Wasser, Berge und rote Nordlandhäuser: Die Insel Lovund bietet die perfekte Aussicht. Tief einatmen – und genießen. - © Anne Wunsch
Wasser, Berge und rote Nordlandhäuser: Die Insel Lovund bietet die perfekte Aussicht. Tief einatmen – und genießen. | © Anne Wunsch

Norwegen Im stillen Inselparadies

Helgeland bietet mit seinen unzähligen Inseln den puren Naturgenuss. Hier heißt es: Abschalten, genießen und glücklich sein

Anne Wunsch

"Hören Sie das?", fragt der Busfahrer, während er das Gepäck vor die Tür des alten weißen Bauernhauses stellt, das inmitten einer sattgrünen Wiese mit gelben Butterblumen steht. „Nein, nichts." Der Busfahrer grinst: „Das meine ich. Selbst die norwegischen Touristen müssen sich an die Ruhe hier gewöhnen. Und das will wirklich was heißen." Er hat Recht. Diese Stille verzaubert. Und nicht nur die. Für diese Natur muss das Wort Bilderbuchlandschaft erfunden worden sein. Wir sind in Helgeland in Nordnorwegen. Tausende Inseln und Schären warten darauf, erkundet oder von der Fähre aus bestaunt zu werden. Manche sind so klein, dass nur ein paar Schafe Platz darauf finden. Manchmal auch ein Ferienhaus. Andere sind größer. Das alte Bauernhaus steht auf der Insel Dønna – etwa 190 Quadratkilometer, rund 1.500 Einwohner. Wer sich hier aufs Fahrrad schwingt und an den roten Holzhäusern, grünen Wiesen mit blökenden Schafen und den majestätischen Bergen vorbeiradelt und dazu die salzige Meeresluft einatmet – dem kommt der Gedanke: Kein Wunder, dass diese Norweger so glücklich sind. Und das Glück überträgt sich schnell. Es ist nicht nur die bezaubernde Landschaft, die die Helgelandküste zu einem besonderen Erlebnis macht. Es sind auch die Menschen, die ihre Gäste mit ihrer Herzlichkeit empfangen. Zum Beispiel Jens Carlsen, Besitzer der mehr als 120 Jahre alten Dønnes Farm, der seinen neugierigen Besuchern die nur wenige Meter entfernte Kirche aus dem 12. Jahrhundert zeigt und sie mit allen wichtigen Informationen versorgt. Oder Sverre Hansen. Er bewirtet seine Gäste direkt am Wasser mit Wein, Fisch und Rentiereinopf im „Bøteriet!". Alle Zutaten frisch und regional. Und bei einem kleinen Plausch an der Theke erzählt Sverre Hansen, wie er das Bootshaus in Eigenarbeit umgebaut hat und woher die Fischernetze an der Decke stammen. Und schnell ist das Weinglas wieder voll. Von Hektik keine Spur. Wer übrigens von Ende April bis Mitte August hier ist, kann die Inseln dank der Nähe zum Polarkreis die ganze Nacht genießen. Die Mitternachtssonne sorgt für ein wunderschönes Farbenspiel. Wer es doch schafft, sich loszureißen und ins Bett zu gehen: Eine Schlafbrille im Gepäck sorgt für dunklere Nächte. Aber mitten in der Nacht mit einem Buch am Strand sitzen, ist definitiv auch ein besonderes Erlebnis. Am nächsten Tag geht es weiter. Denn das Motto ist: Insel-Hopping. Die Fähren bringen die Besucher (inklusive Fahrrad) von Insel zu Insel. Der Wind weht und immer wieder entdeckt man diese ganz besondere Bergformation. „E syv søstre" – die sieben Schwestern. An den sieben Bergen führt in Helgeland kein Weg vorbei. Die sieben Töchter eines Trollkönigs sollen einst vor einem Königssohn geflohen und zu Stein erstarrt sein. So die Legende. Im Hier und Jetzt bieten