Großes Naturkino: Der Sonderzug „Zarengold" der Transsibirischen Eisenbahn passiert den Baikalsee. - © Lernidee Erlebnisreisen
Großes Naturkino: Der Sonderzug „Zarengold" der Transsibirischen Eisenbahn passiert den Baikalsee. | © Lernidee Erlebnisreisen

Russland/China Im Sonderzug nach Moskau

Eine Reise von Peking nach Moskau mit dem „Zarengold“ der Transsibirischen Eisenbahn ist nostalgisch, sicher und komfortabel – aber trotzdem spannend

Carsten Heinke

Endlose Wälder. Nadelbäume aller Art. Und immer wieder Birken. Sibiriens Sonne lässt die weißen Stämme blitzen. Der Taigaföhn spielt mit den Blättern. Fahrtwind zeichnet die Konturen weich. Ich liege im Bett und trinke Tee. Birkenwälder ohne Ende fahren – zum Greifen nah – vorbei. Großes Landschaftskino. Das Fenster des Abteils ist meine Leinwand. Das Knattern des Projektors übernehmen Räder, Achsen, Bremsen, Gleise. Einiges davon, so klingt es, stammt wohl noch aus Stalins Zeiten. Der „Zarengold", ein deutscher Sonderzug mit Sowjetflair, russisch-deutschem Team und internationalen Gästen, fährt von Peking nach Moskau oder andersrum. Jeweils 16 Tage braucht er für die Strecke, Stadtbesichtigungen inklusive. Je nach Reisekasse wählt man eine von sechs Wagen-Klassen – vom Vierer-Abteil bis zur Luxuskabine, wo man sich die Duschkabine mit nur einem Nachbarpärchen teilt. Alle anderen haben eine Dusche für den ganzen Wagen. Das klappt erstaunlich gut – mit einer Zeit-und-Namens-Liste. „Birken sind gesund und nützlich. Ihr Saft ist lecker und hilft bei Haarausfall und Impotenz", belehrt mich Serjozha, einer der beiden russischen Schaffner von Waggon 13. Mir tun die robusten Bäume einfach gut, weil sie so schön sind. Den Russen sind sie heilig – genauso wie der geheimnisvolle Baikal, der älteste und tiefste Binnensee der Erde. Unendlich wie ein Meer liegt er nun vor mir. Zwischen seinen schmalen Stränden und den steilen, waldbedeckten Hängen des Ostsajangebirges schlängelt sich der Zug in Richtung Westen. „Njerpas – Baikalrobben!" ruft Andrei, der zweite Schaffner, und zeigt aufgeregt auf ein paar schwarze Köpfe, die aus dem Wasser äugen. Vom Bahnhof Port Baikal bringt uns die Personenfähre nach Listwjanka. Das Beste in dem recht belebten Urlaubsort ist der frische Räucherfisch und die Aussicht auf die Berge und das „Meer Sibiriens". Genau dort, wo es in den Irkutsker Stausee fließt und der Angara-Fluss seinen Anfang nimmt, liegt das Museumsdörfchen Taltzy. Mit vielen historischen, teils originalen Bauten zeichnet es ein lebendiges Bild sibirischer Städte und Dörfer des 17. bis 19. Jahrhunderts. Ihr beschaulicher Charakter ist mit dem Tempo der heutigen modernen Metropolen Sibiriens wie Novosibirsk, Irkutsk, Jekaterinburg oder Ulan-Ude (die alle Stationen dieser Reise sind) nicht mehr zu vergleichen. Die neue Zeit begann vor etwas mehr als 100 Jahren mit dem Bau der längsten Eisenbahnstrecke der Welt, der Transsib. Im vergangenen Jahr wurde Jubiläum gefeiert. 9.288 Kilometer führt sie quer durch Russland, verbindet Wladiwostok am Pazifik mit Moskau und Europa. Um auch einen Teil von China und die Mongolei zu durchqueren, kombinierte ich für meine Reise den schönsten Teil der Transsib-Route (ab Zamyn-Uud) mit einer Nebenstrecke, der „Transmong", und startete in Peking. Einem gehaltvollen China-Programm mit Verbotener Stadt und Platz des Himmlischen Friedens, Großer Mauer und den Yungang-Grotten bei Datong folgten zwei aufregende Tage in der Mongolei. Nur eine Stunde dauerte die Busfahrt von der Hauptstadt Ulaanbaatar bis in das Jurtencamp im Gorchi-Tereldsch-Nationalpark. Die waldigen Hügel, Felsen und Blumenwiesen der „Mongolischen Schweiz" warfen mein Klischee vom „Steppenland" gehörig über den Haufen. Viel angenehmer als erwartet war die Nacht im kuscheligen Ger (russisch: Jurte – rundes Filzzelt der Nomaden, in dem sogar die Möbel auf einer Seite abgerundet sind) – mit märchenhaftem Sternenhimmel und Träumen von Dschingis-Khan und seinen wilden Horden. Ihre Erben – junge, kraftstrotzende Nomaden – rauben mir am nächsten Tag mit ihren Künsten im Reiten, Ringen und Bogenschießen den Atem. „Noch Tee oder Kaffee?" Andrei reißt mich aus den Gedanken. Oh Mann, ich werd’ total verwöhnt – und dann das viele, gute Essen! Die Spuren sind schon sichtbar. Daran ändern leider auch die zahlreichen Exkursionen nichts. Denn um in der knappen Zeit möglichst viel zu sehen, steigen wir zumeist direkt am Bahnhof in den Bus. Die Bremsen quietschen. Diesmal hält der Sonderzug auf offener Strecke – legal und ganz nach Plan, denn diese Trasse wird nicht mehr regulär befahren. Mangels Bahnsteig klettern wir über Leitern und Stühle aus den Waggons. Die allermeisten stürzen sich sofort ins kalte Nass. Danach gibt’s Picknick mit Musik und viel zu trinken. Viele nutzen den „Zarengold"-Zug und den gesamten, vom deutschen Reiseveranstalter Lernidee detailliert geplanten Trip, die Heimat Puschkins und Tschaikowskis unriskant und gut umsorgt von ihren angenehmen Seiten zu erleben. Als der Mond über dem Baikal aufgeht, rollen wir schon weiter. Ab und zu huscht eine kleine Bahnstation, ein Bauernhaus, ein Dorf vorbei. Doch die meisten Blicke fallen in das unvorstellbar weite Grün Sibiriens und bald nur noch in die Nacht. Bis Moskau, wo es heißen wird, ade zu sagen, ist zum Glück noch Zeit. Der neue Tag beginnt auf einem neuen Bahnhof in einer neuen Stadt. Eigentlich könnte das ewig so weitergehen.

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