Atemberaubend: Chile ist nicht nur das längste Land der Erde, sondern auch unglaublich vielseitig. Sehenswert ist neben Punta Arenas auch der vier Stunden entfernte Torres del Paine Nationalpark. - © picture alliance / Prisma
Atemberaubend: Chile ist nicht nur das längste Land der Erde, sondern auch unglaublich vielseitig. Sehenswert ist neben Punta Arenas auch der vier Stunden entfernte Torres del Paine Nationalpark. | © picture alliance / Prisma

Chile Abenteuer am Ende der Welt

Experten des Reiseführerverlags Lonely Planet haben Chile zum angesagtesten Reiseziel 2018 erkoren. Wir waren schon da – am eisigsten Zipfel Südamerikas, wo der Geist der Entdecker bis heute zu spüren ist

Angela Böhm

Eigentlich stammt Cristian Manca aus Sardinien. Der Liebe wegen ist er in Chile gestrandet. Auf dem letzten Zipfel Amerikas. Danach kommen nur noch Feuerland und die Antarktis. Hier pfeift unerbittlich der patagonische Wind. Die Temperaturen betragen im Jahresdurchschnitt sechs Grad. In Punta Arenas, der südlichsten Kontinentalstadt der Welt, hat der Sarde eine neue Leidenschaft entdeckt: Sie ist 27 Meter lang, sieben Meter breit, hat drei Masten und war jedem Wetter gewachsen. Eine Nussschale, in der die Männer rund um die Uhr das eindringende Wasser schöpfen mussten und dabei Geschichte schrieben. Gebaut hat sie Juan Matassi mit einem Zimmermann. Zwei Jahre hat der Chilene für sein Meisterwerk gebraucht. Nach den Originalplänen ließ er in seiner Heimatstadt die „Victoria" auferstehen. Sie ist eines der fünf Schiffe, mit denen vor fast 500 Jahren der Portugiese Ferdinand Magellan in Spanien gestartet war, um die Welt zu umrunden. Am 21. Oktober 1520 entdeckte er die nach ihm benannte Meerenge zwischen dem amerikanischen Kontinent und Feuerland, die Atlantik und Pazifik verbindet. Nun liegt die „Victoria" auf dem Trockenen direkt am Ufer der berühmten Magellanstraße und hat Zuwachs bekommen: Die „Beagle". Mit dem Forschungsschiff kreuzten 1830 der englische Kapitän Robert FitzRoy und der junge Naturforscher Charles Darwin fast drei Jahre lang vor der Küste Südamerikas. Alles über die spektakulären Reisen aus der alten in die neue Welt hat Juan Matassi in seinem Schiffsmuseum „Nao Victoria" gesammelt. Es liegt etwas außerhalb der Stadt. Gemanagt wird es von Cristian Manca. Manchmal führt er persönlich die staunenden Kreuzfahrer von heute, die mit ihren Meeresgiganten auf den Spuren von Magellan und FitzRoy im Hafen anlegen, durch den niedrigen, engen Bauch der „Victoria". Hautnah ist dort noch immer der Geist der Abenteurer und Entdecker von einst zu spüren. Magellan war damals nicht an Land gegangen. Wochenlang hatte er nach der sicheren Passage durch die zerklüftete Fjordlandschaft am südlichen Ende des amerikanischen Kontinents gesucht. Er trotzte Strömung, Wind und Wellen. Was der Portugiese aber entlang des Ufers sah, war ihm nicht geheuer: Dort stiegen nicht nur Rauchsäulen in den Himmel. „Eines Tages, als niemand es erwartete, sahen wir am Meer einen völlig nackten Riesen. Er tanzte und sprang und verteilte singend Sand und Staub über seinen Kopf. Er war so groß, dass der größte von uns ihm gerade bis zur Taille reichte. Er war wirklich gut gebaut", beschrieb der Chronist der Expedition, Antonio Pigafetta, die Szene in seinen Aufzeichnungen. Das war kein Seemannsgarn. Die Spanier und Portugiesen waren klein, die Ureinwohner des fremden Landes dagegen hochgewachsen. Mit einer Art Schultüte über dem Kopf machten sie sich bei ihren religiösen Zeremonien noch viel größer. Zu sehen sind die geheimnisvollen Riesen heute nur noch auf Postkarten im Souvenirshop, wenn die Kreuzfahrer am Hafen wieder einschiffen. „Land des Rauches", taufte Magellan damals die Gegend, die später zu Feuerland wurde. Heute ist sie Niemandsland. Die Ureinwohner wurden von den europäischen Siedlern ausgerottet. Legitimiert von Naturforscher Darwin. Der bezeichnete sie als das „miserabelste Volk der Erde". Nur wenige überlebten und auch ihre Nachfahren sind inzwischen ausgestorben. Zwei besiegte Indianer mit Speer und Bogen in den Händen kauern Ferdinand Magellan zu Füßen. Der Entdecker steht breitbeinig auf einer Kanone. Sein Kopf ist stolz erhoben. Die Hand hat er an seinem Säbel. Das Denkmal auf dem Plaza de Armas mitten in Punta Arenas wurde zum 400. Jahrestag der Magellanstraße aufgestellt. Sie war eine der wichtigsten Handelsstraßen der Erde und Punta Arenas, die einstige Strafkolonie, zu einer der reichsten Städte geworden. Der kalifornische Goldrausch sorgte für Aufschwung. Alle Schiffe mit Auswanderern und Glücksrittern, welche die Westseite Amerikas zum Ziel hatten, fuhren hier vorbei. Manche blieben. Denn hier lockte das „weiße Gold". Reichtümer ließen sich in der unendlichen Pampa Patagoniens mit Schafen und ihrer Wolle verdienen. Durch Hochzeiten vereinigten sich die Familien der größten Schafsbarone und einflussreichen Unternehmer Braun, Menéndez und Nogueira zu einem Imperium, das seinen Wohlstand in der Stadt dekadent zur Schau stellte. Paläste wurden gebaut, der Marmor aus Italien herangeschafft, die Stoffe aus Frankreich, die Möbel aus England. Sie protzten nicht nur im Leben, auch im Tod sollten alle ihren Reichtum bewundern können. In prunkvollen Mausoleen, Tempeln und kleinen Kathedralen ließen sich die Schafsbarone zur ewigen Ruhe betten. Bis der Panamakanal 1914 eröffnet wurde und irgendwann die Preise für Schafwolle abstürzten. Auf der anderen Seite der Magellanstraße haben sich die Einwanderer schnell wieder verabschiedet aus der unwirtlichen Gegend Feuerlands zwischen Punta Arenas und Ushuaia, der südlichsten Stadt der Erde auf der Insel am Beagle-Kanal. Geblieben ist eine spektakuläre, unberührte Natur im Schatten der eisbedeckten Gipfel des Darwingebirges mit seinen riesigen kalbenden Gletschern. Hier geht es zum Ende der Welt: Kap Hoorn! 55 Grad, 59 Minuten südliche Breite; 67 Grad, 16 Minuten westliche Länge. Magellan hatte den Weg zum Kap Hoorn noch nicht entdeckt. Nach zwei Jahren, elf Monaten und zwei Wochen vollendete seine „Victoria" die erste Erdumsegelung und kehrte als einziges der fünf Schiffe zurück – ohne ihren Kapitän. Der starb auf der philippinischen Insel Mactan durch einen giftigen Pfeil.

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