Bringt einem die Jodeltöne bei: Norbert Zandt ist einer jener Lehrer, die ihren Unterricht beim Wandern in den Ausläufern des Karwendel-Gebirges erteilen. - © Ludger Osterkamp
Bringt einem die Jodeltöne bei: Norbert Zandt ist einer jener Lehrer, die ihren Unterricht beim Wandern in den Ausläufern des Karwendel-Gebirges erteilen. | © Ludger Osterkamp

Oberbayern Eine Landschaft zum Jodeln

Den Ort Lenggries verbinden viele nur mit den Namen berühmter deutscher Skifahrerinnen. Dabei hat die größte bayerische Gemeinde auch im Sommer einiges zu bieten – zu Wasser und zu Land

Ludger Osterkamp

Schon Loriot wusste: So ein Jodeldiplom, das ist was fürs Leben. Holleri du dödel di, zwei Jahre beflissen geübt, schon hat man was in der Hand. Hat was Eigenes. Nun, ein Jodeldiplom stellt Norbert Zandt nicht in Aussicht. Aber sein Lehrgang dauert ja auch nicht so lange. Eine Handvoll Stunden, verteilt über ein, zwei Tage vielleicht, dann wird bei seinen Novizen der Wechsel von Brust- und Kopfstimme schon sitzen. Zandt hat es auch nicht nötig, mit Zertifikaten zu locken, er punktet mit Besserem: Er erteilt seinen Unterricht in prächtiger Alpenkulisse – oben auf dem Brauneck, mit Blick auf die Gipfel von Karwendel und Wetterstein. Ist die Sicht klar, sehen die Jodler Zugspitze und Allianz-Arena. Da gelingt das Dödel di noch mal so herzhaft! Wo wir sind? In Lenggries. Ein Ort, der nach dem „langen Gries" benannt ist, jener Kiesbank, die die Isar in einem weiten Bogen unten im Tal abgelagert hat. Nicht dass viele Nord- und Westdeutsche mit dieser Herleitung etwas anzufangen gewusst hätten: Ihnen sagt der Ort eher als Heimat berühmter Skifahrerinnen etwas: Hilde, Annemarie und Michaela Gerg kommen hierher, auch Martina Ertl. Einige haben nach ihrer Karriere Skischulen hier eröffnet. Norbert Zandt stammt nicht von hier. Jedenfalls nicht direkt. Gemessen an der kleinteiligen Regionalität Oberbayerns, Dialektfärbung und Wesensart inbegriffen, ist er fast schon Außerirdischer. Für Zandt, vielsprachiges und künstlerisches Omnitalent, jedoch kein Problem: Er jodelt, was der Kehlkopf hergibt. Der Mann ist unbefangen – und das wirkt sich aus. Die Teilnehmer seiner Jodelwanderung, ein knappes Dutzend mag es sein, verlieren jede Hemmung, diese herrliche Landschaft oberhalb des Isarwinkels mit ihren Stimmen zu dekorieren. Dass mancher Alpenpassant guckt – lächelnd meist, nie befremdet: Passt. Das hier macht einen Heidenspaß. Natürlich weiß Zandt Hintergründe zur Jodelei zu erzählen. Dass es zig Varianten gibt beispielsweise, in dem einen Dorf eine andere als im nächsten; dass überlieferte Notenblätter existieren, diese aber von den Fachleuten nur mit spitzen Fingern angefasst werden, weil ihnen die mündliche, sprich gesangliche Überlieferung authentischer scheint; dass allein der Schweizer im Chor jodelt, nicht aber der Deutsche oder Österreicher; dass selbst der Afrikaner jodelt, und nicht etwa aus importierter Folklore, sondern aus eigenem, jahrhundertealten Kulturgut. Warum Jodeln dennoch in Deutschland, im Alpenraum so lange verpönt war? Gar belächelt wurde? Darüber kann Zandt zu langen soziologischen Exkursen ausholen. Doch inzwischen gilt: Jodeln ist Trend. Allerorten, selbst in preußischen Großstädten, machen sich Jodellehrer selbstständig, füllen die Volkshochschulen ihre Kurshefte mit Jodelkursen. Auch in Lenggries ist Zandt mitnichten der einzige, der derlei Spezialtouren anbietet. In Kürze, und das ist bezeichnend, steigt in Lenggries gar das Internationale Jodelfest. 