischen Star-Architekten Peter Eisenman, im Jahr 2000 begonnen und nie vollendet, wirkt leblos. In den Gebäuden, die Bibliothek, Museum und Archiv beherbergen, ist kaum jemand zu sehen. Der erhoffte Bilbao-Effekt blieb aus. Anders als dort das Guggenheim-Museum lockt die Kulturstadt kaum Touristen. Da sind die Pilger das treuere Publikum. Und demnächst ja vielleicht auch die Feinschmecker.

realisiert durch evolver group