Nach dem Regen: Die junge Frau kontrolliert auf dem Dach der Jurte das Rohr, bevor im Ofen ein Feuer gemacht wird. - © Kristine Greßhöner
Nach dem Regen: Die junge Frau kontrolliert auf dem Dach der Jurte das Rohr, bevor im Ofen ein Feuer gemacht wird. | © Kristine Greßhöner

Mongolei Unendliche Weiten

Natur pur: Südlich der Hauptstadt Ulan-Bator erwarten den Besucher im „Land des blauen Himmels“ riesige Kamelherden und endlose Steppen. Jurtenübernachtungen bleiben ein unvergessliches Urlaubserlebnis

Kristine Greßhöner

Es raschelt und scharrt rund um die Jurte, ein Falter flattert im Schein der Stirnlampe vorbei. Die Nächte in der mongolischen Steppe sind es, die eine Reise in den schier endlos erscheinenden Staat zwischen Russland und China unvergesslich machen. Auf Komfort wie warme Überdecken aus Kamelhaar, fließendes Wasser und warme, oft liebevoll angerichtete Speisen muss heutzutage kein Gast verzichten. Nicht einmal inmitten der Gobi. Wer ab Berlin mit Mongolian-Airlines via Moskau nach knapp zehn Stunden den Chinggis-Khaan-Airport erreicht hat, wird „die Stadt", wie die Mongolen Ulan-Bator nennen, bestenfalls bloß passieren. Hochhäuser ragen in die Höhe, Jurtensiedlungen scheinen sich wahllos an den Hang zu schmiegen, aus den Schloten stößt dunkler Rauch in die Luft, die Autos schieben sich dicht an dicht durch die Straßen. Individualreisende buchen in der Hauptstadt einen Fahrer, dazu einen Übersetzer (oder beides in einer Person), um sich anschließend in der Steppe zu bewegen. Die Sprachbarriere (gesprochen wird Chalch-Mongolisch), knifflige Navigationsbedingungen, Pisten statt Straßen und fehlende Schilder lassen nur selbst gewählte Abenteurer allein in die Weite aufbrechen. Wobei das Bild der Weite und der abseits jeglicher Zivilisation lebenden Nomaden ist, was es ist – eine Mär. Der deutsche Reiseleiter Matthias Ressel, der mehr als 50 Gruppen durch die Mongolei geführt hat, spricht davon, dass sich die umherziehenden Viehzüchter über das Weltgeschehen informieren und nicht selten eine Ausbildung abgeschlossen haben, als Landmaschinentechniker zum Beispiel. Bei einem Nomadenbesuch wird das deutlich: Sonnenkollektoren gehören heute auf fast jede Jurte (die wird im Mongolischen übrigens Ger genannt). Und so ist im Ger einer Familie ein Fernseher zu sehen, der über eine Autobatterie gespeist wird, die wiederum an dem Sonnenkollektor hängt. Die Kinder besuchen ein Internat, die Qualität des Handynetzes ist in weiten Teilen des Landes ausreichend. Derweil mümmeln die Besucher getrocknete Quarkstücke und trinken salzigen Milchtee, während die Hausherrin nickend das Ger verlässt, um nach den Schafen zu sehen. Gastfreundschaft wird sehr groß geschrieben, doch die Arbeit auf dem Land muss getan werden – Besucher hin oder her. Am Ende überreichen die Gäste kleine Präsente wie Süßigkeiten oder ein Taschenmesser zum Dank, eine bemerkenswert würdevolle und zugleich populäre Tradition. Wer die Mongolei erkundet, muss sich entscheiden. Manche fliegen mit einem Inlandsflug in den Westen des Landes, andere wandern südlich der Hauptstadt, wieder andere brechen in den Osten auf. Mit russischen Allrad-Bussen oder komfortabler mit klimatisierten Geländewagen ist zumindest ein Teil des zentralasiatischen Staates zu schaffen. Endlose Weiten sind es, die sie alle erwarten – und die jedem Touristen nach mehr oder weniger Tagen eine gewisse Demut und Ruhe vermitteln. Schnell ist man jenseits jeglicher Zivilisation, egal ob nur gefühlt oder tatsächlich. Auf sandigen Pisten führt die Fahrt je nach Region vorbei an Kamel- oder Yak-, Pferde-, Ziegen- oder Schafherden. Zwischen farblosen Grasbüscheln hocken Bartgeier oder Steinadler träge nach einem Mahl. Anfang Juni, wenn der harte Winter mit Minustemperaturen um 20 bis 30 Grad gerade überstanden ist, sehen die Tiere zerzaust aus, Teile des Winterfells hängen noch am Leib und die Murmeltiere sind auffallend dünn für ihre Spezies. Wer einen erfahrenen Reiseleiter hat, bestenfalls ein Duo aus einer souveränen Mongolin und einem naturverbundenen Deutschen, wird sich fasziniert durch das Land bewegen, das jedem, der für Natur und Kultur schwärmt, so viele Schätze darbietet. So lassen sich die Mönche des Klosters von Erdene Zuu, nahe der früheren Hauptstadt Karakorum, erhaben bei ihren buddhistischen Gebeten und Gesängen von der Tür aus zusehen. Das Betreten von Türschwellen ist übrigens dringend zu vermeiden – es bringt Unglück! Und über der Geierschlucht kreisen gut sichtbar die riesigen Vögel und nutzen die Thermik, während am Fuße der Hunderte Meter hohen Felsen des Nationalparks noch während der Sommermonate Eisreste zu sehen sind. Wer Glück hat und sein Fernglas griffbereit hat, sieht auf den Hängen eine Steinbock-Herde vorbeiziehen. Dann geht es weiter, vorbei an Saxaul-Wäldern, die mit ihren kleinen Bäumen typisch für die Steppen Zentralasiens sind, südlich nach Khongoriin Els, wo als kilometerlanger Streifen die höchsten Sanddünen des Landes warten. Bei Bayanzag, den Flaming Cliffs, muss der Wanderer erst recht Nacken und Kopf bedecken, die Sonne scheint erbarmungslos auf die roten Sandstein-Formationen, die bekannt sind als Fundorte von Saurierskeletten. Die Wüste Gobi und ihre Ausläufer bescheren tagsüber höhere Temperaturen um 30 Grad und mehr. Nachts, bei klarem Sternenhimmel, wird es dagegen kühler in den Gers/Jurten, die zu großen Teilen aus Filz und einem Holzgestell bestehen. Manche verfügen über eine Glühbirne oder ein Solarlicht, seltener gibt es eine Steckdose. Wem es trotz wollener Jogginghose bei fünf Grad fröstelt, der bekommt eine Zweit- oder Drittdecke; wie so oft erfüllen die Betreiber der Camps jeden Wunsch ihrer Gäste, sofern es möglich ist. Selbst für Vegetarier zaubern die Küchenteams Gerichte und improvisieren, denn die mongolische Küche ist traditionell geprägt von fettem Fleisch, häufig von Schaf, Ziege oder, seltener für Europäer, strengem Hammel. Dazu mundet ein echt mongolisches Bier, das den edlen Namen „Golden Gobi" trägt. Eingemummelt ins Bettzeug, mit den leisen Geräuschen der Steppe im Ohr, lässt es sich anschließend wunderbar schlafen.

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