120 Teilnehmer werden im Oktober erwartet, aus vieler Herren Länder. Ein einziges Dödel di dudel da. Solche Art von Großereignis wuppt Lenggries locker. Regelmäßig hat der Ort etwa die Ehre, ein Flößerfest ausrichten zu dürfen. Das ist nicht mehr als angemessen: Lenggries zählt zum erlesenen Kreis jener acht europäischen Orte, die sich Internationales Flößerdorf nennen dürfen – ein Erbe aus jener Zeit, als das Floß das schnellste Transportmittel war, um Städte wie München, Passau oder Wien zu erreichen. „Die Dachstühle des Stephansdoms, der Marienkirche und des Alten Peter – sie alle wurden mit dem Fichtenholz der Isar-Flöße gebaut", erzählt Matthias Mederle vom Holzhacker- und Flößerverein. Die Flößer brachten den Städten Bau- und Brennholz, Kanonen und Kalk und hatten sie ihre Ladung abgeliefert, kehrten sie zu Fuß in ihre Heimat zurück. Ohne die Flößerei hätte es auch die historischen Kalköfen, allein drei in Lenggries, kaum gegeben. Einer davon ist als Denkmal erhalten. „Die Flößerei war über Jahrhunderte der bedeutendste Gewerbezweig, aber es war ein Beruf, bei dem viele ihr Leben ließen", sagt Mederle. Hatten sich die Stämme verkeilt und musste der Trifter mit seinem Grieshaken in die Klamm hinab, konnte es passieren, dass Isar und Loisach manchen Kapitän für immer mitnahmen, da halfen auch die Schutzheiligen Nikolaus und Johannes Nepomuk nicht. Heute, drei Jahre nachdem die Unesco die Flößerei in ihre Liste des immateriellen Kulturgutes aufgenommen hat, halten Vereine und Museen die Erinnerung im Isarwinkel aufrecht – auch in Lenggries. Wenig weiter, in Wolfratshausen, bieten Freizeitunternehmen heute Vergnügungsfahrten an. Auf ihren riesigen Flößen aus 18 Stämmen, jeder 7,40 Meter lang, finden bis zu 60 Passagiere Platz. Garniert wird die spritzige Gaudi mit Brotzeit und Musik. Dass die Isar einst 170 Kubikmeter Wasser pro Sekunde produzierte und heute nur noch 25 Kubikmeter, macht die Fahrt ruhiger. Wer mag, kann sich bis nach München treiben lassen. An nassen Vergnügen hat Lenggries ohnehin einiges zu bieten: „Die Isar" sagt Ruben Werner, „ist in Deutschland der einzige Fluss, auf dem Wasserwanderer in Sit-on-Top-Kajaks paddeln." Der Chef von Ferien Freizeit Isarwinkel hat sich in den Neoprenanzug gepellt und erklärt, was an diesen Kajaks – sie erinnern an dicke Surfbretter mit Sitzmulde – so speziell ist: „Sie sind gekielt und daher einfacher zu steuern." Zwar zählt die Isar zu den eher zahmen Wildwasserflüssen, doch einige flotte Passagen birgt sie durchaus, sogar solche, die manche von uns lieber umtragen. Wer’s dennoch versucht und kentert – nicht schlimm: Weil die Sit-on-Tops keine Spritzdecke haben und weniger kippelig sind, kommt man gut wieder hinein; so gut sogar, dass einige das Umkippen zu ihrem persönlichen Vergnügen erklären. Im übrigen: Zum Baden wären auch Sylenstein-, Walchen- und Kochelsee in der Nähe. Freizeit lieber an Land als auf Wasser? „Möglichkeiten dafür gibt es genug", sagt Ursula Grottenthaler, Lenggrieser Tourismus-Chefin. 350 Kilometer Wanderwege, ein dichtes Radwegenetz, die Jause auf der Stie-Alm, die seit 60 Jahren bestehende Brauneck-Bergbahn, die Freizeitarena mit Hochseilgarten, Bikepark und Bullcart: Nichts davon lassen wir uns entgehen. In den Bullcarts mit 40 km/h downhill kacheln, den Bike-Parcours bewältigen, sich in 15 Metern in ein Seilelement einklinken – wahrlich starke Erlebnisse sind das. Da wäre einem abends glatt wieder nach Jodeln.

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