sie dem Insel-Hopper eine gute Orientierung und dem Wanderer eine wunderschöne Herausforderung. Eine entspanntere Wanderung führt den Berg Torghatten hinauf, in der Nähe der Stadt Brønnøysund, Anlegestelle der Schiffe der Hurtigruten. Oben angekommen schaut der Besucher durch das, was den Berg so besonders macht: ein etwa 35 Meter hohes und rund 160 Meter langes Loch. Das soll entstanden sein, als der Königssohn einen Pfeil abschoss, der jedoch im Hut des Königs landete. So endet die Legende. Zugegeben: Sie ist nicht ganz einfach. Aber Sie treffen garantiert einen Einheimischen, der das mit den Schwestern noch einmal in Ruhe erklärt. Wir sind inzwischen wieder mit der Fähre durch das helgeländische Inselparadies unterwegs und steuern Lovund an. Bevor die Menschen die Fähre verlassen, werden Post und Lebensmittel abgeladen. Dann betritt der Besucher die 500-Einwohner-Insel, auf der Traditionsidylle auf moderne Wirtschaft trifft. Da sind die wunderschönen Nordlandhäuser, die meisten rot, einige weiß und hinter einigen Sträuchern versteckt sich eine rosafarbene Villa Kunterbunt. Und da ist die moderne Lachsfarm „Nova Sea". 250 Mitarbeiter, 150 davon leben auf der Insel. 350 Tonnen Lachs jeden Tag. Das Unternehmen wächst stetig. Wie sich die Insel entwickelt hat, kann Sivert Olaisen berichten. Er führt das einzige Hotel auf Lovund, modern und mit schicker Dachterrasse. Nicht ohne Stolz erzählt er von der Vollbeschäftigung und dass mittlerweile 84 Kinder in der Schule und 55 im Kindergarten sind. „Doch das Wichtige ist, dass sie nach ihrer Ausbildung wieder zurückkommen", sagt der 34-Jährige. So wie er, der nach seinem Studium in Lillehammer das Hotel seines Vaters weiterführte und ausbaute. Im Restaurant können die Gäste mit Blick aufs Meer den butterweichen Lachs genießen, gegart bei 45 Grad, zubereitet von der österreichischen Küchenchefin. Sivert Olaisen möchte nicht nur, dass die Besucher sich in seinem Hotel wohlfühlen, sondern ihnen die Insel nahebringen – seine Insel. Beim Spaziergang zu den Papageientauchern, für die Lovund bekannt ist, erzählt er: „Ich freue mich, wenn Touristen kommen und die Insel kennenlernen wollen. Wir brauchen sie. Aber nicht um jeden Preis." Nachhaltiger Tourismus ist für Sivert Olaisen das große Stichwort. Es geht den Berg hinauf und der Hotelbesitzer erklärt, dass die schwarz-weißen Vögeln mit dem orangefarbenen Schnabel in den Felszwischenräumen ihren Nachwuchs großziehen. „Jedes Jahr kommen sie am 14. April zur Eiablage – auch in Schaltjahren", berichtet Sivert Olaisen . 45 Tage brüten die Papageientaucher, 45 Tage ziehen sie die Jungen groß. Dann geht es wieder zurück aufs Meer. Sivert Olaisen vermittelt seinen Besuchern, dass die Vögel geschützt werden müssen. Deshalb gilt: Abstand halten. Mit einem Fernglas oder einem sehr guten Kameraobjektiv kann man aber einen Blick auf die Schnellflieger erhaschen. Dazu gibt es hier oben wieder einen wundervollen Blick auf die Inselwelt. Die Weite und die Farben verzaubern. Genießen ist angesagt. Und ob Sie hier etwas hören? Nein, nichts. Das nennt man wohl nordnorwegische Stille. Sie werden sie nach der Reise vermissen – versprochen.

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