Kunstvoll: Beim Spaziergang durch Paris lässt sich Kunst und Handwerk an allen Ecken entdecken. - © iStock
Kunstvoll: Beim Spaziergang durch Paris lässt sich Kunst und Handwerk an allen Ecken entdecken. | © iStock

Frankreich Kunst und altes Handwerk

Maler, Schriftsteller und Musiker: Als Heimstatt der Künstler ist Paris bekannt. Aber auch die kreative Handwerkskunst ist dort zu Hause – ein Spaziergang lohnt sich

Ulrich Traub

Im alten Paris war in den Vierteln der Stadt, den Arrondissements, jeweils ein bestimmtes Gewerbe ansässig. Die Heimat der Handwerker lag im 11. und 12. Bezirk. Mittlerweile sind hier viele Kunsthandwerker und junge Kreative zu Hause. Aber auch in anderen Arrondissements findet man Ateliers, in denen Handwerker in scheinbar aus der Zeit gefallenen Berufen der Digitalisierung der Welt trotzen. Sie fertigen Federschmuck und Kunstblumen für die Modebranche oder sind auf die Restaurierung historischen Mobiliars spezialisiert. Sie legen Intarsien oder kreieren individuelle, künstlerisch gestaltete Lederbezüge für Holzmöbel. Viele Kunsthandwerker betreiben offene Werkstätten, das heißt: Zuschauen erlaubt. Eine Entdeckungsreise startet man am besten am Viaduc des Arts an der Avenue Daumesnil, im 12. Arrondissement, nahe der Place de Bastille. In den alten S-Bahnbögen befinden sich heute über 50 Verkaufsräume und Werkstätten von Kunsthandwerkern – von der Mosaiklegerin über den Produzenten von Küchengeschirr aus Messing und Zinn bis zu einer Fa-
brikantin von hochwertigen Block- und Querflöten. Eher unscheinbar kommt die Handwerkskunst von Samuel Gassmann daher: Manschettenknöpfe. „Das ist viel cooler als Journalismus", erklärt er und der Interviewer staunt ungläubig, bis er erfährt, dass die kleinen Schmuckstücke nicht etwa einer aussterbenden Produktgattung angehören, sondern weltweit Liebhaber finden. Der Handwerker, der früher als Kunstkritiker tätig war, stieß bei einer Recherche auf das Thema Manschettenknöpfe. Es faszinierte ihn. Während er vorsichtig eine Motivplakette mit der Pinzette auf den Ringkorpus legt, erzählt er, dass ihn Malerei bei seiner neuen Kollektion beeinflusst hätte: „Ein von Manets ,Frühstück im Grünen’ angeregtes Motiv für Knöpfe, die tagsüber angelegt werden, und das von Leonardos ,Abendmahl’ inspirierte für die Abendgarderobe." Richtig, Paris ist ja die Stadt der Mode. Die ökologischen Kollektionen des Labels „L’Herbe Rouge" der Designer Arielle Levy und Thibaud Decroo zeigen, dass Textilien auch konsequent nachhaltig sein können. So kommen zum Beispiel recycelte Fasern zum Einsatz, neben zertifizierter Wolle. Außerdem erfolgt die Produktion entweder nach Fair-Trade-Prinzipien oder sozial in Europa – und das zu ganz normalen Preisen. Ein paar Schaufenster weiter präsentiert Michel Heurtault seine Ware: Regen- und Sonnenschirme. Der Kunsthandwerker arbeitet traditionell, von Hand und mit historischen Materialien. So entstehen wunderschöne Unikate aus Spitze, Seide oder Federn, in originellen Formen, etwa im Pagodenstil und mit überraschenden Motiven wie farbigen Regentropfen: Die Haute Couture der Schirme. Nach einem Bummel durch die Shops und Werkstätten im Viaduc des Arts kann man eine Etage höher frische Luft schnappen und über die begrünte Promenade Plantée spazieren, wo früher die Gleise verliefen. Ganz in der Nähe, an der Rue du Faubourg Saint-Antoine, laden dann die Ateliers de Paris zu weiteren Erkundungen ein. Im Showroom präsentieren junge Kreative ihre Arbeiten. Und Tipps, welche Atelierbesuche lohnenswert sind, erhält man hier obendrein. Das Netzwerk der Pariser Kunsthandwerker ist bestens geknüpft – was auch an öffentlichen Strukturen liegt: Kunsthandwerk genießt in Frankreich einen hohen Stellenwert. So klingelt man einige Zeit später bei Anne Hoguet am Boulevard de Strasbourg. Die Dame ist die Letzte ihrer Zunft in Frankreich, sie ist Fächermacherin und betreibt neben ihrer Werkstatt auch ein kleines Museum. Wer die Schmuckstücke der Ausstellungen bestaunt, hat auch Gelegenheit, Madame Hoguet bei ihrer diffizilen Arbeit über die Schulter zu schauen. Gerade zieht sie eine der unzähligen Schubladen auf, wählt eines der bedruckten, historischen Papiere und legt es auf ihren Arbeitstisch, um dann mit der Faltung, dem Plissieren, zu beginnen. „Ich muss besonders darauf achten, dass sich das Motiv des Fächerblattes auch nach dem Plissieren in seiner Wirkung entfalten kann." Danach beginnt die ungleich schwierigere Arbeit: Die Befestigung des Blattes, das etwa eine Tanzszene, Blumenmotive oder Spielkarten zeigt, auf dem Fächergestell. „Hierfür brauche ich viel Ruhe", sagt Madame lächelnd. Von der Restaurierung kostbarer, alter Fächer aus Privatbesitz bis zu neuen Kreationen – Anne Hoguet kann über Mangel an Arbeit nicht klagen. Anders ihr Kollege Gérard Lognon, einer der letzten Plisseure, der Falten für Kostümstoffe angefertigt hat. Der habe jüngst sein Geschäft aufgeben müssen: Kein Nachfolger in Sicht. „Ich bin bereits die vierte Generation aus unserer Familie in diesem Beruf, da wäre es doch traurig, wenn das hier alles aufgelöst werden müsste", blickt die als Maître d’Art ausgezeichnete Fächermacherin (die höchste Ehrung, die man im französischen Kunsthandwerk erreichen kann), in eine trotz allem ungewisse Zukunft. Etwas unhandlich für ein Mitbringsel sind dagegen die Arbeiten von Odile Bouxirot. Die Künstlerin ist Wandmalerin und hat sich auf historische Motive spezialisiert. Am Kanal Saint-Martin, gleich neben dem in die Literatur eingegangenen „Hôtel du Nord", hat sie die Fassade des Cafés „L’Atmosphère" bemalt. Man glaubt nicht, dass die vermeintliche Holzverkleidung Malerei ist. Auch sie hat ihr Atelier im 11. Arrondissement. Aber viele alte Handwerksbetriebe, vor allem Möbelbauer, hätten aufgeben müssen. Das Viertel war in den Blick der Immobilienbranche geraten. „Bis heute ist es überhaupt nicht einfach, hier zu überleben", weiß Odile Bouxirot, die Arts appliqués studiert hat, angewandte Künste. Viele Kollegen fänden ihr Auskommen nur, weil sie in ihrem Fachgebiet Restaurierungen anbieten würden. Auch im Paris der Kunsthandwerker ist also nicht alles Gold, was glänzt. Und ins Musée des Arts Décoratifs im Louvre, wo das Kunsthandwerk Frankreichs gefeiert wird, schaffen es nur die wenigsten.

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