Ein seltener Moment der Ruhe: Die Halong-Bucht, die laut Berichten aus 1.969 Felsen besteht, ist ein Touristenmagnet. - © Kristine Greßhöner
Ein seltener Moment der Ruhe: Die Halong-Bucht, die laut Berichten aus 1.969 Felsen besteht, ist ein Touristenmagnet. | © Kristine Greßhöner

Vietnam Ein Land in Bewegung

Vielfalt: Wer in zwei Wochen vom Norden des Landes bis ins Mekongdelta reist, ist per Fahrrad, Flugzeug, Dschunke, Rikscha, Bus und Moped unterwegs

Kristine Greßhöner

Mit einer Hand in der Luft wedelnd, als würde man einem unsichtbaren Kind über den Kopf tätscheln, erreichen Fußgänger in den Millionen-Metropolen Vietnams am sichersten die andere Straßenseite. Die Geste zeigt: Achtung, hier komme ich. Wer sich zu Fuß zwischen die unzähligen Mopeds wagt, muss sich einreihen und zeigt den anderen Verkehrsteilnehmern daher per Handbewegung an, dass er die Straße queren will. Lediglich eine bemerkenswert passive Fahrweise sorgt auf den überfüllten Straßen dafür, dass es nicht fortwährend zu Kollisionen kommt. Ein kleines Wunder! Vietnam ist das Land des freundlichen Hupens. Und Vietnam ist so viel mehr. In Ho-Chi-Minh-City ganz im Süden wie auch in Hanoi im Norden des schlauchförmigen, schmalen Küstenstaates erfordert die Teilnahme am Straßenverkehr Mut, Geduld, Gelassenheit und Umsicht. Die Luft ist schwer von Abgasen. Viele Menschen tragen einen Mundschutz, der mitunter farblich zum Helm oder zur Kleidung passt. Pkw, Lkw, Fahrradrikschas, Busse und Zweiräder bahnen sich ihren Weg. Um sich einzufädeln und den anderen Verkehrsteilnehmern vorher Bescheid zu sagen, wird derweil ständig gehupt. Jeder will weiterkommen, will nicht auf der Stelle stehen bleiben. Die Verkehrswelle schwappt weiter. Eine Rundreise vom Norden in den Süden oder umgekehrt lässt europäische Touristen einen Eindruck davon bekommen, was Vietnam auszeichnet. Der Verkehr und die Gelassenheit sind nur zwei Punkte auf einer Liste von Eigenheiten, die unendlich werden könnte. Vietnam bietet so viele Eindrücke, dass es nach der Reise schwer ist, die Frage: „Wie war’s?" in aller Kürze zu beantworten. Was im Gedächtnis bleibt, sind die Garküchen mit ihren winzigen Plastikschemeln am Straßenrand, die hilfsbereiten Menschen und die „Hello"-Rufe der Kinder, die Berge und Täler des Nordens, wo Reiher und Wasserbüffel auf den Reisfeldern stehen, und das Mekongdelta mit seiner tropischen Schwüle, welche den Spaziergang vorbei an Bananenpflanzen und Palmen endlos erscheinen lässt. Erst spät am Abend wird die Reiseleiterin erwähnen, dass dort viele Schlangen leben, die die Gruppe mit ihren Schritten und Stimmen aber sicher vertrieben hätte. Der sozialistische Staat Vietnam – im Norden flankiert von China, im Westen an Laos und Kambodscha grenzend – befindet sich nicht mehr nur im touristischen Aufbruch. Längst sind entlang der Tausende Kilometer langen Küste große Resorts entstanden und westliche Reisende sind keine Besonderheit mehr. Sie gehören selbstverständlich zum Straßenbild. Einige Marktfrauen wissen das zu nutzen; die einen bieten Essstäbchen und Mangos an und ein gemeinsames Foto für „one dollar, one dollar". Der besagte Ein-Dollar-Schein ist nämlich äußerst beliebt als Trinkgeld. Die anderen Marktfrauen wedeln gedankenverloren mit einem Fächer über die ausgenommenen Fische und die Fleischstücke in den Auslagen und ignorieren die neugierigen Blicke der Urlauber. An die Touristen, das wissen sie aus Erfahrung, werden sie nichts