Unterwegs am Detroit River: Nirgendwo lässt sich eine Pause so herrlich einlegen wie am Riverwalk, Detroits neue Uferpromenade. Und nirgendwo spiegelt sich Detroits neue Pracht so gut wie in den Glasfassaden des renovierten General Motors Renaissance Centers. - © Flora Jädicke
Unterwegs am Detroit River: Nirgendwo lässt sich eine Pause so herrlich einlegen wie am Riverwalk, Detroits neue Uferpromenade. Und nirgendwo spiegelt sich Detroits neue Pracht so gut wie in den Glasfassaden des renovierten General Motors Renaissance Centers. | © Flora Jädicke

USA Totgeglaubte leben länger

Am Ende scheint diese Wahrheit sich noch immer zu behaupten. Auch für Amerikas
düsterste Stadt. Detroit ist zurück. Es arbeitet, feiert, lacht und lebt

Flora Jädicke

Die Geschichte Detroits erzählt man am besten in der Vergangenheit. Von Zeiten der blühenden „Motor City". Reich und strahlend. Die Hauptstadt der „Big Three", Ford, General Motors und Chrysler. Bühne glitzernder Karossen und prächtiger Art Déco Architektur. Stolze Kulturmetropole mit 1,8 Millionen Einwohnern. 1701 hatte der Franzose Antoine de la Mothe Cadillac sie als Ville d’ Etroit (Stadt an der Meerenge) gegründet. Sie war ein Erfolgsmodell und mit 800 Einwohnern die größte Stadt westlich der Appalachen. Seit dem frühen 20. Jahrhundert lockte die boomende Autoindustrie nicht nur Arbeiter aus den Südstaaten und das große Geld an, sondern auch Künstler aus dem ganzen Land. Berry Cordys Musik Label Motown macht Detroit in der ganzen Welt bekannt. Das Studio A gehört heute zum Motown Museum. In den 60er-Jahren wird es zur Geburtsstätte von Musiker-Legenden wie Smokey Robinson, Steve Wonder, Diana Ross, Marvin Gaye, The Temptations oder Michael Jackson und Berry Gordy einer der ersten schwarzen Millionäre. Später ist sie der Olymp von House und Techno und die Heimat von Rapper Eminen. Aber da war Detroit schon am Boden. Tausende verlassene Häuser. Geblieben waren kaum 700.000 Menschen und das ausgezehrte Gerippe von Downtown Detroit. 1988 fährt der letzte Zug aus dem Grand Central Station. Aber der Verfall hatte schon viel früher begonnen. In den 50ern, als Ford seine Werke von Downtown an den Stadtrand verlegte. Und als im Jahr 1967 Tausende Kilometer weiter im Westen Amerika im „Summer of Love" mit Blumen im Haar um das goldene Kalb der freien Liebe tanzt, versinkt Detroit fünf Tage lang in Rassenunruhen. „Motor City" starb langsam – und lange. Wer blieb, zog an den Stadtrand, wenn er weiß war und zur Mittelschicht gehörte. Downtown, das waren Ruinen. Wer hier wohnte, war entweder alt, arm oder schwarz. Und das in der Stadt, in der Henry Ford 1909 die Welt auf Räder stellte und mit der Erfindung des Fließbandes die Industrielle Revolution erst richtig in Fahrt brachte. Mehr als hundert Jahre später war der amerikanische Traum hier an die Wand gefahren. 2013 meldete die Stadt Insolvenz an. Den Rest Amerikas rührte das wenig. Noch vor wenigen Jahren hätte man Michigans größte Stadt ohne jede Scheu zugrunde gehen lassen. Wären da nicht die vielen kleinen Bürger-Initiativen gewesen, Detroit wäre längst Geschichte. Ich stehe am Fenster meiner Hotelsuite im dritten Stock und blicke auf die Straße. Es sind die wenigen Stunden am frühen Morgen, in denen der Berufsverkehr noch nicht die Straßen verstopft. Unten sucht eine alte Frau mühsam ihren Weg über die Kreuzung. Einen Kaffee und einen Muffin später, treffe ich sie vor dem noblen Pastry Astoria Shop in der Monroe Street. Eine beliebte Vergnügungsmeile, quer durch den historischen Stadtteil Greektown. Wir gehen ein paar Schritte gemeinsam. Müde sei sie, flüstert sie mir ins Ohr. „Und Detroit?", frage ich. „Was ist mit Detroit?" „Das ist auch müde", sagt sie. Aber es wäre eben nur die halbe Wahrheit, würde man Detroits Geschichte nur in der Vergangenheit erzählen. Ich treffe Kalynne Defever am Hart Plaza. Die Marketingspezialistin erzählt Detroits Geschichte am liebsten in der Zukunft. Von den Hotels und Restaurants, die jeden Tag neu eröffnen. Von coolen neuen Shops und der entspannten Atmosphäre, die nach Downtown und Midtown zurückkehrt. Von renovierten Architektur Ikonen aus dem Art Déco wie dem Fischer Building. Von Henry Ford und Motown Museum und von den unzähligen Festivals. Es ist das Wochenende vor Labour Day und halb Detroit ist auf dem Weg „up north" zu den Sleeping Bear Dunes bei Traverse City oder in die verträumten kleinen Städtchen am Michigan See. Die andere Hälfte rüstet sich für das Jazz-Festival, das alljährlich zwischen Hart Plaza und Campus Martius stattfindet. „Mit dem