Heimliche Hauptstadt: Im 15. Jahrhundert wurde Kampen mit seinem Hafen zu einer der mächtigsten Städte im Hanseverbund. - © Gabriele Beautemps
Heimliche Hauptstadt: Im 15. Jahrhundert wurde Kampen mit seinem Hafen zu einer der mächtigsten Städte im Hanseverbund. | © Gabriele Beautemps

Niederlande Die holländischen Hanseaten

Auf den Königswanderwegen kommt man den Lieblingsplätzen von Ludwig II. auch heute noch ganz nahe – und hat dabei die schönsten Aussichten: wahrhaft königlich eben

Gabriele Beautemps

Bert ist eigentlich ein ganz sympathischer Bursche. Bei besonderen Gelegenheiten tritt er allerdings als mittelalterlicher Zahnarzt in Erscheinung. Und die Zahnklempner des 13. Jahrhunderts waren bekanntlich nicht gerade zimperlich. Keine Sorge, ist alles nur Spaß", versichert Bert. Und im übrigen pädagogisch wertvoll, weil die Kinder, die ihn bereits als Tandarts (Zahnarzt) erlebt haben, sich anschließend immer brav die Zähne putzen. Bert ist ein echter Hanseat, er wurde in Zwolle geboren, lebt immer noch dort. Und Zwolle ist Hansestadt, eine von insgesamt sieben an der Ijssel. Der Handel hat diese Städte reich gemacht, damals in der Zeit zwischen dem 13. und 16. Jahrhundert. Die prächtigen Kaufmannshäuser, die schönen Kirchen und beeindruckenden Stadttore zeugen heute noch davon. Eine Welt aus Backstein, gerade mal zwei Stunden vom Ruhrgebiet entfernt. Die Ijssel war zur Hansezeit eine wichtige Verbindung zwischen Nord- und Ostsee und Rhein. Sie mündet kurz vor Arnheim in den Rhein und über die Zuiderzee, dem heutigen Ijsselmeer, gelangte man in die Nordsee. „Die Ijssel galt als relativ sicher. Hier waren weniger Piraten unterwegs als auf dem Rhein", erzählt „Zahnarzt" Bert, der nun die Rolle des Stadtführers übernimmt. Die Hansekoggen brachten Heringe und Holz aus Skandinavien. In Zwolle luden sie Wein aus dem Rheinland auf. Auch Salz, Leinen, Korn und Pelze wurden transportiert. Waren die wertvollen Güter wohlbehalten angekommen, sprachen die Kaufleute in der Michaelskirche ihr Dankgebet. Hier, in der zentralen Kirche der Stadt, auch Grote Kerk genannt, gibt es immer noch die sogenannten Herrenbänke. Sie waren für die einflussreichen Händler reserviert. Versteht sich, dass man sich zuvor das Recht auf einen Sitzplatz erkauft hatte. Als die Grote Kerk im 15. Jahrhundert erbaut wurde, leistete sich Zwolle den höchsten Kirchturm des Landes. Denn die Schiffer sollten schon von weitem auf die Stadt aufmerksam werden. Andere Gotteshäuser in Zwolle sind inzwischen zweckentfremdet. In einer Dominikaner Abtei aus dem Mittelalter findet man heute die Buchhandlung Waanders in de Broeren mit einem empfehlenswerten Café, in einem ehemaligen Kloster kann man Sushi essen. Zwolle ist die größte der niederländischen Hansestädte, mit 125.000 Einwohnern zugleich Hauptstadt der Provinz Overijssel. Eine Stadt mit schönen Plätzen, oft umstanden von einer geschlossenen Reihe stilvoller Backsteinhäuser. Sobald sich die Sonne blicken lässt, sitzen die Leute in den zahlreichen Straßencafés dort, bestellen zur Mittagszeit die typisch holländischen Sandwiches und genießen die entspannte Atmosphäre. Lange vor der EWG war die Hanse die erste europäische Wirtschaftsgemeinschaft. Es waren nicht