Clanchef: Der 20 Jahre alte Silberrücken Bweza ist Oberhaupt einer Familie aus drei Damen, zwei Jugendlichen und zwei Kindern. - © Michael Juhran
Clanchef: Der 20 Jahre alte Silberrücken Bweza ist Oberhaupt einer Familie aus drei Damen, zwei Jugendlichen und zwei Kindern. | © Michael Juhran

Afrika Ein Besuch bei Verwandten

Vor 50 Jahren begann Dian Fossey eine Mission – die Rettung der Berggorillas. Doch wie steht es heute um die engsten Verwandten des Menschen? Eine Trekkingtour in Ugandas Regenwäldern gewährt Einblicke

Michael Juhran

Es ist schwül und dicke Regentropfen prasseln am späten Nachmittag auf die Baumblätter und Sträucher rund um die Gorilla Safari Lodge am Rande des Bwindi-Nationalparks im Südwesten Ugandas. Dunstnebel steigen aus dem Regenwald, der die benachbarten Berge bedeckt und den Berggorillas Afrikas als letztes Refugium dient. Ganze 331 Quadratkilometer Nationalpark sind hier von ihrem Lebensraum übrig geblieben, der einst weite Teile des Kontinents bedeckte. Im Bwindi ist heute etwa die Hälfte der etwa 800 noch lebenden Berggorillas beheimatet, der Rest verteilt sich auf das Gebiet um die Virunga-Vulkane in Kongo bzw. in Ruanda. Am nächsten Morgen scheint in Rushaga die Sonne, als sich eine siebenköpfige Touristengruppe samt Führer und Trägern auf den Weg in den scheinbar undurchdringlichen Dschungel macht. Parkpolizist Francis Byarugaba begleitet mit einer Kalaschnikow die Schar, denn die hier lebenden Waldelefanten seien unberechenbar, lässt der leitende Parkranger Miel Mfitumukiza seine Gäste wissen. Bereits nach einigen Hundert Metern machen riesige Dunghaufen auf dem ausgetretenen Pfad deutlich, dass die Sorge nicht unbegründet ist. Für die Beliebtheit des Pfades bei den Dickhäutern hat Miel eine einleuchtende Erklärung, denn unterschiedlichste Nutzpflanzen säumen den Wegesrand. Nach einer Stunde biegt er ab. Jetzt geht es durch dichtes Gebüsch auf rutschigem Untergrund. Der Regen des vergangenen Tages hat den Boden in eine morastige Masse verwandelt. Immer wieder sind umgestürzte Bäume zu überwinden, nasses Gestrüpp behindert die Wanderer und der Berghang wird zunehmend steiler. Der „Impenetrable National Park" macht seinem Namen alle Ehre – ohne Machete, stützende Wanderstöcke und vor Dornen und Stacheln schützende Handschuhe wäre an ein Fortkommen kaum noch zu denken. Die erfolglosen Versuche Miels, mit seinem Walkie-Talkie einen Kontakt zu den vorausgeeilten Fährtenlesern aufzubauen, dämpft die Stimmung zusätzlich. Weitere 70 Minuten sind vergangen, bis Miel mit einem Lächeln verkündet, dass die Nshongi-Gorillafamilie in vierhundert Metern Entfernung durch das Unterholz zieht. Die Augen der Expeditionsteilnehmer beginnen zu glänzen. Nur noch wenige Minuten trennen ihren Lebenstraum von der Realität. Ein Adrenalinschub scheint alle noch einmal bei der Bewältigung der letzten Höhenmeter zu beflügeln. Dann folgt ein Moment unsagbaren Glücks, der die Mühen des Weges in die letzte Ecke des Gehirns verdrängt. Es ist der Silberrücken Bweza persönlich, der die Gruppe begrüßt. Nicht gerade überschwänglich, aber tolerant beäugt er seine Gäste aus sicherer Entfernung hinter einem Vorhang aus Zweigen und Gestrüpp. Fasziniert lassen sich die Besucher auf dem nassen Laub