Wetterdrama in den schottischen Highlands: Bei Torridon an der Westküste ist die Straße gut ausgebaut und wenig befahren. Wer den Norden Schottlands auf der Northcoast 500 Route umrundet, trifft hinter fast jeder Kurve auf reizvolle Motive. - © The Torridon
Wetterdrama in den schottischen Highlands: Bei Torridon an der Westküste ist die Straße gut ausgebaut und wenig befahren. Wer den Norden Schottlands auf der Northcoast 500 Route umrundet, trifft hinter fast jeder Kurve auf reizvolle Motive. | © The Torridon

Großbritannien Der Weg ist das Ziel

Ein Roadtrip auf der Northcoast 500 rund um das schottische Hochland bringt Natur- und Fahrerlebnisse, die man so schnell nicht vergisst

Jürgen Juchtmann

Beim Begriff Roadtrip erscheinen Bilder vor dem geistigen Auge: Straßenkreuzer auf einem Asphaltband bis zum Horizont, darüber blauer Himmel mit Schäfchenwolken. Im Autoradio singt Willie Nelson „On the Road again" . . . Stopp! Auf der Northcoast 500 ist alles anders, auch wenn sie als Schottlands Antwort auf die Route 66 vermarktet wird. Die Strecke umrundet auf 500 Meilen (800 Kilometer) die Highlands, teils auf gut ausgebauten Küstenstraßen, teils auf einspurigen Trassen mit Ausweichstellen für den Gegenverkehr. Sie führt über steile Pässe, an haarsträubenden Abgründen entlang und vermittelt jede Menge Fahrspaß. Der Trip beginnt in Inverness, der Hauptstadt der Highlands. Tipp fürs Autoradio: die schottische Rock- und Folkband Runrig mit ihrer Ballade „Ocean Road". Die Northcoast 500 fährt man mit dem eigenen Auto oder mit einem vor Ort gemieteten Ferrari oder Lamborghini. Der Anbieter www.luxuryscotland.com nennt das „The Ultimate Scottish Roadtrip". Viele steigen auch aufs Motorrad oder nehmen das Fahrrad, um die wilde Natur hautnah zu erleben. Unsere Reise mit dem eigenen Wagen beginnt nach der nächtlichen Überfahrt mit der DFDS-Fähre von Amsterdam-Ijmuiden nach Newcastle upon Tyne. Keine Autofähre vom Festland fährt nördlicher auf die britische Insel. Bis nach Inverness sind es dann noch knapp sechs Stunden Fahrt. Unsere Tour führte zu einigen der besten Hotels der Region. Inverness gilt als Tor zu den Highlands. Eine Viertelstunde östlich bei Culloden informiert eine Ausstellung über eine blutige Schlacht zwischen der Clan-Armee unter Bonnie Prince Charlie und den Truppen des englischen Herzogs von Cumberland. 1746 wurde hier das Ende der schottischen Unabhängigkeit besiegelt. 30 Autominuten südwestlich von Inverness ist am Ufer des Loch Ness die Ruine von Urquhart Castle ein guter Aussichtspunkt für die Monstersuche. Wir steigen im Rocpool Reserve in Inverness ab und genießen die Küche im Chez Roux, dem Restaurant unter der Ägide von Sternekoch Albert Roux. Am nächsten Morgen beginnt der Roadtrip mit einem Seitensprung von der NC500, über Fortrose zum Chanonry Point. Vor der Spitze dieser Landzunge liegt ein beliebter Spielplatz von Tümmlern, Bottlenose Dolphins genannt. Nächster Stopp: Dunrobin Castle. Das Schloss der Herzöge von Sutherland gilt als Schottlands Neuschwanstein. Im Park spricht ein Museum voller Jagdtrophäen Freunde des Makaberen an. Das Ziel für den Tag heißt John O’Groats, wo die Fähren zu den Orkney Inseln ablegen. Bei Wick, der nächst größeren Stadt, ist der Leuchtturm von Noss Head sehenswert. Für eine Wanderung auf den bis zu 180 Meter hohen Klippen der Steilküste mit attraktiven Felsformationen sollte das Wetter trocken sein. Wir übernachten in John O’Groats im Natural Retreats Inn mit Blick zu den Orkneys. Als angesagtestes Restaurant der Region gilt aktuell das No. 1 Bistro in Mackays Hotel im Hafenstädtchen Wick. Schottland ist immer noch Whisky-Land, aber der Gin holt auf. Das lernen wir bei einer Verkostung mit Martin und Claire Murray in deren 2014 gegründeter Brennerei Dunnet Bay Distillers. Ihr international mehrfach ausgezeichneter Rock Rose Gin enthält neben klassischen Zutaten wie Wacholder auch Essenzen aus lokalen Kräutern. Unweit von Dunnet Bay liegt das Castle of Mey, ehemals private Sommerresidenz der Königinmutter Elizabeth. Sie wurde 102 Jahre alt. Ob ihre Neigung zu Gin and Tonic zur Konservierung beitrug, ist freilich nicht überliefert. Immer an der Küste entlang wird die Straße Richtung Südwesten dramatischer. In Bettyhill pausieren wir zum Lunch im gleichnamigen Hotel, das einen breiten Sandstrand überblickt. Wirtin Gaby stammt aus Rheda-Wiedenbrück. Weiter geht es über torfige Hochebenen, immer bremsbereit wegen vieler Schafe am Straßenrand; nur selten kommt uns ein Auto entgegen. Regenbögen begleiten die Fahrt, enge Kurven lösen sich mit Steigungen und Gefällstrecken ab. Dieses Licht, diese Stimmung unter tief hängenden Wolken, der Wechsel von Sonnenschein und Regenschauern, feinsandige Strände zwischen schroffen Felsen, baumlose Hügel mit Sommersprossen, die sich als Schafe entpuppen, das ist Schottland. Dann wieder alpines Fahrgefühl: Von Hängen rauschen Wasserkaskaden, Seen säumen die Straße. Über Rhiconich und Kylesku erreichen wir das Tagesziel, das luxuriöse Inver Lodge Hotel oberhalb des Fischereihafens von Lochinver. Auch dort steht der Name Albert Roux für exzellente Küche mit lokalen Zutaten. Bei Lochinver schwenkt die NC 500 ins Binnenland. In Poolewe sind die Inverewe Gardens mit einer Vielzahl exotischer Gewächse ein Ausweis für das ganzjährig milde Klima an Schottlands Westküste. Geheimtipp: ein Abstecher von Gairloch zum Badachro Inn im gleichnamigen Küstendorf. Hinter Kinlochlewe erwartet uns das Torridon Hotel, ehemalige Jagdlodge des Grafen von Lovelace. Die Hotelbar hält nicht weniger als 365 Whisky- und 100 Gin-Sorten vorrätig. Im Torridon kann man Mountain-Biking, Kanufahren, Bogenschießen und Klettertouren buchen. Mit der Fahrt über Applecross und den 626 Meter hohen Pass Bealach na Bá erreicht unser Roadtrip seinen Höhepunkt. 20 Prozent Gefälle hat die Strecke hinunter zum Meer. Die enge Straße nach Kishorn verlangt volle Konzentration und ist nichts für Höhenängstliche. Hat man es geschafft, bleibt der restliche Weg bis Inverness entspannt. Wir übernachten im Boath House Hotel in Nairn, einem 1825 erbauten Herrenhaus, dessen Küche einen Michelin-Stern hält. Bei einem Glas Malt-Whisky lassen wir diesen phantastischen Roadtrip Revue passieren.

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