Kurz vor dem höchsten Pass: Die Trekking-Teilnehmer unterhalb des 6.271 Meter hohen Salkantay-Berges. Die Tage darauf durchqueren sie andere Vegetationszonen. - © Ludger Osterkamp
Kurz vor dem höchsten Pass: Die Trekking-Teilnehmer unterhalb des 6.271 Meter hohen Salkantay-Berges. Die Tage darauf durchqueren sie andere Vegetationszonen. | © Ludger Osterkamp

Peru Zu Fuß nach Machu Picchu

Der Salkantay-Trail führt auf einem alten Inkapfad über die Hochanden, durch Regenwald und über
Lamaweiden ins heilige Urubamba-Tal – und all das ist auch in einer Komfortvariante möglich

Ludger Osterkamp

Klar kann man sich für den Inka-Trail entscheiden. Machen die meisten, die sich Machu Picchu zu Fuß nähern wollen. Aber will man das? Sich den Weg mit 500 anderen Wanderern teilen? Gebühren zahlen? Sich Monate vorher die Genehmigung besorgen, in der Hoffnung, annähernd den Wunschtermin zu bekommen? Nicht nötig: Mit dem Salkantay-Trail gibt es eine wunderbare Alternative. Er ist länger, schöner und anspruchsvoller, weil er zwischen 4.600 und 1.900 Metern mehrere Landschafts- und Vegetationszonen durchquert, nicht überlaufen ist und mit Ausblicken verwöhnt, von denen jener auf die Inka-Zitadelle nicht mal der beeindruckendste ist. „Der Salkantay-Trail ist der beste Weg, sich Machu Picchu zu nähern", sagt Pepe, unser Wanderführer. Wir stehen in 2.740 Metern Höhe auf einer Lichtung und blicken über das heilige Urubamba-Tal hinweg. Auf der anderen Bergseite, in 15 Kilometern Entfernung, sehen wir auf einer Kuppe die berühmtesten Ruinen Südamerikas, ein Blick, der anderen Peru-Wanderern verborgen bleibt. Seit fünf Tagen sind wir nun mit dem Summit Club des Deutschen Alpenvereins unterwegs, unsere Wanderung nähert sich ihrem Ende. Morgen werden wir dort drüben stehen, werden um 2.30 Uhr unsere Wecker geklingelt und wir uns in der langen Warteschlange einen Platz weit vorne gesichert haben; um 5 Uhr werden wir mit einem der ersten Busse nach oben gebracht worden sein und um 6 Uhr zu den ersten zählen, die Machu Picchu durchqueren. Wir werden uns vorstellen, wie Tausende von Arbeitern unter der Herrschaft ihres Inkas Pachacutec eine Festung errichteten, ein politisches, religiöses und administratives Zentrum, das nicht mal die goldsüchtigen Spanier in ihrem Plünderungswahn zu entdecken vermochten, und wir werden von einer Anhöhe von etwa 2.500 Metern die Sonne über dieses großartige Menschheits-Vermächtnis aufgehen sehen. Und: Wir werden es uns verdient haben. Fünf Tage zuvor waren wir mit dem Bus in Cusco aufgebrochen, der ältesten Stadt Amerikas; von dieser 3.400 Meter hoch gelegenen Kapitale aus hatten die Inka einst ihr riesiges Reich geordnet. Der Bus hatte uns nach Mollepata gebracht, zum Start des Trekkings, doch zuvor hatten wir uns noch eine Meerschweinchenfarm angesehen. Wir hatten 300 Tiere durch ihre Gatter flitzen sehen, hatten gehört, dass sie in nur drei Monaten fett werden. Manche von uns hatten Meerschweinchen (Cuy) schon zu Beginn ihrer Reise genossen, knusprig gegrillt, hatten sich beim Geschmack an Wachteln und Kaninchen erinnert gefühlt, doch satt waren sie nicht davon geworden. In Cusco hatten sie in der Kathedrale das Gemälde vom letzten Abendmahl betrachtet, wo Jesus und seine Jünger Meerschweinchen aßen. Doch nun scharren wir mit den Hufen. Wir wollen los. Ein Stück noch bringt uns der Bus die Schotterstraße hinauf, dann setzt er uns auf 3.600 Metern Höhe ab. Ein offener Bewässerungskanal trifft hier auf die Straße, ein Levada-Weg, wie man ihn von Madeira kennt. Wir folgen ihm und genießen den Blick ins Tal auf den Rio Apurimac, Quellfluss des Amazonas. Nach drei Stunden erreichen wir unsere erste Trekking-Unterkunft. Die Salkantay-Lodge ist eine der vier Berglodges in Peru; sie liegt auf einem 3.800 Meter hohen Plateau und bietet eine spektakuläre Sicht auf den Gipfel des Salkantay (6.271 Meter), des „wilden (salka) Berges", der den Inka als heilig galt, weil er wie ein Gott über Fruchtbarkeit und Wetter bestimmte. Zwei Nächte bleiben wir hier, denn selbst nach einer Woche Akklimatisierung ist es ratsam, sich an die Höhe zu