nieder, niemand wagt zu sprechen. Diszipliniert haben alle ihre Rücksäcke mit Wasser und Sandwiches bei den Fährtenlesern zurückgelassen und ihr Blitzlicht ausgeschaltet, bevor ein zaghaftes Klicken der Fotoapparate einsetzt. Die Ruhe der Gäste zahlt sich aus. Sanftmütig nähert sich der etwa 200-Kilo-Koloss der Gruppe, zupft Blätter und Farne und schiebt diese bedächtig in seinen Mund. „Bis zu 25 Kilo pflanzliche Nahrung nimmt Bweza täglich zu sich", flüstert Miel und erregt damit die Aufmerksamkeit des 20-jährigen Silberrückens. Der legt sich nun auf den Bauch und mustert seine Besucher nachdenklich, so als wolle er herausfinden, warum diese sich so ungeschickt bewegenden Zweibeiner vor sechs oder sieben Millionen Jahren eine andere Schneise auf dem Wege der Evolution eingeschlagen haben und was es ihnen gebracht hat. „Schaut her", so könnte er meinen, „mir geht es gut und wir alle könnten paradiesisch im Regenwald leben, wenn ihr nicht fast alle Bäume abgeholzt hättet." Von der Sanftmut ihres Anführers ermutigt, riskieren nun auch die anderen Familienmitglieder einen näheren Blick auf die buntgekleidete Schar aus Europa und Asien. Die schwangere Munini kratzt sich stolz an ihrem gewölbten Bauch und der halbstarke Raha interessiert sich für die klickenden Kameras, zupft neugierig ein paar Leuten am Ärmel, um sich anschließend erfolglos und schmollend in eine Astgabel zurückzuziehen. Bweza dagegen scheint genug gesehen zu haben. Er bewegt sich wieder ins Unterholz, um sein Fell von einer der drei Haremsdamen pflegen zu lassen, während sein etwa anderthalbjähriger Sohn um das Paar herumtollt. Viel zu schnell ist die Stunde vergangen, die den Besuchern für diese Begegnung zur Verfügung steht. Langsam ziehen die Gorillas weiter und die Gäste bleiben fasziniert und glücklich zurück. Auch Miel zeigt sich bewegt. „Selten kommt man der Gruppe so nah", weiß er aus Erfahrung. Und obwohl er seit sieben Jahren den Primaten folgt, begeistert ihn deren Sozialverhalten immer wieder aufs Neue. „Noch nie kam es während der Besuche zu ernsten Vorfällen", berichtet er. „Und manchmal erlebt man Szenen von sich umarmenden Gorillas, die man nie vergisst." Dann erzählt er, wie sich der Silberrücken selbst um ein Junges gekümmert hat und auf seinem Rücken trug, als dessen Mutter einer Krankheit zum Opfer fiel. Krankheiten sind heute die größte Gefahr für die Gorillas, nachdem ihnen der Nationalpark seit 1991 weitgehenden Schutz vor Wilderern und Waldrodung bietet. Ihr Verlangen nach dem Mark von Bananenstauden oder nach der Rinde von Eukalyptusbäumen können sie nur auf den Feldern der Bauern stillen und dies wird ihnen von Zeit zu Zeit zum Verhängnis. „Milben von Nutztieren lösten vor 17 Jahren eine Krätzeepedemie bei den Primaten aus und selbst Grippeviren können den Tod bringen", sagt Miel. „Deshalb sehen wir uns jeden Besucher genau an und tun alles für die Verbesserung der Hygiene in den Dörfern." In den letzten 10 Jahren wuchs die Population der Berggorillas rund um die Virunga-Vulkane von 700 auf 800. „Mit den Einnahmen aus dem Tourismus können wir viel für die Primaten und die Dorfbevölkerung tun", gibt er den Besuchern mit auf den Weg. „Erzählt Euren Bekannten von diesem Erlebnis!"

realisiert durch evolver group