Auf großer Fahrt: Geschmeidig gleitet die Mekong Sun auf dem Mekong Richtung Norden, in Richtung des sagenumwobenen goldenen Dreiecks zwischen Laos, Thailand und Birma. - © Fibich/SRT
Auf großer Fahrt: Geschmeidig gleitet die Mekong Sun auf dem Mekong Richtung Norden, in Richtung des sagenumwobenen goldenen Dreiecks zwischen Laos, Thailand und Birma. | © Fibich/SRT

Asien Das Leben ist ein langer Fluss

Bei einer Flusskreuzfahrt durch Laos zum Goldenen Dreieck ist das alte Asien noch lebendig. Auf der mehr als 800 Kilometer langen Reise ziehen unberührte Landschaften im Zeitlupentempo vorbei

Bärbel Schwertfeger

Es ist noch früh am Morgen. Die ersten Sonnenstrahlen durchbrechen die Nebelschleier und tauchen den von dichtem Dschungel eingerahmten Fluss in ein mystisches Licht. Die Luft ist feucht und kühl. Kapitän Huean nippt an seinem heißen Kaffee und steuert die Mekong Sun durch das schlammbraune Wasser. Seit 40 Jahren befährt der 63-Jährige den Mekong; er kennt die Tücken des Flusses: überflutete Felsen, wandernde Sandbänke und gefährliche Stromschnellen. Technische Hilfsmittel wie Echolot oder Radar gibt es nicht. Die Fahrt auf dem Mekong von der laotischen Hauptstadt Vientiane ins Goldene Dreieck, wo die drei Länder Laos, Thailand und Myanmar zusammentreffen, ist noch heute ein Abenteuer. Die „Mutter aller Wasser" – wie der Mekong auch genannt wird – bahnt sich ihren Weg von ihren Quellen im Himalaya durch Laos und Kambodscha bis zum Mündungsdelta in Vietnam. Der rund 4.500 Kilometer lange Strom ist die Lebensader für Millionen Menschen. 1.900 Kilometer fließt der Mekong dabei durch Laos, das – eingeschlossen von Vietnam, China, Thailand und Kambodscha – etwa so groß wie die alte Bundesrepublik ist und als das am wenigsten erschlossene Land Südostasiens gilt. Der Großteil ist gebirgig und mit dichtem Dschungel bedeckt. Die meisten der sieben Millionen Bewohner leben im Tiefland um den Mekong und gehören je nach Lesart 49 bis 134 ethnischen Gruppen an. Zehn Tage dauert die Fahrt. 800 Kilometer legt das 2005 gebaute und 2016 komplett renovierte Boutique-Schiff Mekong Sun dabei zurück. 40 Meter lang und mit einem Tiefgang von nur 1,20 Meter bietet es Platz für maximal 28 Gäste. Die 14 Kabinen, alle mit Fenster oder Balkon, sind wie das gesamte Schiff komplett aus Teak- und Mahagoni-Holz. Die meiste Zeit verbringen die Gäste auf dem Sonnendeck, wo die unberührte Landschaft wie ein endloser Panoramafilm vorbeizieht, unterbrochen nur durch die an Deck servierten Mahlzeiten. Bei Einbruch der Dunkelheit legt das Schiff an Sandbänken an, manchmal mitten in der Wildnis, manchmal in der Nähe eines Dorfes. Dann tauchen sofort die ersten Kinder auf und beobachten das Anlegemanöver mit scheuer Neugier. Nur selten kreuzt ein Lastkahn unsere Spur. Die meiste Zeit haben wir den Fluss für uns allein, abgeschieden von der Welt und ohne Handyempfang. An den Abenden erzählt Reiseleiter Thomas Stutenbrok den Gästen Interessantes zu Natur, Kultur und zur leidvollen Geschichte des Landes, auf das die Amerikaner im Vietnamkrieg mehr als zwei Millionen Tonnen Bomben und damit mehr als im gesamten Zweiten Weltkrieg abwarfen. Danach verschwand Laos für Jahrzehnte von der touristischen Landkarte. Am nächsten Vormittag drosselt Kapitän Huean die Geschwindigkeit. Zwei seiner Matrosen prüfen mit langen Bambusstangen die Wassertiefe. Dann laufen wir langsam auf eine Sandbank auf. Der Kapitän ruft vom Ufer einen Fischer mit einem kleinen Boot herbei, fährt mit ihm die Strecke ab und testet die Wassertiefe. „Vor vier Tagen war die Sandbank noch viel weiter links", berichtet Huean wieder zurück an Bord und steuert die Mekong Sun vorsichtig durch die verlagerte Fahrtrinne. Doch die Tage des ungezähmten Flusses