Im Eisfjord: Mit Ausflugsschiffen geht es gamz nahe an die weißen Riesen heran. - © Dirk Kröger
Im Eisfjord: Mit Ausflugsschiffen geht es gamz nahe an die weißen Riesen heran. | © Dirk Kröger

Grönland Eisberg voraus

Wer bei Grönland nur an Eis und Schnee denkt, der wird schnell eines Besseren belehrt. Unser Autor hat die größte Insel der Welt bei einer Kreuzfahrt entdeckt.

Dirk Kröger

"Wir wollen die Eisbären sehen", lautete der Text eines Songs der Puhdys aus dem Jahre 1998. Und diesen Text hatte ich im Kopf, als ich zu einer lang ersehnten Grönland-Kreuzfahrt mit der MS Hamburg aufbrach. Das gleich vorweg: Eisbären waren nicht zu beobachten. „Ganz selten gibt es Tiere, die auf Eisschollen so weit abgetrieben werden", erklärte Lektorin Renate Kostrzewa, dass Uummannaq, der nördlichste Punkt der Zehn-Tage-Reise, eben noch nicht weit genug im Norden liegt, um die Könige des Eises halbwegs sicher bewundern zu können. Also: Keine Eisbären. Aber das war nicht schlimm, denn es gab ja so viel anderes zu sehen bei dieser mehr als beeindruckenden Seereise. Los ging es gleich nach der Ankunft auf dem internationalen Flughafen von Kangerlussuaq, der in rund viereinhalb Stunden von Düsseldorf erreicht wird, mit dem ersten Ausflug durch die grönländische Tundra zur Eiskappe. Nach 35 Kilometern war mit Allrad-Bussen die längste Straße der größten Insel der Welt bewältigt und das Eis erreicht. Eigentlich kaum zu glauben: Vor den Füßen blühen Blumen, in 200 Metern Entfernung beginnt die Inland-Eisdecke Grönlands, die sich hier 700 Kilometer weit erstreckt. 700 Kilometer! Und nur Eis, Eis, Eis. Das lässt den Menschen klein wirken. Aber er wird ja wieder aufgebaut, denn bald schon sieht er Anderes: Hier hüpft ein Schneehase, dort grasen Moschusochsen. Das fängt ja gut an! Und die Eisbären sind fast schon vergessen. Vergrößert wird der Wissensschatz in Sisimiut, mit rund 5.000 Einwohnern die zweitgrößte Stadt des Landes. Hier, rund 100 Kilometer nördlich des Polarkreises, ist eine typische Siedlung mit all den bunten Holzhäusern zu sehen, in denen die Inuit inzwischen leben. Das Museum der Stadt, dessen Eingang durch einen Wal-Unterkiefer gebildet wird, hat am Tag des Besuchs geschlossen. Nicht schlimm. Die Kirche ist einen Besuch wert, die Gesangsbücher für Kinder mit biblischen Motiven auf Inuit-Art sind mehr als einen Blick wert. Der Friedhof mit seinen weißen Holzkreuzen und den vielen, vielen bunten Plastikblumen auf den Gräbern beeindruckt. Dahinter sind Grönland-Hunde zu bestaunen. Aber es geht weiter nach Norden. Vor Sarqaq auf der Halbinsel Nuussuaq steht eine Zodiac-Tour rund um die weiß, grün und blau schimmernden Eisberge an – Begeisterung kommt auf, zumal es so nahe an die Eisberge heran geht, dass die nicht nur angefasst werden, sondern auch in das Eis hineingebissen wird – ein Genuss! Uummannaq ist der nördlichste Punkt der Reise, die Stadt liegt fast 600 Kilometer nördlich des Polarkreises. Mit dem Tenderboot geht es an Land. Uummannaq erweist sich als Perle des gleichnamigen Fjordes. Die Holzhäuser sind auf Granit und Gneis gebaut, der Hausberg liegt zunächst in Wolken, ehe sich später die Sonne durchsetzt und sein herzförmiges Aussehen offenbart, das der Stadt ihren Namen gab. Von Mitte Mai bis Ende Juli wird der Ort von der Mitternachtssonne verwöhnt – kaum vorstellbar, dass von Anfang November bis Ende Januar im Gegenzug Polarnacht herrscht. Doch die Höhepunkte dieser nicht alltäglichen Kreuzfahrt sollen noch folgen. Einer davon ist der Eqip Sermia Gletscher. Wer nun über die Reling schaut, sieht Wasser, Berge und Eis. Und wieder geht’s in die Zodiacs, die sich ihren Weg durch Tausende kleiner Eisschollen ganz nahe an den Gletscher mit seiner rund 100 Meter hohen Abbruchkante bahnen. Und zwischendurch ist es erst zu hören, dann zu sehen: Der Gletscher kalbt, das Eis bricht ab und stürzt ins Meer. Einfach nur spektakulär, wobei es durchaus sinnvoll war, sich vor dem Schlauchboot-Ausflug bei Temperaturen um die 4 Grad mit Mütze und Handschuhen auszustatten, denn im Eis wirkt die Luft noch viel kälter als sie wirklich ist. Es gab schon viele Eisberge zu sehen – aber die Krönung soll noch folgen, denn vor Ilulissat steigen die Reisenden in kleine Fischerboote um und kreuzen mit denen durch die Eisberg-Giganten. Die Kameraverschlüsse klicken ohne Pause, in jeder Minute gibt es einen neuen, noch schöneren Blickwinkel als just zuvor. Und dann tauchen Wale auf – eine ganze Schule scheint hier vor dem Eisfjord Quartier bezogen zu haben. Zwei, drei, sogar vier Buckelwale gleichzeitig lassen sich in unmittelbarer Nähe der Boote sehen – fast ist zu glauben, dass sie angefasst werden können. Was für ein Pa-
norama! Was für ein Tag! Dem Höhepunkt folgt bald auch schon der Abschied von Grönland und der MS Hamburg, denn wegen starken Eisgangs kann Aqigsserniaq nicht wie geplant angesteuert werden, so dass das Gala-Abschiedsessen auf hoher See ansteht. Und so geht es mit vielen neu gewonnenen Erfahrungen, vollen Kamera-Speicherkarten und etwas mehr Körpergewicht als noch vor zehn Tagen zurück nach Kangerlussuaq. 329 Kilogramm Rind- und 295 Kilogramm Schweinefleisch, fast 12.000 Eier und 1.600 Liter Bier sowie 2.500 Flaschen Mineralwasser hat die Hamburg nun weniger an Bord als zu Beginn der Reise. Und wohl keiner der 360 Kreuzfahrt-Teilnehmer ist unzufrieden, denn „unser" Schiff brachte uns dank seiner geringen Größe überall dorthin, wo es in Grönland wirklich interessant ist. Und die Eisbären? Ja, die werde ich mir dann wohl irgendwann in Spitzbergen anschauen müssen. Vermisst habe ich sie nicht.

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