Paradies für Wasservögel und Seerobben: Jean-François Elder in der Bucht von Les Veys im Osten der Halbinsel Cotentin. - © Steffi Schweizer
Paradies für Wasservögel und Seerobben: Jean-François Elder in der Bucht von Les Veys im Osten der Halbinsel Cotentin. | © Steffi Schweizer

Frankreich Landschaft voller Stille

Die Normandie ist für Naturliebhaber eine Reise wert: Hier lassen sich in aller Ruhe Wildvögel, Robben und weitere Meeresbewohner beobachten

Steffi Schweizer

Blau und Weiß sind die Farben des wilden Landstrichs an den Küsten des Ärmelkanals. Sie beruhigen mit Stille und faszinieren mit ihrer Vielfalt. Nur drei Autostunden nordwestlich von Paris, an der Schnittstelle zwischen Meer und Küste, liegt der Ort Ouistreham mit dem Leuchtturm. Im Jahr 1905 erbaut, befindet er sich noch immer in Betrieb. Frisch renoviert, führen 171 Stufen die 38 Meter hinauf zur Plattform, wo der Blick nach Norden geht – bis nach England oder doch zumindest bis Le Havre, wo die Seine in den Ärmelkanal mündet. In den Sommermonaten ist der Turm täglich geöffnet. Von hier bis zum feinsandigen Strand sind es nur ein paar Autominuten. Doch unser Ziel ist das Naturschutzgebiet in der Bucht von Les Veys im Osten der Halbinsel Cotentin, wo sich das Süßwasser von vier Flüssen mit dem Salzwasser mischt. Hier sind wir verabredet mit Jean-François Elder, der den Park seit 25 Jahren leitet und uns in die Geheimnisse von Wildente und Co. einweiht. Gemeinsam lauschen wir in die blau-grüne Weite und hören zum Gesang des Windes noch ein vielstimmiges Vogelkonzert. Elder flüstert leise Name um Name, erklärt, dieser Vogelruf sei ganz typisch und jener sehr einfach zu erkennen. Ein Blick durch sein Fernglas offenbart die atemberaubende Schönheit eines weißen Reihers. Lang wehen seine weißen Federn im Wind. Das in Jahrhunderten durch Entwässerung dem Meer abgerungene Feuchtgebiet beherbergt die größte Artenvielfalt an Wasservögeln in Frankreich. Der Naturpark von mehr als 500 Hektar Größe gilt als wahrer Hot Spot. „Deiche, Sümpfe und Landzungen sind für 50.000 Zugvögel, die jährlich zwischen ihren Brutgebieten in der Normandie und den warmen Winterquartieren in Afrika pendeln, ein Paradies. Andere kommen von nördlich des 55. Breitengrades, aus Russland und vom Nordpol zu uns, um hier zu überwintern", erzählt Elder. „Dann ist angerichtet: Muscheln, Schnecken und Würmer – ein Festmahl. Einige setzen ihre Reise nach Westafrika fort, andere bleiben." Alljährlich besuchen etwa 40.000 Naturfreunde die Bucht zur Vogelbeobachtung. Und es gibt einen weiteren Grund: in den letzten Jahren entwickelte sich hier eine der größten Robbenkolonien Frankreichs. „Im Moment zählen wir 150 Tiere, jedes Jahr kommen bis zu 30 Robbenbabys dazu." Zwar kannte man Seehunde hier schon im Mittelalter, doch man jagte sie – bis sie verschwanden. Heute weiß man um ihre Bedeutung. „Die Kolonie ist ein Indikator. Ändert sich etwas im Ökosystem, sehen wir das zuerst bei den Robben." Und es gäbe in der Tat etwas, das sie derzeit sähen, meint Elder. Unmengen kleinster Plastikpartikel im Meerwasser. Dies könne bei Weibchen zu Unfruchtbarkeit führen. „Wir analysieren das aktuell sehr genau," so der Experte. Besucher können die respektablen Tiere nur aus großer Distanz sehen, doch das Fernglas bringt sie ganz dicht heran. Gemütlich rollen sie sich hin und her. Jetzt ist die Zeit ihres Fellwechsels. Sie kommen an Land, wo die Sonne ihre Haut wärmt, so löst sich das Fell. Sie fressen und bereiten sich auf die Geburten vor. Sechs Stunden lang kommt das Wasser, eine Stunde steht es, dann geht es sechs Stunden lang wieder zurück. Die Region um die Insel Tatihou ist aufgrund der starken Gezeitenunterschiede für Wissenschaftler und Austernzüchter besonders interessant. Schon im 19. Jahrhundert zogen Fischer bei Ebbe mit ihrem Pferdegespann über den Meeresboden und sammelten Austern. Die Zucht begann erst später. Tatihou klingt exotisch, doch Manuela Bernard von der Inselverwaltung erklärt, dass das kleine Eiland an der Nordostspitze vor St.-Vaast-La-Hougue nach dem Wikingerführer Tati benannt ist. Zunächst war es Schauplatz großer Seeschlachten, später Quarantänestation, Lazarett, Meereslabor, Erziehungsheim, Sanatorium und Vorposten des Atlantikwalls der deutschen Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg. Von der militärischen Nutzung der 27 Hektar zeugen nicht nur die Bunker, sondern auch der 21 Meter hohe Turm, den der Sonnenkönig Louis XIV. erbauen ließ, und der zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört. Pro Tag dürfen nur etwa 500 Besucher Tatihou besuchen. Und es lohnt sich: Das Meeresmuseum zeigt archäologische Relikte aus den historischen Seeschlachten, erklärt Gezeiten, Fauna und Flora. Dank des Golfstroms gibt es kaum Frost, hier gedeihen Pflanzen aus aller Welt. Vom Turm hat man einen Überblick über die gesamte Insel mit ihren Gärten und der Festung. Die eigentliche Attraktion aber ist das Amphibienfahrzeug. Das unter Naturschutz gestellte Eiland erreicht man bei Flut mit einem Boot, das bei Ebbe seine Räder ausfährt. Noch spannender ist es jedoch, zurück nach St.-Vaast-la-Hougue zu laufen. In einer halben Stunde ist man – an den Austernbänken vorbei – wieder auf dem Festland und kann das auflaufende Wasser beobachten. Alljährlich in der zweiten Augusthälfte gestaltet sich das zu einem besonderen Erlebnis, wenn abends nach den Konzerten des Musikfestivals „Traversées Tatihou" Tausende gemeinsam die Gummistiefel anziehen. Auf Tatihou hört man dann nur noch die Musik der Seemöwen.

realisiert durch evolver group