BUCHTIPP Ab aufs Sofa

In seinem Buch „Couchsurfing in Russland“ beschreibt Stephan Orth nicht nur Bräuche und unbekannte Gegenden, sondern vor allem auch seine Gastgeber.

Dirk Kröger

Stephan Orth hat Mut. Der Reisejournalist, Jahrgang 1979, hat schon versucht, das grönländische Inland-Eis zu überqueren und sich als Couchsurfer quer durch den Iran geschlagen. Das muss ihm selbst gefallen haben, denn die Sache mit dem Couchsurfen hat er inzwischen auch andernorts ausprobiert. Und dabei entstand das Buch „Couchsurfing in Russland", das weniger Anreize zum Nachmachen denn vergnügliche Lektüre bietet. Ob er in Moskau oder St. Petersburg, in Jakutien oder Wladiwostok unterwegs ist – stets trifft er auf Menschen, die ihn beherbergen. Und auf Menschen, die etwas zu erzählen haben. Orth ist auf der Suche nach der russischen Seele und der Antwort auf die Frage, warum Wladimir Putin so ungemein angesehen ist in diesem großen Land. Die russische Seele entdeckt er teilweise beim Wodka, dann beim Pfannkuchen. Und doch muss er die Frage offen lassen, wie diese sagenumwobene Seele wirklich aussieht. Aber die Menschen, die diese Seele in sich haben, die sind es wert, sie durch Orths Augen kennen zu lernen. Und Putin? Ja, es gibt Propaganda. Manche Russen lieben ihn, andere akzeptieren ihn. Der Autor wird letztlich auch nur fast zum Putin-Versteher. Eine Reise kreuz und quer durch Russland – auch in Gebiete, vor deren Besuch gewarnt wird. Nächte auf dem Fußboden oder in einer Datscha mitten in der Großstadt. Stephan Orth hat sich all das getraut und stellt dem Leser mehrfach ungeschrieben die Frage, ob der selbst auch das auf sich nehmen würde, um die Menschen kennenzulernen. Das wiederum muss jeder für sich beantworten. Orth schürt keine Ängste, er stellt Russland in vielerlei Facetten dar, räumt mit Vorurteilen auf und bestätigt Vorurteile. Sein sehr persönlicher Reisebericht wirkt unbefangen und liest sich einfach flüssig, weil der Mann auch mit Sprache umzugehen versteht und dann und wann gern auch mit ihr spielt, so dass auch das Literarische durchaus positiv zu bewerten ist. Orths Buch eignet sich für alle Menschen, die vor das Wort Reisen nicht den Zusatz Pauschal setzen. Sie erfahren viel über Russland, über Russen und natürlich über Russinnen. Und manch einer wird zwischen den Zeilen auch die russische Seele entdecken oder verstehen, warum Putin ein uneingeschränkter Machthaber in diesem so vielfältigen Land ist. Ein Reisebericht, wie er ungewöhnlicher nicht sein kann. Und genau deswegen ist er lesenswert. Orth übrigens überlegt schon, wo er als nächstes auf einer Couch schlafen kann. Wir sind gespannt auf seine Reportage aus Nordkorea. Stephan Orth: „Couchsurfing in Russland", 250 Seiten mit vielen Schwarz-Weiß-Fotos sowie 24 Seiten Farbbildteil und einer Karte, 16,99 Euro, Malik-Verlag, ISBN 978-3-89029-475-9

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