Anguillas Partystrand Nummer 1: Der Dorfstrand Sandy Ground steht vor allen Dingen für Spaß und ist der Treffpunkt für Tanz, Partys und Bootsrennen. - © Michael Juhran
Anguillas Partystrand Nummer 1: Der Dorfstrand Sandy Ground steht vor allen Dingen für Spaß und ist der Treffpunkt für Tanz, Partys und Bootsrennen. | © Michael Juhran

Anguilla Revolutionsjubiläum auf Karibisch

Die kleine Antilleninsel Anguilla feiert in diesem Jahr das 50. Jubiläum der wohl bizarrsten Revolution in der Karibik. Besucher aus aller Welt sind herzlich willkommen

Michael Juhran

Die Insel scheint wie leer gefegt. Nahezu verlassen wirken die schneeweißen Traumstrände, gähnende Leere macht sich auf den Straßen breit und an den meisten Geschäften macht ein „Closed"-Schild deutlich, dass der Ladenbesitzer wohl Besseres zu tun hat. Nur im großen Sportstadium der Hauptstadt „The Valley" geht die Post ab. Auf den Rängen leuchten die Nationalfarben Blau, Weiß und Orange auf Kleidern, Fahnen und Transparenten. Kaum einen der 14.000 Inseleinwohner hält es heute zu Hause, niemand will das große Jubiläumsfest verpassen. Mit tosendem Beifall feuern sie die kleine Parade von Polizisten, Pfadfindern und des Schulmusikkorps an, winken der britischen Gouverneurin zu, die ein Grußtelegramm der Queen verliest, und schwenken die Fahnen bei der Festrede ihres Chief Ministers. Am 30. Mai 1967 hatte eine verschworene Inselgemeinschaft von damals 6.000 Einwohnern kurzerhand beschlossen, sich aus dem Staatsverband mit den Nachbarinseln St. Kitts und Nevis zu verabschieden und die Geschicke in die eigenen Hände zu nehmen. Zu oft wurde man von der ungeliebten Regierung in St. Kitts enttäuscht und vernachlässigt, zu oft fanden Klagen und Petitionen bei der britischen Kolonialmacht kein Gehör. Die bis dahin stillen Proteste kippten bei einer Miss-Wahl in eine offene Revolte um und die aufgebrachten Bewohner schickten die von St. Kitts entsandte Polizeitruppe zurück in deren Heimat. Laienschauspieler Kenn Banks war damals gerade einmal 15 Jahre alt, aber er erinnert sich noch genau an die Schüsse auf das Polizeigebäude und die Residenz des vom britischen Gouverneur eingesetzten Vertreters auf der Insel: „Das waren aufregende, aber auch furchterregende Tage. Zum Glück waren keine Menschenleben zu beklagen. Die Regierung in St. Kitts kümmerte sich nicht im geringsten um die Belange von Anguilla", fährt Kenn fort. „Wir hatten keine richtigen Straßen und keine Elektrizität, weder ein Telefonnetz noch Wasserleitungen." Da wollte die Mehrheit der Bevölkerung doch lieber ein britisches Überseegebiet bleiben, als weiter unter dem Regime eines Regierungschefs dahinzusiechen, der den abtrünnigen Inselbewohnern „Pfeffer in die Suppe" streuen wollte. In Windeseile bildete man eine eigene Verwaltung, prägte Geld und entwarf eine Verfassung. Seither feiert man diese Revolte als Nationalfeiertag, auch wenn das Vereinigte Königreich seiner Minikolonie erst nach langen Verhandlungen 1980 den Status eines Mitglieds des Commonwealth zugestand. Kenn Banks ist stolz auf seine rebellischen Landsleute. Patriotisch steht er heute auf der Bühne des Sunshine-Theaters von The Valley und spielt mit weiteren 20 Laiendarstellern Szenen der Revolution im Stück „Pfeffer in eure Suppe" nach. Inzwischen verfügt Anguilla über eine gut ausgebaute Infrastruktur. 80.000 Touristen aus aller Welt erholen sich jährlich an den saphirblauen Buchten mit ihren Traumstränden. In komfortablen Hotelanlagen halten sie die Wirtschaft des gerade einmal 96 Quadratkilometer großen Kleinstaates am Laufen. Zu denen, die es immer wieder auf das Eiland zurückzieht, gehört auch der Brite Paul Ketteridge. 1967 hatte er die Revolte als Bauingenieur auf dem kleinen Flughafen Anguillas miterlebt. Mit großen Bulldozern versperrte er damals die Landebahn, um eine Invasion zu verhindern. Ganz freiwillig tat er dies nicht, aber nach dieser Episode gewann er viele Freunde unter den Einheimischen. Es dauerte nicht lange, bis er die Insel tief in sein Herz geschlossen hatte. „Die Menschen, die Strände und das Essen sind hier einzigartig", ist er überzeugt und schwärmt von den vielen Strandparties im warmen Licht der untergehenden Sonne. Jetzt wohnt er als Ehrengast der offiziellen Jubiläumsparade bei und schwelgt mit seinen Freunden in Erinnerungen, als sich das Stadion am späten Nachmittag in eine Partymeile verwandelt. Bis in die Nacht wird mit Live-Bands gefeiert und getanzt. Am Folgetag geht es dort weiter, wo sich die meisten Einheimischen am liebsten aufhalten: Am Strand und auf dem Wasser. Wie jedes Jahr startet vom breiten Strand des Sandy Ground eine Armada von Segelbooten, um bei einer Wettfahrt rund um die Insel die beste Crew zu ermitteln. Wie in jedem Jahr entwickelt sich die Regatta zu einem Volksfest. 40 bis 50 Motorboote begleiten die 12 zum Wettkampf angetretenen Segelboote. Von einer zum Partyschiff konvertierten Fähre mit ohrenbetäubender Reggae- und Hip-Hop-Musik über mehrere mit Bikinischönheiten besetzte Katamarane bis zu winzigen Fischerbooten ist alles unterwegs, was sich über Wasser halten kann. Touristen werden auf gecharterten Jachten in das Getümmel einbezogen und lernen so ganz nebenbei die malerischen Küstenabschnitte Anguillas kennen, die sich mal flach und weißsandig wie auf den Malediven, mal mit rotbraunen Steilküsten und zerklüfteten Felsen wie an der Algarve präsentieren. Am Bilderbuchstrand von Shrub Island legen die Besatzungen einen Badestopp ein. Eiskaltes Bier, Rum-Punsch und gegrillte Köstlichkeiten machen die Runde und selbst von der großen Partyfähre hüpft einer nach dem anderen in das glasklare Nass. Auf der provisorisch errichteten Bühne am Sandy Ground erklingt Musik, als die ersten Segelschiffe bei untergehender Sonne die Regatta beenden und deren Besatzungen erschöpft, aber glücklich ins Wasser springen. Jetzt hat sich das Inselleben vollends an den Strand verlagert. Rastalocken und wiegende Hüften dominieren die ausgelassene Szene. Die Kellner in den Strandbars laufen zur Höchstform auf, bekannt riechende Rauchschwaden ziehen am Ufer entlang, Bands heizen die Stimmung an und die anfangs vielleicht noch sichtbaren Unterschiede zwischen Touristen und Einheimischen schrumpfen in der Reggea- und Rum-schwangeren Atmosphäre karibischer Lebensfreude vollends dahin.

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