Spektakulär: Der Grand Harbour Malta ist einer der größten Naturhäfen Europas. - © picture alliance / prisma
Spektakulär: Der Grand Harbour Malta ist einer der größten Naturhäfen Europas. | © picture alliance / prisma

Malta Ein Land als Kulturhauptstadt

Malta feiert „Valletta 2018“. Vom Johanniterorden im Mittelalter erbaut, stützt sich die Stadt auf den Ruhm und das Erbe ihrer stolzen Vergangenheit

Heidrun Braun

Die Bauindustrie hat auf Malta das ganze Jahr Saison. Frostige Temperaturen sind hier unbekannt. Im Moment drehen sich in der Inselhauptstadt gefühlt mehr Baukräne als in Berlin. Valetta will als Europäische Kulturhauptstadt 2018 den besten Eindruck machen, baut um, baut neu und restauriert an allen Ecken. Der kulturelle Schatz Maltas bleibt allerdings die zum Unesco-Welterbe erhobene architektonische und kulturelle Hinterlassenschaft der Ritter vom Malteserorden, die hier über Jahrhunderte hinweg europäische Geschichte schrieben. Alfred Papsian ist Gästeführer in Valetta und kennt sich im Ritterthema bestens aus. Vor allem weiß er, dass die Touristen in der Regel keine Ahnung haben und er immer wieder den Unterschied zwischen Johanniter- und Malteserorden erklären muss, der eigentlich keiner ist. Erst nachdem der Johanniterorden von Jerusalem über Zypern und Rhodos seinen Sitz über viele Jahrhunderte in Malta hatte, setzte sich mit der Zeit die Bezeichnung Malteserorden durch. Ein kleiner Teil der Ordensritter in Deutschland wechselte mit der Reformation die Konfession und nennt sich immer noch Johanniterorden. „Die sind evangelisch, haben Vereinsstatus und sind nicht souverän", schafft Alfred sofort Klarheit. Damit meint er, dass der heute weltweit 13.500 Mitglieder zählende und in 90 Ländern karitativ tätige katholische „Souveräne Malteserorden" umfassendere Rechte als die Johanniter hat. Er unterhält diplomatische Beziehungen, hat den Status eines ständigen Beobachters bei den Vereinten Nationen, eine eigene Währung und eigene Briefmarken. Die Johanniter waren von dem Umzug von Rhodos auf den nackten Felsen im Mittelmeer ohne Flüsse, Wälder und Gebirge – genannt Malta – nicht begeistert. Für die malerischen Klippen, das türkisblaue Wasser und die Felsenhöhlen an der Blauen Grotte hatten sie kein Auge. Allein der osmanische Vorstoß gegen Europa zwang sie dazu. Kaiser Karl IV. liebäugelte mit Malta als Schild für Europa gegen die Gefahr aus dem Morgenland und rechnete mit der militärischen Unterstützung des Ritterordens. Deshalb überließ er den Johannitern Malta als ewiges Lehen. Bis im Jahr 1571 die neue Hauptstadt Valetta fertig war, die Großmeister Jean Parisot de la Valette erbauen ließ, fungierte das Fort St. Angelo als Sitz für die Johanniter. Es liegt am weit verzweigten Hafenbecken gegenüber von Valetta in der Stadt Birgu, die gemeinsam mit den Städten Senglea und Bormla heute die „Three Cities" bildet. Die Briten verließen die Festung 1979, ließen aber die Sprache, das Bingo-Spiel und den Linksverkehr zurück. Da, wo die Galeeren der Ritter festmachten, liegen heute Luxusyachten dicht an dicht in der Grand Harbour Marina vor Anker. „Die sind nicht hier, um Malta zu besuchen", klärt Alfred auf, „Malta ist nur ein günstiger Ausgangspunkt für Schiffsausflüge ins Mittelmeer. Die Yachten parken hier, bis es losgeht". Eine breite Reitertreppe führt hinauf in das Fort, das nach jahrelangen Restaurierungs- und Umbauarbeiten erst seit einem Jahr besichtigt werden kann. Die in Position gerückten Kanonen verursachen Ritterfeeling und auch ein bisschen