Blick auf die Altstadt: Eine Reise nach Mantua ist eine Reise in die Renaissance. - © iStock
Blick auf die Altstadt: Eine Reise nach Mantua ist eine Reise in die Renaissance. | © iStock

Italien Die unbekannte Schöne

Weltkulturerbe, Kulturhauptstadt Italiens, Gastronomiehauptstadt Europas – Mantua in der Lombardei geizt nicht mit Auszeichnungen, doch wissen das die wenigsten

Sandra Ehegartner

Wer Mantua nur als Autobahnausfahrt auf dem Weg zum Gardasee oder in die Toskana kennt, der versäumt viel. Zum Beispiel den aufwendig renovierten Palazzo Ducale oder den romantischen Palazzo del Tè und natürlich all die lombardischen Köstlichkeiten wie Tortelli mit Kürbisfüllung oder die goldgelben Bigoli mit Sardellen. Am schönsten ist die kleine Stadt in den ersten Sonnenmonaten, wenn die zahlreichen Straßencafés und Restaurants zu Besichtigungspausen mit Espresso, Spritz und Co. einladen. Im Palazzo Arrivabene in der Via Fratelli Bandiera Nummer 20 ankommen, heißt im wahrsten Sinne des Wortes ’gut ankommen’. Signora Bini, die Besitzerin, ist eine echte Signora. Ruhig und freundlich empfängt sie ihre Gäste, zeigt ihnen vom puttengeschmückten Balkon des Palazzos aus den schnellsten Weg zur Kirche Sant’Andrea und der Piazza Erbe und führt sie durch den herrlich restaurierten Privatpalast zu einem der drei Gemächer. Hier von Zimmern zu sprechen, wäre ein Sakrileg. Der Palazzo hat von Deckengemälden über Ausgrabungen bis hin zu Tafelsilber und übermannshohen Kaminen alles zu bieten, was man von einem Palast aus dem fünfzehnten Jahrhundert erwartet. Jedoch egal, wie verlockend die gemütlichen Sofas vor dem Kamin auch sind, Mantua wartet mit seinen Schönheiten. Bevor es losgeht, noch ein Tipp: Die Stadt hat auf zahlreichen Straßen das robuste Katzenkopfpflaster erhalten. Das sieht schön aus, ist aber besser mit flachen Absätzen zu bewältigen. Eigentlich ist es egal, welche Schuhe Besucher tragen. Bereits auf der Via Giuseppe Verdi verfallen sie bereits in den Mantuaner Rhythmus. Stehenbleiben, Geschäfte anschauen, am liebsten ein Schwätzchen halten, leider kennt man noch keinen. Aber auch die Auslagen der zahlreichen Bäckereien verlocken immer wieder zum Stehenbleiben. Die Mantuaner sind stolz auf Ihre Spezialitäten. Da ist zum einen die Sbrisolona, ein typischer Mandelkuchen, der laut Signora Bini zu jeder Gelegenheit geknabbert wird und als Volksdroge gilt. Und weil er eben eine Berühmtheit ist, wird er im Schaufenster präsentiert. Gleich daneben liegen golden und üppig die tortelliniartigen Agnolini. Zusammen mit den bunten Senffrüchten laufen die Bäckereifenster so manchem Modegeschäft den Rang ab. Behaglich wirkt das alles, einladend und harmonisch. Hektik scheint ein Fremdwort und Autos sind fast völlig aus der Innenstadt verbannt. Auf der Piazza Andrea Mantegna vor der Basilika spielen Kinder Fußball und werden von zwei Polizisten ermahnt, Hunde beschnuppern einander, während ihre Besitzer sich unterhalten und immer wieder ertönen Fahrradklingeln und Grußworte. Eigentlich fühlt es sich eher nach Dorf als nach Stadt an. Über den Uhrenturm an der Piazza Erbe links hatte Signora Bini eine Geschichte erzählt. Vor Jahren war die komplizierte Turmuhr mit den Sternzeichen kaputt. Viele Experten haben sich daran versucht, bis sich ein schweigsamer und bis dato sehr unauffälliger Mantuaner dran gemacht, sie wieder instand zu setzen. Mit Erfolg. Außer großem Ruhm in der Heimatstadt, brachte ihm das auch einen Ruf nach London zu Big Ben ein. Direkt daneben geht es hinab zur Rotonda di San Lorenzo. Eintritt muss hier nicht gezahlt werden, aber über eine Spende freuen sich die ehrenamtlichen Mitarbeiter am Eingang, die auf alle Fragen zur Kirche freudig Auskunft geben. Weniger als zwei Gehminuten über die Via Broletto entfernt liegt der Palazzo Ducale in all seiner Pracht, die Generationen von Bonacolsis und Gonzagas gefördert und gemehrt haben. Mehr als fünfhundert Räume umfasst er, viele davon können besichtigt werden. Inzwischen ist auch das Herzstück des Palastes, die Camera degli Sposi, nach längeren Restaurierungsarbeiten wieder für Besucher geöffnet. Angesichts des für die damalige Zeit revolutionären Kunstwerks, was die Darstellung der Herrscherfamilie und perspektivische Zeichnung der Himmelskuppel angeht, verwundert es nicht, dass Andrea Mantegna einen Grabplatz in Sant’Andrea bekommen hat. Hinter dem Palazzo Ducale befindet sich ein reizender Park. Von bequemen Bänken aus kann man Kindern, Verliebten und Hunden beim Tollen und Schmusen zusehen. Oder einfach mal die Augen in der Frühlingssonne schließen und all die Eindrücke nachwirken lassen. Wem der Sinn nach einer ausgiebigeren Pause steht, der geht zurück zur Piazza Erbe. Im „Cento Rampini" oder auch davor an den Tischen mit den flatternden weißen Decken warten die typischen Mantuaner Köstlichkeiten, wie zum Beispiel das Risotto alla Pilota oder der Luccio in Salsa, der Hecht in Soße. Das Risotto ist in zweierlei Hinsicht bemerkenswert: Erstens ist es nicht cremig wie ein typisches Risotto und zweitens kommt der Name nicht vom Piloten, sondern vom Reishäuter auf den Feldern. Egal, woher und wieso, schmecken tut es allemal, dazu ein Wein aus den sanften Hügeln vor dem Gardasee, kann der Tag noch perfekter werden? Einen Versuch ist es zumindest wert. Nach dem Caffè ist genau der richtige Moment für einen Besuch im Palazzo del Te gekommen. Das Lustschlösschen von Mantua liegt etwas außerhalb eingebettet in einen großzügigen Park inklusive Hippodrom. Besonders schön inmitten all der prächtig verzierten Räume ist der Saal der Giganten. An den Wänden sind Bänke angebracht, damit die Besucher einander nicht über den Haufen rempeln, denn fast alle blicken nach oben, um die Details der perspektivischen Kuppelillustration zu bewundern. Draußen werden die Schatten langsam länger. Vielleicht noch ein Aperitivo im Zentrum? Das scheint in Mantua auch bei Einheimischen beliebt. Die Sonnenplätze vor der Bar Venezia auf der Piazza Guglielmo Marconi sind fast alle belegt. Bei einem Glas Spritz und frischen Oliven klingt ein herrlicher Frühlingstag in Mantua aus. Und dann ist auch der Moment für behagliche Stunden am Kamin im Palazzo Arrivabene gekommen.

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