Besonders: Die Piteälven-Brücke ist eine der beiden im Zuge des Baus der Inlandsbahn verbliebenen Brücken, auf denen Straßen- und Eisenbahnverkehr stattfindet. - © Axel Baumann
Besonders: Die Piteälven-Brücke ist eine der beiden im Zuge des Baus der Inlandsbahn verbliebenen Brücken, auf denen Straßen- und Eisenbahnverkehr stattfindet. | © Axel Baumann

Schweden Nächster Halt: Polarkreis

Eigentlich wollte die Schwedische Staatsbahn die „Inlandsbanan“ stilllegen. Daraus wurde jedoch nichts. Die rot-weißen Waggons rollen noch immer bis nach Lappland

Dagmar Krappe

Christer Sandstrøm betätigt den Bremshebel. Rentiere auf den Gleisen? Ein Elch im lichten Kiefernwald? Die Fahrgäste im rot-weißen Triebwagen der „Inlandsbanan" schieben die Fenster herunter und zücken die Kameras. Fehlalarm! Nur grüne Tannen. Hier und da ein paar schmächtige Birken. Lila Heidekraut, gelbe Butterblumen, Moose und Flechten. Der Waggon rollt einige hundert Meter rückwärts. Stoppt schließlich irgendwo im Nirgendwo. Hoch oben in Schwedisch-Lappland. Drei Fahrstunden vom Polarkreis entfernt. Zugbegleiterin Sofia Wrangel öffnet die vordere Einstiegstür. Vollbepackt mit Tüten und Taschen keucht Malin Johansson die Stufen hinauf. Wer im dünnbesiedelten Nordschweden in die „Inlands-banan" zusteigen möchte, der dreht an einem Haltepunkt eine gelbe Scheibe mit rotem Rand, sodass sie in Richtung des herannahenden Zuges zeigt. Dann weiß der Lokführer, dass er halten muss. Doch die alte Dame war spät dran. Christer Sandstrøm erspähte sie gerade noch zwischen den Bäumen am linken Schienenrand und fuhr einfach ein paar Meter zurück. „Kein Problem auf der eingleisigen Strecke", meint der 60-Jährige: „Die Schienen werden nur von uns befahren oder hin und wieder transportiert ein Güterzug eine Ladung Holz." In Mora am Nordufer des Siljansees in Mittelschweden startet von Mitte Juni bis Ende August täglich ein Schienenbus zu einer zweitägigen Reise Richtung Mitternachtssonne. Backpacker, Wanderer, Eisenbahnenthusiasten aus halb Europa, eine australische Reisegruppe und viele Südschweden, die den Norden ihres Landes noch nie bereist haben, bugsieren ihre Rucksäcke und Koffer in den Waggon und verteilen sich auf die 60 Sitzplätze. Die Landschaft wirkt wie ein Gemälde. Wie hingetupft scheinen die rotbraunen Holzhäuschen inmitten saftiggrüner Wiesen und Getreidefelder. Eine lange Zugfahrt macht hungrig. Doch es gibt keinen Speisewagen bei der Inlandsbahn. Die Passagiere können aus einer schwedisch-englischen Menükarte Fisch-, Fleisch- und vegetarische Gerichte wählen. Sofia notiert die Essenswünsche und leitet sie an Restaurants entlang der Trasse weiter. Direkt vor der Haustür legt der Lokführer dann einen längeren Stopp ein. Am verschlafenen Bahnhof Fågelsjö hält er für eine kurze Fika (Kaffeepause) mitten im Wald. Auf einem Tisch sind Rentier- und Lachsburger aufgebaut. In einem Korb duften frisch gebackene Kanelbullar, Schwedens berühmte Zimtschnecken. Weiter geht’s! Mit meist 60 bis 80 Kilometern pro Stunde. Klack. Klack. Klack. Durch viele Kurven. Vorbei an endlos scheinenden Seen, auf denen die Sonnenstrahlen goldene Sterne tanzen lassen. Ein neuer Morgen nach einer kurzen Nacht. Alte und neue Gesichter am Bahnhof Östersund. Rund 14 Stunden wird die „Inlandsbanan" für die knapp 750 Kilometer bis Gällivare benötigen. Je weiter es gen Norden geht, desto spärlicher werden die Wälder. Rosa Lupinen wippen im Wind. Riesige weiß gewaschene Findlinge schimmern zwischen Blaubeeren und Farnen. Überbleibsel der letzten Eiszeit. Mittagsrast am Volgsjön-See in Vilhelmina Norra. Schnelle Stärkung mit heißgeräuchertem Pfefferlachs. Noch eine Stunde, dann ist Lappland erreicht. Ein kräftiger Regenguss im Sonnenschein hinterlässt einen Doppelregenbogen am Horizont, der den Zug eine ganz Weile begleitet. Trööt. Trööt. Immer wieder gibt Christer Warnsignale, um Rentiere und Elche von den Gleisen zu verscheuchen. Ansonsten: Einsamkeit! Vor dem „Inlandsbanan"-Museum in Sorsele treffen sich für ein paar Minuten der nord- und der südgehende Zug. Zeit genug für ein Fotoshooting. „Nur einen 50 Meter langen Tunnel durchfährt die Bahn", informiert Sofia: „Dafür überqueren wir über 250 Brücken. Zwei davon sind kombinierte Straßen-Schienen-Brücken. Die Piteälvsbron befindet sich kurz hinter Moskosel." Christer stoppt den Waggon und lässt die Schranken herunter, sodass kein Auto passieren kann. Dann dürfen alle Fahrgäste aussteigen, über die Brücke laufen und sich die beste Fotoposition suchen. Langsam tuckert die Bahn über das Stahlungetüm. Klick. Klick. Perfekt! Alles im Kasten. „Nächster Halt Polarkreis", ruft Sofia. Ein paar weiße Steine markieren den 66. Breitenkreis nördlicher Breite, hinter dem im Sommer die Nacht zum Tag wird. Vor der Endstation im Bergbaustädtchen Gällivare muss der Zug einer Erzbahn auf dem Weg ins norwegische Narvik Vorfahrt gewähren. Das dauert, denn die stärkste Elektrolok der Welt, die IORE, hat 68 Waggons gefüllt mit Eisenerz-Pellets im Schlepptau. Kurz nach 21 Uhr kommt die „Inlandsbanan" schließlich vor dem schmucken hölzernen Bahnhofsgebäude zum Stehen. Auch an diesem Sommerabend geht die Sonne hinter Gällivares Hausberg, dem 823 Meter hohen Dundret, nicht unter. Um Mitternacht ist es noch genauso hell wie am nächsten Morgen, als es heißt: Abschiednehmen vom hohen Norden. Über 1.000 Kilometer rattert die „Inlands-
banan" zurück durch menschenleere Waldweiten, einsame Seen- und Moorlandschaften. Zwei Tage, die noch einmal wie im Flug vergehen, obwohl es doch eine Zugfahrt ist. Klack. Klack. Klack.

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