In feinsten Trachten: Der Silberschmuck der Leelo-Sängerinnen präsentiert faszinierendes Kunsthandwerk. - © Ulla Wolanewitz
In feinsten Trachten: Der Silberschmuck der Leelo-Sängerinnen präsentiert faszinierendes Kunsthandwerk. | © Ulla Wolanewitz

Estland Volksmusik und Heavy Metal

Ulla Wolanewitz

Die Esten, sie sind echte IT-Cracks. Schließlich haben sie das Skypen erfunden und bereits Ende der 90er Jahre verfügte in Estland jede Schule über einen Internetzugang. Die Esten sind aber auch die Besten, was kulturelle und musische Bildung und Kreativität anbelangt. Wer es nicht glaubt, kann in Tartu beginnen, sich davon zu überzeugen. Voraussetzung: Augen auf! Auch im Straßenverkehr. Durchfahrverbote sind hier nicht mit schlichten Betonpollern markiert. Schließlich bieten sie auch Gestaltungspotenzial. Sie werden zu urbanen Schmuckstücken durch die Darstellung von Vogelköpfen. Was weiteren Einfallsreichtum anbelangt, da liegt die „Aparaaditehas Creative Factory (ACF)" ganz weit vorn. Dort, wo in Sowjetzeiten Tachometer, Türstopper und Regenschirme vom Band liefen, ist ein „Innovativ-Mekka" entstanden in dem heute Start-Up-Unternehmen spannende Ideen entwickeln. Und: Hier ist auch das Trüki – Paberimuuseum untergebracht. Da macht es Spaß sich Lemmit Kaplinski an die Fersen zu heften. Begeistert zeigt er ein ums andere Exponat aus Papier, das hier in Kreativ-Workshops entstand. Zur Krönung all dessen führt er seinen Gast in die alte Druckerei. „Hier sprechen alle Maschinen deutsch", flachst er und meint damit nicht nur die alte Heidelberger-Druckmaschine. Wer gerne selber experimentiert und große Zahnräder in Schwung bringt, der kann sich hier zur Erinnerung ein eigenes Notizbuch anfertigen. Der Titel ist schnell gefunden: Ma armastan Eestit – Ich liebe Estland. Noch spannender und amüsanter wird es im Südosten des Landes, in der Region Setomaa, wo die Setos leben. Die vielstimmigen, archaischen Lieder der Volksgruppe genießen den Schutzmantel vom UNESCO-Welterbe. Tatsächlich erinnert dieser finno-ugrische Leelo-Gesang an heilsame Mantrenklänge. Und: Leelo ist allein den Frauen vorbehalten. Sie malen damit vokale Gefühls- und Gedankenbilder, schicken positive Affirmationen in die Welt, bewahren Erinnerungen und geben sie an die nächste Generation weiter. Spannend. Auf dem Seto-Folkfestival bei Värska beweisen sie beim Kreistanz gerne wie es klingt. Dabei präsentieren ihre aufwändig gefertigten Trachten, mit dem silbernen Brustschmuck, faszinierendes, farbenfrohes Kunsthandwerk. Hier gibt es auch die beste Gelegenheit, die traditionelle kalte Gurkensuppe zu genießen. Selbstverständlich mit dem leckeren braunen Kümmelbrot und einem Stück geräuchertem Schinken mit breitem Fettstreifen. Alternativ dazu: Getrockneter Stockfisch als deftiger Partysnack, in Kombination mit einer frisch gebrauten Hopfenkaltschale – dem Craftsbier einer Mikrobrauerei. Dazu passen die rasanten Klänge, die junge freakige Weltmusiker ihren Quetschkommoden entlocken und die Kulisse mit flotten Polka- und Skarhythmen beleben. Die Zuhörer freut es. Sie tanzen spontan dazu. Den krönenden Abschluss liefert allerdings eine „Heavy Metal Troll Band". Natürlich sind die Jungs mit langer Haarpracht ausgestattet. Sonst wäre kein „Headbanging" möglich. An schrägen E-Gitarren, Modell „zackige Sternschnuppe", greifen sie in die Saiten und grölen ihre archaischen tiefen Stimmen in den Nachthimmel als würde Peko, der Gott des Feldes, sich aus der Unterwelt ankündigen. Der Titel des Songs ist wiederum ein Brüller. weil er „Schöne Grüße an Mutti" heißt. „Metal meets Leelo" muss kein krasser Gegensatz sein. In Setomaa hat alles einen Platz nebeneinander. Die Leelo-Sängerinnen sitzen beim „Metal" in der ersten Reihe und umgekehrt. Apropos Musik: Bei dem Vollblut-Musiker Tarmo Noorma war es die Großmutter, die ihn mit seiner Akkordeonmusik verzauberte. Gleichzeitig stattet sie damit ihren Enkel mit wunderbarem Rüstzeug für seine berufliche Karriere aus. „Bei Musik muss man die Sprache nicht verstehen. Sie muss aber unter die Haut gehen, sie muss berühren", sagt Tarmo. Heute leitet der Akkordeonist das estonische Musikcenter in Viljandi, das auch aufgrund seines umfangreichen, phonetischen Archivs stark frequentiert wird. Zudem ist er Initiator vielerlei Konzerte und auch des Weltmusik-Festivals. Ende Juli gehen an diesem beschaulichen Ort, der zweifelsfrei als „Künstler-Mekka" und als kulturelle Hauptstadt Estlands gehandelt wird, 100 Konzerte über die Bühne. Die knapp 18.000 Bewohner der kleinen Stadt nehmen dann für vier Tage 30.000 Gäste auf. „Sie stellen Zimmer zur Verfügung und ihre Gärten zum Zelten", betont der 36-Jährige die Gastfreundlichkeit der Viljandier. Dass Musik energetisch hochgeladen und nachhaltig positive Wirkung auf das Gemüt haben kann, weiß die Menschheit nicht erst seit Beethovens „Ode an die Freiheit". Positive Energie ist auch das Stichwort für Tarmo. Das ist Treibstoff auf seinen Motor. „Genau deshalb mache ich das Festival. Es gibt mir das Gefühl, ich rette die Welt", schmunzelt der Tim Bendzko von „Estonia" und legt nach: „Mir ist klar, dass mir das nicht gelingt. Aber es ist mein Beitrag, etwas Gutes, Nachhaltiges in die Welt zu geben." Könnte Joseph Beuys das noch miterleben. Der Vater der „sozialen Skulptur", die durch das menschliche Handeln, die Gesellschaft positiv formen soll, er hätte sicherlich seine helle Freude daran. Die Esten sind das beste Beispiel dafür, wie sich kulturelle und überhaupt musische Bildung auf eine Nation auswirkt. Wer einmal da war, bekommt das Gefühl, auf einer gechillten, entspannten Friedensdemo zu sein und möchte möglichst schnell wieder dorthin.

realisiert durch evolver group