gewöhnen. Keiner von uns musste bislang Symptome wie Müdigkeit, Kopfschmerzen, Atemnot und Appetitlosigkeit beklagen, und das soll so bleiben. Wir genießen den Komfort, die vorzügliche Küche und das Jacuzzi unter freiem Himmel. Gleichwohl: Eine Halbtagswanderung am nächsten Morgen ist drin. Pepe führt uns über Hochlandwiesen zum 4.200 Meter hohen Gletschersee unterhalb des Humantay (5.917), eine eisblaue Lagune inmitten rauer Berge. Sie sieht umwerfend aus, aber schwimmen mag hier niemand. Nachts hatte es geschneit. Tags darauf sind wir bereit für die Königsetappe des Treks – die Überquerung des Apacheta-Passes zwischen den Gletschern des Salkantay und Humantay. Wir haben Verstärkung bekommen: José, zweiter Bergführer und Julian begleiten uns. Julian führt ein Pferd am Zügel, es hat Sauerstoffflaschen, Wasser und Medikamente geladen – der Summit Club legt Wert auf Sicherheit in solchen Höhen. Langsam schreiten wir voran. Rechts, links, nur nicht hetzen in dieser dünnen Luft. Als wir den Sattel erreichen, mit 4.629 Metern höchster Punkt unseres Trekkings, jubeln wir, klatschen uns ab, schießen Fotos. Hinunter, auf dem Weg ins Hochtal von Wayraccmachay, „wo der Wind lebt", fällt uns eine alte Terrassierung auf: Inka-Terrain. „Früher war das hier ein Handelsweg für Kokablätter und Schmuggelware", erklärt Pepe. Heute bringen die Männer, die uns entgegenkommen, nur Pferde über den Pass. Rund 40 Soles (zehn Euro) pro Tag kostet es, ein Pferd oder Esel für sein Gepäck zu buchen, den gleichen Preis verlangt der Führer. Die Preise sind vorgegeben, so will man Wucher verhindern. Als wir die Wayra-Lodge erreichen, auf 3.920 Metern gelegen, sind wir glücklich: Geschafft! Am nächsten Tag wandelt sich die Landschaft. Kurz sehen wir drei Kondore ihre Kreise ziehen, dann verlassen wir die Hochanden und tauchen im Collpapampa-Tal in den Nebelwald ein, ein Ökosystem mit einer enormen Artenvielfalt. Wir sehen Bambushaine, Kolibris, Farne und Orchideen, wahre Teppiche davon. Bis zur Collpa-Lodge, 2.870 Meter, ist die Vegetation beinah tropisch geworden. Das Lodge-Team empfängt uns mit frisch gepresstem Maracuja-Saft und warmen Handtüchern für Hände und Gesicht, so wie in den Tagen zuvor und danach. Man nimmt uns die Wanderstöcke ab. Auf den Wiesen grasen Lamas und Alpakas. Auf dem Weg nach Lucmabamba durchqueren wir eine weitere Vegetationszone. Wir folgen dem Rio Santa Teresa, sehen Wasserfälle, Kaskaden, Hängebrücken, vor allem aber Vögel: Papageien, Kolibris, Fregattvögel, einen Tukan. José erweist sich als ein Meister des Spähens: Noch im dichtesten Grün entdeckt er sie. Einen hingegen hören wir nur: Den Inca-Wren. Unglaublich! Verglichen mit ihm hört sich eine Nachtigall wie eine Krähe an. Lauschend schleichen wir weiter, passieren Wälder von Avocado-Bäumen, pflücken Granatäpfel. Schließlich, kurz vor der Lucma-Lodge (2.135 Meter), ist es die Nase, die sich meldet: Kaffee! Plantagen mit Arabica-Bohnen! Eine Bäuerin röstet sie auf offenem Feuer und schenkt uns herrlich duftenden Kaffee ein – frischer geht nicht, stärker allerdings auch nicht. Immer wieder sind wir nun auf historischen Treppen unterwegs – Zeugnisse der polygonen Steinmetzkunst der Inkas, ohne einen Gramm Mörtel, werden sie wohl Jahrtausende überdauern. Nur einmal müssen wir noch hinauf, an Ausgrabungen vorbei, bis wir steil ins Urubamba-Tal absteigen. Unten am Bahnhof der Hydroelectic empfängt uns die Zivilisation mit einem Gewusel, wie wir es lange nicht erlebt haben. Rucksackwanderer, Pauschaltouristen, Bauern mit Hühnerkäfigen und Futtersäcken: Hier ist alles versammelt, hier wartet alles auf den Zug. Ein schnelles Cusqena-Bier in der Bahnhofskneipe, dann bringt uns die Hydroelectric nach Aguas Calientes (heiße Quellen), die Stadt, die sich heute Machu-Picchu-City nennt. Obwohl keine Straße hier hinführt, ist es ein nervöser, hitziger Ort, eine Mischung aus Wildwest und Touri-Basar. Was soll’s: Am Kolosseum, dem Taj Mahal, den Pyramiden dürfte es nicht weniger trubelig zugehen. Das Weltwunder Machu Picchu wartet auf uns.

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