Gänsehaut. Hier tobte 1565 die große Schlacht gegen die Osmanen, die das Fort mit 200 Schiffen vier Monate lang erfolglos belagerten. Es war ein verlustreicher und grausamer Kampf. Die Osmanen banden die getöteten Ritter auf Kreuze und ließen sie im Grand Harbour treiben. Da vergaß auch der Großmeister La Valette jede christliche Barmherzigkeit. Er ließ viele türkische Gefangene töten und ihre Köpfe mit den Kanonen in die feindlichen Linien schießen. Die Schlacht beendete die Vorherrschaft der Osmanen im Mittelmeer. Das Christentum in Europa war gerettet. Das Gelübde der Johanniter beinhaltet Armut, Keuschheit und Gehorsam. Dehnbare Begriffe, die auf die Anfänge der Johanniter zurückgehen, die sich im 11. Jahrhundert als Hospitalsgemeinschaft christlicher Adliger aller abendländischen Nationalitäten in Jerusalem gründeten. Kranken zu helfen und Pilger zu beschützen ließ sich allein mit guten Worten nicht verwirklichen. Es brauchte Geld für eine eigene Flotte, das nicht nur aus den betuchten Familien der Ritter, sondern auch von im Namen Gottes gekaperten Handelsschiffen kam. Besucher des Hospitals der Johanniter auf Malta bekommen große Augen, wenn sie hören, dass es dort schon immer eine Babyklappe gab. Die Enthaltsamkeit bezog sich wohl nur darauf, nicht zu heiraten. Die Paläste der Ritter sind die Perlen der barocken Architektur in Valetta, allen voran der Großmeisterpalast. Vom pompösen Hauptkorridor geht es zur Besichtigung in mehrere prachtvolle Säle. Der Weg dahin wird von bescheidenen, vergoldeten bis zu überschwänglich verzierten Paraderüstungen flankiert. Bequem sehen sie alle nicht aus. Je nach Geldbeutel bauten sich die Ritter eigene Paläste oder mieteten sich beim maltesischen Adel ein. Zum Beispiel in der Casa Rocca Piccola, dem Stadtpalast der Adelsfamilie De Piro, die ihr Haus zur Besichtigung geöffnet hat. Sein erster Besitzer war Don Pietro La Rocca, Admiral des Ritterordens vom heiligen Johannes in der italienischen Zunge. Heute gehört das Haus Baron Nicholas de Piro, der als Autor eine Menge historischer Bücher geschrieben hat. Mit viel Witz und einer Menge Anekdoten führt die Baroness, Frances Marchioness de Piro, durch die zwölf Wohnräume. In den vergangenen 400 Jahren scheint nicht viel weggeworfen worden zu sein. Zu den besonderen Schätzen gehören die Pantoffeln dreier Päpste, die Sänfte des französischen Ritters Victor Nicholas de Vachon und die transportable Kapelle mit Tabernakel und Reliquien. Ein maltesisches Schachspiel zeigt in Johannitermanier die Figur des Königs als Christ und die Königin ohne Krone. Unter dem Garten im Innenhof führt eine Treppe in die Gewölbe des wahrscheinlich gemütlichsten Luftschutzkellers weit und breit. Er leistete den Maltesern im Zweiten Weltkrieg gute Dienste. Für 2018 erhofft sich Malta viele Touristen, obwohl das Land nach dem Mord an der Journalistin Daphne Caruana Galizia, unter Schock steht und die Korruptionsvorwürfe gegenüber Regierungsmitgliedern immer lauter werden. Auch der Malteserorden hat Probleme, streitet um eine neue Ausrichtung und hat zurzeit keinen Großmeister. Die auf dem Wasser schaukelnden bunten Boote im Fischerdorf Marsaxlokk, die Aussichtspunkte auf den Felsklippen auf die spröde Schönheit der Landschaft, die Blütenpracht in den Städten, die Olivenhaine- und Obstplantagen zogen schon immer Touristen auf die Insel. Im Kulturhauptstadtjahr kommen viele Festivals und Veranstaltungen zu Film, Theater, Musik sowie künstlerische Installationen hinzu.

realisiert durch evolver group