sind gezählt. Denn das arme Laos will die Batterie von Südostasien werden und Strom an seine energiehungrigen Nachbarländer verkaufen. Neun Dämme – finanziert vor allem von chinesischen Investoren – sind bereits geplant, mit teils verheerenden Folgen für Natur und Menschen. Am vierten Tag erreichen wir den schon zur Hälfte fertigen Sayabouri-Staudamm. Durch eine Schleuse wird die „Mekong Sun" in den höher gelegenen, kilometerlangen Stausee gehoben. Mit Tuk-Tuks geht es zu den Kuang-Si-Wasserfällen, die in Kaskaden über mehrere Pools fallen und zum erfrischenden Bad einladen. Gegen Mittag erreicht die Mekong Sun die alte Königsstadt Luang Prabang. Mit ihren zahlreichen Tempeln und Klöstern ist sie der kulturelle Höhepunkt der Reise. Die auf einer Halbinsel zwischen den Flüssen Mekong und Nam Khan gelegene und vom Hausberg Phu Si überragte Altstadt hat sich dank strenger Vorschriften als UNESCO-Weltkulturerbe ihren frankophilen Charme bewahrt. Die alten Kolonialvillen und Paläste wurden renoviert und sind heute Hotels, Cafés oder Souvenirläden. Der morgendliche Almosengang der Mönche durch den Ort ist längst zum Touristenspektakel geworden. Schon in der Dämmerung werden bunte Hocker für chinesische Reisegruppen aufgestellt. Frauen verkaufen Körbe mit Snacks und Süßigkeiten, dann ziehen die Mönche in ihren orangefarbenen Roben durch das Blitzlichtgewitter. Ursprünglicher geht es auf dem Markt zu, wo getrocknete Büffellunge, in hauchdünne Platten gepresste Algen, Enteneier, Frösche und Fische auf Käufer warten. „Mekong-Fisch ist inzwischen rar und teuer geworden", erzählt Reiseleiter Vila, der in Leipzig studiert hat und perfekt deutsch spricht. Sein Vater war ein Leibwächter des letzten Königs und landete nach dem Umsturz und der Ausrufung der Laotischen Demokratischen Volksrepublik 1975 im Umerziehungslager, erzählt Vila. Was mit dem König geschah, ist bis heute nicht bekannt. Im ehemaligen Palast können Besucher heute seinen Thron und seine Wohnräume bewundern. Eine Musiktruhe von Grundig ist ebenso zu sehen wie ein Stein vom Mond, ein Gastgeschenk der USA. Er habe Angst um die nächste Generation, sagt Vila. Denn Laos werde zunehmend ein zweites Tibet. Schon heute investiert der große Nachbar China Unsummen in das Land, baut Straßen und Eisenbahnen, rodet riesige Flächen für Bananenplantagen und sichert sich für seine Millionen-Kredite langfristige Konzessionen zur Förderung von wertvollen Bodenschätzen. Nördlich von Luang Prabang, in den am Fluss gelegenen Höhlen von Pak-Ou, zeigt sich das spirituelle Laos. Im schummrigen Licht stehen Hunderte, oft nur ein paar Zentimeter große Buddha-Statuen zwischen den Felsen. Besonders mystisch ist die Stimmung in der höher gelegenen und stockfinsteren Höhle, wo das Lächeln der Buddha-Statuen im Lichtstrahl der Taschenlampe noch geheimnisvoller wirkt. Mit einem Holzboot tuckern wir auf einem schmalen Nebenfluss des Mekong zum Dorf Ban Don Mixay, wo der Veranstalter der Flusskreuzfahrt seit zehn Jahren eine Schule mit Spenden unterstützt. Zwischen den Stelzenhäusern aus geflochtenen Blättern flattert die Wäsche. Es gibt eine Wasserstelle, Strom und Satellitenschüsseln für den TV-Empfang. Vor den kargen Klassenzimmern scharen sich Schüler und Lehrer, schüchtern und neugierig auf die neuen Mitbringsel. Am Abend legt sich die 16-köpfige Mannschaft der Mekong Sun noch einmal richtig ins Zeug. Nach dem Anlegen werden in Windeseile Äste abgeschnitten, es wird Brennholz gesammelt und die einsame Sandbank für einen Grillabend mit Lagerfeuer präpariert. Bratwürste werden serviert, dazu Kartoffelgratin und das einheimische Beerlao. Ein Abschiedsessen unterm funkelnden Sternenhimmel mitten in der Wildnis.

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