Freiheit: Im Sommer lassen Pferdezüchter auf Island ihre Tiere in den Bergen laufen. Erst im Herbst werden die Herden zurück ins Tal getrieben. - © iStock
Freiheit: Im Sommer lassen Pferdezüchter auf Island ihre Tiere in den Bergen laufen. Erst im Herbst werden die Herden zurück ins Tal getrieben. | © iStock

Island Einfach mal Pferd sein

Auf Island gehört der Pferdeabtrieb im Herbst zu den Höhepunkten des Jahres. Hier lässt sich die wilde Natur des Landes erleben

Mona Contzen

Lange kann es nicht mehr dauern. Der Wind pfeift über die Lavalandschaften, auf den Bergkuppen glitzert der erste Schnee, am Nachthimmel wabern schon die magischen Nordlichter. Auf Island hält der Winter Einzug und der ist im „Land aus Eis" noch immer eine Frage des Überlebens. Meterhoch kann sich der Schnee im Norden türmen und sämtliche Nahrung unter einer frostigen Decke begraben. Wer in dieser rauen Natur lebt, stellt sich ihr entgegen – mit kratzigen Wollpullovern, vollen Bärten und dunklen Liedern. Oder mit dichtem Fell und langer Mähne. Längst schon ist das Islandpferd zum Symbol für die wilde Insel im hohen Norden zwischen Grönland und Norwegen geworden. Ein Symbol der Stärke, der Widerstandskraft und der Schönheit. Ein Symbol für Freiheit und Naturverbundenheit. Im Sommer streifen die Tiere wie Wildpferde in großen Herden durch das unbewohnte Hochland. Im Winter, wenn es dort auf 600 bis 800 Metern über dem Meeresspiegel statt saftigem Gras nur noch kalten Schnee gibt, ist es Zeit heimzukehren. Kleine, weiße Wollknäuel kündigen die Ankunft der Pferde an. Eine Gruppe Schafe bringt sich in der Ferne hektisch auf dem Hang in Sicherheit. Dann stürmt die erste schwarze Silhouette über den Kamm. Der Tross aus Füchsen, Rappen, Braunen und Schimmeln schneidet wie eine nicht enden wollende Ameisenstraße durch das herbstliche Gras. Rund 500 Islandpferde sind beim diesjährigen Laufskálárétt in Hjaltadalur, dem größten Pferdeabtrieb des Landes, dabei. Die Kälte kriecht beim Warten langsam von den Füßen in die Glieder. Die Isländer lassen kleine Schnapsflaschen kreisen. Etwa 60 bis 70 Reiter und Kletterer haben sich in einer langen Reihe in den frühen Morgenstunden aufgemacht, um die Tiere aus den verzweigten Seitentälern zusammenzutreiben. „Die Pferde verhalten sich dabei wie Wasser auf einem Tisch", erklärt Hlin Mainka Johannesdottir. „Wenn man mit dem ausgestreckten Arm über den Tisch wischt, geht das Wasser in eine Richtung. So machen wir es auch mit den Pferden." Hlin, die eigentlich Christiane heißt, wartet in einer dicken, roten Daunenjacke auf ihre sechs Pferde. Seit 20 Jahren lebt die Saarländerin jetzt schon auf der Insel, die nur rund 330.000 Einwohner hat, dafür aber 460.000 Schafe, unzählige Vulkane und mit dem Vatnajökull Europas größtem Gletscher. Die Liebe hat sie hergeführt – die Liebe zu den Islandpferden. „Im Hochland, da können sie einfach Pferd sein und das merkt man ihnen an", erklärt die 40-Jährige ihre Faszination. „Islandpferde sind so natürlich und unerschrocken – eben noch so viel Pferd." Damit das so bleibt, achten die Isländer streng auf die Gesundheit und Reinheit der Rasse. Seit Anfang des 20. Jahrhunderts gilt ein Pferde-Importverbot, ein Tier, das die Insel einmal verlassen hat, darf nie wieder zurückkehren. Trotzdem wächst die Zahl der Bewunderer stetig: Inzwischen leben allein in Deutschland, der größten Fangemeinde außerhalb Islands, rund 47.000 der insgesamt 260.000 registrierten Islandpferde. Damit die Menschen auch umgekehrt den Weg zu den Pferden finden, will das staatliche Marketing-Projekt „Horses of Iceland" den Island-Boom – von 2011 bis 2015 hat sich die