die Politiker, sondern die Kaufleute, die sie gegründet haben. Man schloss sich zusammen, um Geschäfte zu machen, räumte sich gegenseitig Handelsrechte ein. In der Blütezeit gehörten der Hanse mehr als 150 Städte an, vor allem in Deutschland, in Skandinavien, Polen, Flandern und eben auch in den Niederlanden. Die Hansestädte an der Ijssel liegen dicht beieinander. Zwolle und Kampen sind 20 Kilometer voneinander entfernt, ebenso wie Deventer und Zytphen. „Wir wären beinahe Hauptstadt der Niederlande geworden", behauptet Piet, ein pensionierter Banker aus Kampen. Hört sich ziemlich größenwahnsinnig an. Schließlich ist Kampen eine Kleinstadt mit 30.000 Einwohnern, weniger als in Oberhausen-Sterkrade. Doch sieht man sich die Stadttore an, die mächtige Kirche und die Häuser mit den gotischen Fassaden, kann man erahnen, dass Kampen einst bedeutend gewesen sein muss. Zur Hansezeit war Amsterdam tatsächlich ein unbedeutendes Nest. Das änderte sich allerdings schlagartig, als die Ijssel zunehmend versandete und die großen Schiffe nicht mehr dort fahren konnte. In einem historischen Gebäude auf der Voorstraat, wo sich die einflussreichsten Kaufleute niedergelassen haben, gibt es noch eine Zigarrenmanufaktur, De Olifant, mit einem Elefanten als Markenzeichen. Ältester Mitarbeiter ist Tinus Vinke. Der 91-Jährige rollt die Shortfiller-Zigarren. Zwischendurch war er mal in Rente. Allerdings nur ganz kurz, zuhause wurde es Tinus Vinke schnell zu langweilig. Also kehrte er an seinen Arbeitsplatz zurück. Bei Führungen durch die Manufaktur kann man ihm übrigens bei der Arbeit zuschauen. Im vorherigen Jahr wurde in Kampen beim Ausbaggern der Ijssel eine Hansekogge gefunden, sie wird gerade konserviert. Ein Nachbau einer solchen Handelskogge ankert vor der Kampener Werft auf der Ijssel. Die Kampener Kogge kann besichtigt werden, sie hisst natürlich auch zu den Hansetagen vom 15. bis 18. Juni die Segel. In Zutphen, ein Stück weiter südlich, schippern Ehrenamtliche Touristen auf dem Fluisterboot (Flüsterboot), einem Kahn mit E-Motor, durch die Stadt. Zutphen liegt gleich an zwei Flüssen, an der Ijssel und Berkel. Viele historische Häuser rund um den Hout Markt, wo zur Hansezeit Holz gehandelt wurde, sind restauriert. Oft stammt lediglich das Fundament aus dem 14. Jahrhundert, die reich geschmückten Renaissance-Fassaden kamen später hinzu. In den Häusern aus der Hansezeit betreibt man immer noch Handel. Oft sind es private Ladenbesitzer, die originelle Mode, hübsche Lampen, Tee oder Käse verkaufen. Holländer sind bekanntlich nicht nur ein Volk von Händlern, sondern auch passionierte Radfahrer. Und natürlich gibt es einen Hanseradweg. Er ist 135 Kilometer lang und verbindet die Hansestädte an der Ijssel, oft parallel zum Fluss, vorbei an den typischen Weidebäumen, alten Bauernhöfen und Storchennestern. Wie im Nachbarland üblich, ist die Strecke hervorragend ausgeschildert, mit dem roten „Hanzeroute"-Logo. Die Informationen gibt’s zwar oft nur auf Holländisch. Aber mit der Zeit kann man sich einiges zusammenreimen. Fietsen sind die Fahrräder, und Bromfietsen sind Fahrräder, die brummen – also Mopeds, die viele Fahrradwege mitbenutzen dürfen.

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