Am Ende der Königsetappe: Der Panoramaweg in der Nähe des Kleinen Lagazuoi bietet den Wanderern einen großartigen Blick auf die 3.000 Meter hohe Fanesgruppe. - © Ludger Osterkamp
Am Ende der Königsetappe: Der Panoramaweg in der Nähe des Kleinen Lagazuoi bietet den Wanderern einen großartigen Blick auf die 3.000 Meter hohe Fanesgruppe. | © Ludger Osterkamp

Italien Durch die bleichen Berge

Den Dolomiten-Höhenweg Nr. 1 halten viele Reiseführer für eine der schönsten Touren der Welt. Vor genau 50 Jahren wurde er in den Alpen angelegt

Ludger Osterkamp

Bevor wir zu den gängigen Superlativen kommen, etwas Hintergrundwissen: Die Dolomiten heißen Dolomiten, weil sie nach dem Geologen Déodat de Dolomieu benannt sind. Der Franzose hatte Ende des 18. Jahrhunderts den chemischen Unterschied zwischen gewöhnlichem Kalkstein und jenem Gestein beschrieben, das für die Bildung von Karst von großer Bedeutung ist: Kalzium- und Magnesiumkarbonat, vor Jahrmillionen vom Meer umspült, formten aus den Kalkriffen die „bleichen Berge", die durch ihren Kontrast zwischen grünen Almwiesen und weißen, kulissenartig gestaffelten Felstürmen so gerühmt sind. Nirgendwo sonst auf der Welt findet man diesen Kontrast auf derart engem Raum vereint. Wer das schön findet – und davon gibt es viele –, kann seine Euphorie erfahrungsgemäß nur mit Mühe zügeln. Und ehrlich gesagt: Uns geht es nicht anders. Wir sind auf dem Dolomiten-Höhenweg Nr. 1 unterwegs, einem von zehn, die quer durch diese Wunderwelt führen. 1967 vor genau 50 Jahren eröffnet, ist er unter den „Alta Via delle Dolomiti n.1-10" der älteste und populärste. Eine Gruppe von Ortskundigen hatte etliche Jahre an der Wegstrecke getüftelt; sie hatte alte Pfade verbunden, neue angelegt und in den Passagen dazwischen Steige angelegt, damit auch jene auf ihre Kosten kommen, die für schöne Perspektiven gerne Schlenker in Kauf nehmen. Wobei: Technisch ist der „Einser" harmlos; kein Gletscherfeld, keine Kraxelei. Steigeisen und Seil können daheim im Schrank bleiben. Dass wir den Weg nicht für uns alleine haben, war klar. Doch welch ein Trubel beim Start! Der Pragser Wildsee (1.496 Meter), malerisch, dass es an Kitsch grenzt, ist umgeben von Ausflügler-Scharen. Schon immer Postkartenmotiv, stellen wir fest, dass Bruno Banani oder welche Modemarke auch immer die Kulisse für ein Foto-Shooting nutzt: Gegelte Gigolos in Klamotten, mit denen sie kaum die nächste Treppe hochkämen. Stefan, unser Bergführer, treibt uns an: Nichts wie weg hier! Wir wollen auf die Seekofelhütte (2.327 Meter), zur Mittagsrast, und viele Kehren und Schweißtropfen später haben wir sie erreicht. Gut so. Es öffnet sich der Blick auf die Geisler-Gruppe, den Monte Cristallo, die Hohe Gaisl, die Kreuzkofelgruppe. Willkommen im Hochgebirge. Manche schlagen schon hier ihr erstes Lager auf, andere gehen weiter bis zur Sennes- oder gleich zur Faneshütte. Wir entscheiden uns für die Pederü-Hütte (1.545 Meter) dazwischen. Keine schlechte Wahl. Die Hütte ist saniert und mit Zirbenholz ausgekleidet. Stefan, von Beruf Förster, berichtet von Studien, wonach Menschen, die in Zirbenbetten schlafen, um fünf Prozent erholter aufwachen. Wir glauben das gerne, wobei die ersten tausend Höhenmeter rauf und runter dem tiefen Schlaf gewiss zuträglich waren und der Zirbenschnaps womöglich auch. Auf das Zirbeneis hatten wir verzichten müssen, das gibt es nur in der Senneshütte, angeblich der einzige Ort in Italien, der es anbietet. Manche Reiseführer, und gar nicht mal solche, die für ihren unkritischen Überschwang berüchtigt wären, preisen die Schönheit des Dolomiten-Höhenweges Nr. 1 über alle Maßen. Der Rother-Wanderführer und das sonst stets moderate Töne anschlagende Standardwerk „Hüttentrekking Ostalpen" halten ihn gar für „eine der schönsten Touren der Welt". Nun ja; über Superlative kann man streiten. Aber mit Sicherheit, weil Fakt, lässt sich sagen, dass ein Teil der Dolomiten 2009 nicht nur seiner Fauna und Flora, sondern auch seiner einzigartigen Schönheit wegen von