Besucherzahl auf über eine Million mehr als verdoppelt – nutzen, um noch mehr Pferdeliebhaber mit verschiedenen Veranstaltungen wie dem „Tag des Islandpferdes" auf die Insel zu locken. Beim größten Spektakel, dem Laufskálárétt am isländischen Trollgebirge, geht plötzlich alles ganz schnell. Die Pferde schießen in halsbrecherischem Tempo den Hang hinunter. Das Donnern der Hufe lässt die Luft vibrieren. Mähnen wehen, Nüstern blähen sich, feuchte Rücken dicht an dicht. Gerade noch haben die Reiter die Tiere durch einen Gebirgsfluss getrieben, jetzt hält die Herde direkt auf die Menschenmenge zu. Und für einen Moment ist die Welt nur noch Pferd. Hlin macht sich bereit. Einmal ist sie selbst beim Abtrieb mitgeritten, in diesem Jahr wartet sie in ihrem Bereich des sternförmig aufgeteilten Pferchs auf die Rückkehrer. „Man will schließlich sicher sein, dass man sie alle heim kriegt", sagt sie. Das sei bei weitem keine Selbstverständlichkeit. Vor vier Jahren, da seien einmal die Schafe in den Bergen eingeschneit gewesen. Wie durch ein Wunder hätten die Tiere überlebt. Ein anderes Mal fehlten nach dem Abtrieb 60 Pferde. Der Schnee kam früh in diesem Jahr, man suchte sie mit Hubschraubern, brachte die angehenden Zucht- und Reittiere schließlich sicher zu Fuß nach Hause. Hlin begrüßt ein paar Freunde, umarmt die Familie. Der Pferdeabtrieb Ende September gehört zu den Höhepunkten des Jahres in einem Land, in dem die Hufeisen im Supermarkt gleich vorne an der Kasse hängen. Etwa 3.000 Menschen – und damit nahezu die gesamte Gemeinde Skagafjörður – sehen bei dem Spektakel zu, treffen ihre Nachbarn, singen, picknicken auf Lkw-Ladeflächen mit Lachs-Sandwiches und heißem Kakao. Die Feiern rund um den Laufskálarétt ziehen sich über mehrere Tage. Bei einer großen Pferde-Show am Vorabend sind die Tiere im Rennpass um die Wette gelaufen, im Tölt – der zweiten für das Islandpferd typischen Gangart – balancierten die Reiter unter dem Jubel der Zuschauer auf dem Pferderücken gar ein Glas Bier. Jetzt, wo sich alles dem Ende zuneigt, wird immer wieder eine Gruppe Pferde von der Koppel in den Pferch getrieben, damit ihre Besitzer sie mit geschultem Auge oder anhand von Mikrochips sortieren können. Geordnet wie ein Fischschwarm strömt der Tross ins Rondell, dreht eine Runde, wechselt die Richtung, weicht aus. Einige Tiere sind nur wenig Menschenkontakt gewöhnt, weil vor allem die Jungpferde im Alter zwischen einem und drei Jahren den Sommer über in die Freiheit entlassen werden. Feste Quoten regeln dabei, wie viele Bewohner eines Gestüts in die Herde dürfen. Hlin ist sichtlich zufrieden, das Betondreieck, das sie sich mit ihrem Nachbarn teilt, gut gefüllt. „Es ist der Wahnsinn, wenn man die Pferde wiedersieht und merkt, wie gut sie sich gemacht haben", sagt sie stolz. Längst ist Hlin eine Expertin für Islandpferde – und für sie „durch die Hölle gegangen", wie ihr Mann und der Direktor des renommierten pferdewissenschaftlichen Instituts der Hólar Universität, Sveinn Ragnarsson, sagt. Denn die gebürtige Deutsche hat dort ihren Abschluss als Zertifizierte Reitlehrerin und Pferdetrainerin gemacht und dafür sogar isländisch gelernt. Inzwischen unterrichtet sie selbst an der Universität, besitzt eine Reitschule und lebt mit ihrer Familie und 25 Pferden im Nordwesten der Insel. Zehn Kilometer muss Hlin die kleine Herde jetzt noch zu ihrem Hof treiben. Auch dort überwintern die robusten Tiere mit dem dicken Fell draußen, aber bei gutem Futter. Und mit ein bisschen Glück darf das ein oder andere Pferd im Mai wieder in Freiheit durch die wilde Natur Islands streifen.

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