Eine Art Wallfahrtsort: Wittenberg, hier der Marktplatz mit Rathaus, Luther-Denkmal und Stadtkirche St. Marien, gilt als das Rom der Protestanten. In St. Marien predigte Martin Luther. - © Joern Spreen-Ledebur
Eine Art Wallfahrtsort: Wittenberg, hier der Marktplatz mit Rathaus, Luther-Denkmal und Stadtkirche St. Marien, gilt als das Rom der Protestanten. In St. Marien predigte Martin Luther. | © Joern Spreen-Ledebur

Deutschland Das protestantische Rom

Seit 1938 Jahren trägt Wittenberg an der Elbe offiziell den Zusatz Lutherstadt. Im Jahr des Reformationsjubiläums wird Luther besonders vermarktet – fast wie Reliquien

Joern Spreen-Ledebur

Der markante Turm der Schlosskirche ist weithin sichtbar. „Ein feste Burg ist unser Gott" ist in luftiger Höhe seine Inschrift – und die ist gleichzeitig natürlich Titel eines der berühmtesten Choräle des wohl größten Sohnes der Stadt. Die trägt seinen Namen in ihrem. Seit 1938 hat Wittenberg an der Elbe offiziell den Zusatz „Lutherstadt". Im Jahr des 500. Jubiläums der Reformation feiert sich Wittenberg, im 16. Jahrhundert auch bekannt als das „protestantische Rom", als die Stadt der Reformation. Und Gäste aus aller Welt feiern mit. Gut, der größte Sohn der Stadt war kein gebürtiger Wittenberger, Martin Luther wurde in Eisleben nahe Halle (Saale) geboren. Im knapp 50 Kilometer entfernten sächsischen Torgau (Elbe) schreiben die Bürger ihrer Stadt eine erhebliche Mitwirkung an der Reformation zu, war Torgau doch 1517 Residenzstadt und Kurfürst Friedrich der Weise wurde hier geboren. Manche Torgauer bewerten ihre Stadt als „Amme der Reformation". Mindestens. Friedrich der Weise aus der ernestinischen Linie der Wettiner war jener Kurfürst, der 1502 in Wittenberg die Universität gründete, die schnell zu den berühmtesten im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation gehörte. Ein Grabdenkmal für den Kurfürsten ist in der Schlosskirche in Wittenberg zu finden – und hier ist auch Martin Luther bestattet, über den der katholische Friedrich der Weise damals stets seine schützende Hand hielt. Im Jubiläumsjahr der Reformation ist die Schlosskirche in Wittenberg so etwas wie ein Hotspot aller Menschen, die auf den Spuren der Reformation und ihrer Macher wandeln. Immer wieder sind Besucher aus aller Herren Länder in der Stadt unterwegs und stehen ehrfurchtsvoll natürlich vor jener Tür der Schlosskirche, an die Luther der Überlieferung nach am 31. Oktober 1517 seine Thesen wider den Ablasshandel angeschlagen hat. Die Originaltür ist nicht mehr erhalten. Die Thesentür, die die 95 Thesen nennt, stammt aus dem 19. Jahrhundert. Wobei es auch hier einen Ort gibt, der seinen vermeintlichen Anteil am Entstehen des Thesenanschlag anmeldet. Im Sommer 1517 predigte der Ablassprediger Johann Tetzel im brandenburgischen Jüterbog. Nicht weit von Wittenberg entfernt. Tetzels Predigten, so sagt man es in Jüterbog, sollen Martin Luther dann dazu gebracht haben, die 95 Thesen auszuarbeiten. Die soll er dann vor der Veröffentlichung dem Kurfürsten vorgelegt haben, spekuliert man in Torgau. Die Reformation ist halt ein weltgeschichtliches Ereignis und dabei meldet man gern seinen Beitrag an. So wie die Torgauer oder auch die Jüterboger. Die Wittenberger ficht das nicht an. Und die Eislebener wohl auch nicht. Schließlich sind beide Städte seit 1996 auf der Liste des UNESCO-Welterbes zu finden. Martin Luther ist eben universal und gerade im Jubiläumsjahr wird der Reformator in Wittenberg auf viele Arten vermarktet. An der Collegienstraße wirbt ein Schild für Luther-Bier im Sixpack, ein paar Meter weiter gibt es Luther-Socken und wieder etwas weiter allerlei Süßwaren, die mit dem Namen des Reformators verbunden sind. Auch Comics sind erhältlich, die sich mit Luther beschäftigen. Fast könnte einem da der Gedanke kommen an eine Art Reliquienhandel auf protestantische Art. Die katholische Variante seiner Zeit hatte Luther strikt abgelehnt. Was er wohl dazu sagen würde, wäre er heute in den Gassen Wittenbergs unterwegs? Aber gut, Wittenberg gilt ja auch als das Rom der Protestanten. Die rund 47.000 Einwohner Wittenbergs feiern das Jubiläum mit ihren Gästen. Auf dem Marktplatz blickt Luther von seinem Denkmal aus auf die Menschen, über dem Platz mit einem prachtvollen Renaissance-Rathaus thronen die Türme der Stadtkirche St. Marien. Hier predigte Luther. Lucas Cranach hat das auf einem Altarbild festgehalten – zu sehen in St. Marien. Wer das fotografieren möchte, sollte aber auf keinen Fall vergessen, die nötige Genehmigung zu erwerben. Dafür sollten klingende Münzen griffbereit sein. Geschichte begegnet dem Besucher in Wittenberg auf Schritt und Tritt. In den Cranach-Höfen etwa, bei Ende der DDR machten sie einen sehr verfallenen Anblick, wird an das Wirken von Lucas Cranach dem Älteren, seiner Familie und den Nachkommen erinnert. In der Cranach- Druckerei waren einst Luthers Thesen gedruckt worden – der wenige Jahrzehnte zuvor erfundene Buchdruck mit beweglichen Lettern war immens wichtig, die Ideen der Reformation von Wittenberg aus sehr schnell zu verbreiten. Das nahe gelegene Lutherhaus ist für Wittenberg-Besucher ein Muss und auch ein Besuch im nicht weit davon entfernten Wohnhaus von Luthers Mitstreiter Philipp Melanchthon lohnt. Hier ist heute ein Dokumentationszentrum über den engen Freund Luthers eingerichtet. Das Schloss der sächsischen Kurfürsten diente später als Kaserne, heute wird es friedlich genutzt. Unter anderem als Jugendherberge. An vielen Häusern der Altstadt erinnern Tafeln an berühmte Gäste oder Bürger der Stadt. Herrscher wie Napoleon finden sich da, aber auch an den Theologen und Bauernführer Thomas Müntzer wird erinnert, an Gelehrte und Geistliche wie den schwedischen Bischof Nathan Söderblom, nach dem das Gymnasium in der ostwestfälischen Stadt Espelkamp benannt ist. Überall in der Wittenberger Altstadt, die von einem Grüngürtel umschlossen ist, lässt sich gut einkehren. Und Zeit sollte man mitbringen, die Gassen zwischen Schlosskirche und Lutherhaus zu erkunden. Danach kann man ja auf den Reformator anstoßen. Mit einem Luther-Bier. Kann man auch mit anderen teilen, denn das Gebräu gibt’s ja im Sixpack.

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