der Unesco zum Weltnaturerbe erklärt wurde – und der „Einser" führt mitten hindurch, auf einer wunderbaren, dabei technisch einfachen Route. Das hat schon was. Allerdings: Wir haben nicht vor, die 150 Kilometer zwischen dem Pustertal und Belluno komplett zu gehen. Wir lassen einige Abschnitte dieser Nord-Süd-Traverse aus, beschränken uns auf die spektakulärsten Etappen. Der roten 1 im blauen Dreieck sklavisch zu folgen, davon wäre ohnehin abzuraten, denn die Beschilderung ist lückenhaft. „Alta Via – Mamma mia" hatte eine Spiegel-Autorin vor Jahren mal getextet; sie hatte es als Ausdruck ihrer Begeisterung verstanden wissen wollen, aber viele Wanderer verwenden ihn als Ausruf von Verzweiflung – wenn mal wieder Schilder fehlen oder ein Erdrutsch den Weg verschüttet hat. Wir dagegen sind bei Stefan gut aufgehoben. Er kennt die Alternativrouten und weiß auch, dass sie mitunter schöner sind. Die Königsetappe ist jene, die zum Kleinen Lagazuoi (2.778 Meter) führt. Sie ist lang, anstrengend, großartig. Wir sehen Bündner Mohn, Edelweiß (ganze Teppiche davon), Akeleien, gelben Enzian und streifen genüsslich über die wie eine Schüssel geformte Hochebene der Fanesalp. Als wir die Seescharte (Forcella del Lago) erreichen, lockt unten in der Senke schon der See, ein wunderbarer Lagerplatz. Badehose vergessen? Ist in diesem Fall mal egal. Erfrischt gehen wir den Aufstieg zum Lagazuoi an, eine Passage, die noch mal fordernd ist, vor allem aber bedrückend. Wir passieren Stellungen aus dem Ersten Weltkrieg, sehen Stacheldraht, Stollen, rostige Konservendosen – welch eine Absurdität, sich hier, im Hochgebirge, einen Kampf um wenige Meter Geländegewinn zu liefern; Österreicher und Italiener hatten sich diesem Irrsinn hingegeben, heute stellen sie ihn als Freiluftmuseum zur Schau. Dass 200 Höhenmeter weiter der Gipfelblick vom Kleinen Lagazuoi zum Spektakulärsten gehört, was die Ostalpen zu bieten haben – Civetta, Marmolada, Furchetta vor Augen –, macht ihn umso unbegreiflicher. Das Schöne am Numero Uno ist der ständige Wechsel der Landschaftsbilder. Man möchte Mario Brovelli, Toni Hiebeler und Piero Rossi, einst die Treiber dieses ersten Dolomiten-Höhenweges, fortlaufend danken, dass sie einen Weg konzipierten, der von den allerlieblichsten Almen zu den schroffesten Felszinnen führt; einen Weg, der Bäche überquert, Aufstiege durch Flanken von Latschen, Grünerlen und arktischer Grauweide mitnimmt, Traumseen wie den Lago Federa und Rasthütten wie die Croda da Lago einstreut, Blicke wie jene zu den Cinque Torri und dem Monte Pelmo zulässt – und all das an nur einem Tag. Dass uns am Staulanza-Pass mal ein Regenguss überfällt – nicht schlimm, das nennt man Bergrisiko; dass wir für eine ruhigere Nacht Hütte und Hochalm heute links liegen lassen und stattdessen ein Hotel im Talort Zolda Alto wählen – auch das ist keineswegs unvernünftig. Der Weg durch das Belluno, später durch die Civetta-Gruppe und die Bergwelt der Schiara, er ist multi bene. Er verschont einen mit bröseligem Schotter und öden Forstwegen, er ist schmal und schlau angelegt. Freilich ragt die Civetta (3.220 Meter), ihrer Felskulisse wegen, ein wenig heraus. Wir legen dort einen Extra-Tag ein, Stefan will uns unbedingt zum Lago Coldai führen. Guter Mann! Der Coldai ist einer der schönsten Bergseen überhaupt, er hat sogar so was wie einen Strand. Selbst die Fuß-Sensibelchen unter uns stürzen sich mit Wonne und Anlauf in die Fluten. Auf dem Rückweg sehen wir eine Gruppe vergnüglich balgender Murmeltiere und sogar ein emsiges Hermelin. Auf unserer letzten Etappe zum Passo Duran (1.601 Meter) begegnen wir niemandem mehr. Bis zur Adria wäre es noch weit, gleichwohl weht hier schon ein Hauch von Mittelmeer. Im Refugio San Sebastian gibt sich Hüttenwirt Benjamino als ein Mann mit Gespür zu erkennen. Er weiß, was angesagt ist; gegen Abschiedsschmerz helfe ein exzellenter Capuccino und ein erstaunlicher Keller an Selbstgebranntem. Grazie, amico!

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