Auto kommt man zur Zeit nirgendwo richtig voran", gesteht sie. Auch wegen der vielen Baustellen. Die Stadt erlebt seit einigen Jahren einen gewaltigen Bauboom. Viele kleine Manufakturen und Start ups haben sich in Downtown niedergelassen und auch die ganz großen Investoren sind zurück. „Detroit ist America’s Comeback City" sagt sie. Und dennoch bleibt Kalynne bescheiden. Es ist nicht der erste Versuch, Detroit wiederzubeleben. Diesmal aber sei es anders, versichert sie. Detroit erfinde sich gerade völlig neu. Und tatsächlich lässt einen der neue RiverWalk die düstere Vergangenheit leicht vergessen. Detroit ist erfrischend anders. Der People Mover, Detroits erste vollautomatische Hochbahn, bringt uns zum General Motors Renaissance Center, ein weitläufiges Areal für alle Arten von Veranstaltungen, Shops, Büros und Restaurants. Durch den Wintergarten blickt man auf den Detroit River, der gemächlich unbeirrt seinen Weg vom Eri See zur Mündung in den Lake St. Clair nimmt. Nur wenige Gehminuten über die Ambassador Bridge trennen Michigan und das kanadische Ontario. Zwischen 1830 und 1865 war der Nachbar Zufluchtsort für mehr als 50.000 geflohene Sklaven aus den Südstaaten. Wer es über den Underground Railroad aus den Südstaaten bis nach Detroit schaffte, war sicher, erfahre ich am Nachmittag im Charles H. Wright Museum of African American History. „Heute ist Windsor auf der anderen Uferseite eine gute Position, um die neue, prächtige Skyline von Detroit in aller Ruhe zu genießen", sagt Kalynne. Aber auch diesseits ist die Riverfront ein herrlicher Ort. Kinder spielen zwischen Wasserfontänen. Skateboarder erproben die weite Fläche. Männer in Businessanzügen und Spaziergänger schlendern zwischen Joe Loiuis Arena und Gabriel Richard Park die Uferpromenade entlang. In den Glasfassaden der Wolkenkratzer spiegelt sich die Septembersonne über dem Detroit River. MoGo Bike Share bietet Leih-Fahrräder an. Überall werden verwaiste Grundstücke in Parks verwandelt und alte Bahntrassen aus den 1830er-Jahren zu Radwegen. „Auch die Jefferson Avenue soll fußgängerfreundlich werden", erklärt Kalynne. Überhaupt bevölkern immer mehr Fußgänger und Radfahrer die einstige Motor City. Ausgerechnet Detroit wirbt mit einem grünen Herzen. Mehr als 1.000 Urban Gardening Projekte gibt es in der Stadt. Am Anfang waren sie pure Notwendigkeit, weil ein Supermarkt nach dem anderen schließen musste. Inzwischen sind sie ein Statement. Detroit will nicht zurück in die Vergangenheit. Es will eine Zukunft. Dazu gehört auch ein Transportmittel wie die QLine. Gerade erst eingeweiht, verkehrt die batteriebetriebene Straßenbahn entlang Woodword Avenue, Detroits Prachtboulevard. Hier in Midtown liegt eines der schönsten Bauwerke der Stadt und eines der bedeutendsten Kunstmuseen der USA, das Detroit Institute of Arts (DIA). Linda Cadaris erinnert sich noch genau an das Jahr 2000. Damals stand die heute pensionierte Lehrerin mit knapp 100 Detroitern vor dem DIA und verhinderte sprichwörtlich in letzter Minute den Verkauf der renommierten Kunstsammlung. Mehr als 65.000 Exponate sollten unter den Hammer. Darunter so seltene Schätze wie van Goghs erstes Selbstporträt. Bekannt ist das DIA vor allem für Diego Rivera’s gewaltiges Fresco „Detroit Industry" im Foyer des Museums. „Ich bin immer noch in jeder meiner Führungen überwältigt von der Schönheit dieser Sammlung", sagt sie. Jahrzehnte hatte Detroit seinen Gästen kaum mehr zu bieten als Elendtourismus und Stadtführungen zu den „Lost Places". Jetzt komme ich kaum hinterher, wenn Renee Monforton all die milliardenschweren Investitionen aufzählt, die gerade abgeschlossen wurden oder geplant sind. Ich treffe die Kommunikations-Chefin von Detroit Tourismus im Grey Ghost, einem der neuen, angesagten Restaurants der Stadt. Die Küche ist grün, frisch und jung, mit Produkten von Detroits ältestem Farmer Markt. „Jeden Tag eröffnet irgendwo ein neues Hotel, ein Restaurant, eine Brauerei oder Unternehmen wie „Third man records". Gleich hinter dem Konzeptstore werden in der gläsernen Produktionshalle neue Hits in Vinyl gepresst. Detroit steckt voller Überraschungen. Längst ist Michigans Comeback-Metropole der Geheimtipp unter internationalen Künstlern. „The Belt", zwischen Broadway und Library Street, haben Künstler des Library Street Collective zusammen mit Bedrock Real Estate Services in eine fantastische Streetart Gallery verwandelt. Am besten erzählt man Detroits Geschichte eben in der Vergangenheit und der Gegenwart – auch in Zukunft.

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