verkaufen an diesem Tag. Freundlich nicken sie und lassen sich fotografieren beim Plausch mit der Sitznachbarin, auch ohne Dollar. Rund zehn Stunden beträgt die Flugzeit mit Vietnam Airlines, von Frankfurt am Main nach Hanoi. Knapp 50 Kilometer liegt der Flughafen außerhalb der Stadt. Auch am Sonntag pulsiert dort das Leben. Rund um den See ist eine große Straße gesperrt, Familien gehen mit Kinderwagen spazieren, Tanzgruppen führen Choreographien vor, Frauen mit spitzen Reishüten bieten frittierte Teigwaren an. Die Unterschiede zwischen den verschiedenen Landesteilen bieten auf einer Rundreise einen spannenden Kontrast. Er beginnt wenige Tage später und rund 100 Kilometer westlich in der Region Mai Chau. Im Tal, zwischen Bergen, ist es idyllisch ruhig. Bauern stehen knietief in den abgeernteten Reisfeldern und treffen Vorbereitungen für die nächste Einsaat. Auf geliehenen Fahrrädern lässt sich bei moderaten Temperaturen die Umgebung erkunden. Hunde dösen im Schatten und zeigen kein Interesse an den Zweirädern. Vor einem Haus steht ein Webstuhl. Eifrig winkt eine Frau die Touristen herbei und preist auf Englisch ihre Waren an. Die Landeswährung heißt Dong. Schnell wird man damit am Geldautomaten zum Millionär, denn ein Euro sind etwa 26.000 Dong. Münzen gibt es keine, lediglich Scheine mit absurd hohen Summen. Vielerorts werden Kreditkarten akzeptiert, so dass Bares vor allem für Snacks und Obst hilfreich ist. Weiter führt die Reise an die Küste, nun östlich Hanois. In der Halong-Bucht, seit 1994 Unesco-Weltnaturerbe, tummeln sich die Dschunken, das sind Schiffe mit Kabinen und Speisesälen für die Touristen, am Anleger. Zwischen den riesigen Muschelkalkfelsen schippern sie unzählige Besucher. Wer mag, lässt sich bequem per Boot durch die Buchten paddeln, in denen vereinzelt Fischer ihrem Tagwerk nachgehen oder dies in dem Trubel zumindest versuchen. Einige winken freundlich herüber, als die Handykameras gezückt werden. Erst in der Dämmerung wird es zwischen den fast 2.000 Felsen ruhiger. Die Kapitäne richten ihre Schiffe ein letztes Mal am Funksignal aus, damit die Urlauber das Wlan nutzen können. Die Nacht bricht an, Lampen und Lampions verteilen ihr Licht und das sanfte Schaukeln der Wellen wiegt die Reisenden in den Schlaf. Nur eine Stunde Flugzeit entfernt liegt Zentralvietnam, mit Hue, der ehemaligen Kaiserstadt, und Hoi An, der wohl malerischsten Stadt Vietnams. Jetzt in den Wintermonaten kann es dort immer noch tagelang regnen. „Unser Wettergott", sagt der vietnamesische Reiseleiter, „arbeitet mittlerweile nicht mehr so gut." Die beste Reisezeit sei daher der Jahresanfang. Und weiter geht es per Flugzeug, eine weitere Stunde entfernt liegt mit Ho-Chi-Minh-City das frühere Saigon. Das Klima verlangt nach einer Umgewöhnung. Die Luftfeuchtigkeit ist deutlich höher als im vergleichsweise kühlen Norden und dem warmen Zentralvietnam. Der breite Mekong-Fluss rauscht vorbei. In einem Homestay bieten die Moskitonetze Schutz vor Plagegeistern. Homestay heißt: Die Familien bieten ihr Haus zum Übernachten an. Im Schnellboot erreicht die Gruppe am nächsten Morgen die Tunnel der Vietcong-Kämpfer, die unterirdisch gelebt und gearbeitet haben. Auf dem Gelände des Freilichtmuseums in Cu Chi geht es um die harten Lebensbedingungen und um Entertainment. Ein Schießstand mit scharfer Munition steht bereit. Gegen Geld kann dort jeder mit einer Kalaschnikow schießen.

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