Fasziniert vom Jazz-Gesang: Bassbariton Thomas Quasthoff. - © Gregor Hohenberg/Sony Classical
Fasziniert vom Jazz-Gesang: Bassbariton Thomas Quasthoff. | © Gregor Hohenberg/Sony Classical

Musik Bassbariton Thomas Quasthoff: „Die Klassikwelt war nie ganz meine“

Der international anerkannte Bassbariton hat sein Herz an den Jazz-Gesang verloren. Am Freitag erscheint sein neues Album, Ende Juni gastiert er mit Max Mutzke in Bielefeld

Heike Krüger

Herr Quasthoff, sechs Jahre nach Ihrem Abschied vom klassischen Gesang und acht Jahre nach der letzten CD bringen Sie am Freitag ein Jazz-Album heraus. Mit (NDR-)Bigband-Sound und Gast-Trompeter Till Brönner. Was hat Ihnen wieder Lust darauf gemacht? Thomas Quasthoff: Ich hatte immer den Traum, mal was mit Bigband zu machen. Außerdem wollte ich mit Jörg Achim Keller arbeiten, den ich für einen unglaublich guten Arrangeur halte. Mein Trio sagte „Au ja", dann haben wir das meiner ehemaligen Plattenfirma vorgeschlagen, die etwas zögerlich war und sogar eine Hörprobe wollte. Ich fand das ein bisschen albern, es zeigt aber die Situation der Deutschen Grammophon. Sony hat sofort zugegriffen. Was waren die Auswahlkriterien für die Jazz-Klassiker, die auf die CD sollten? Quasthoff: Ich konnte aussuchen, was ich gerne singen wollte, was meine Stimme trägt. Wir haben Tonarten gewählt, die die Stimme völlig entspannt klingen lassen. Nicht nach dem Motto: ,Jetzt zeig’ ich euch mal, wie laut ich singen kann’. So wie die CD heißt, ist sie auch – ,Nice’n’Easy’. Nach dem Schock über den Tod Ihres Bruders Michael verkündeten Sie 2012 Ihren Rückzug vom klassischen Gesang. Inzwischen hat sich Ihre Stimme erholt. Können Sie sich auch wieder eine Tournee mit klassischem Liedgut vorstellen? Quasthoff: Ich merke, dass die Stimme wieder so ist, dass ich mich auf die Bühne stelle. Und Jazz mache ich ja nun auch schon wieder vier, fünf Jahre. Ich hab’ noch Spaß daran und solange das Publikum das gerne hört, mache ich es. Aber ich mache keine klassische Musik mehr. Das ist endgültig. Es ist eine ganz andere Welt, und ich habe gemerkt, es ist nicht meine Welt. Da ist viel Oberflächlichkeit und Starrummel. Eigentlich war das nie ganz meine Welt, ich bin nie ein Roter-Teppich-Mensch gewesen. Sie haben oft gesagt, Sie schätzten die eher lockere Stimmung von Jazz- und Popkonzerten. Warum haben klassische Konzerte oft diese steife Atmosphäre? Würde ein bisschen „Nice’n’Easy" weiterhelfen? Quasthoff: Das habe ich in meiner klassischen Zeit immer versucht. Ich hab’ zwischendurch einen Scherz gemacht, mit den Leuten geredet. Viele Kollegen haben mir das übel genommen. Viele meinen, das sei im klassischen Bereich nicht seriös, was völlig albern ist. Ich glaube, dass sich die Klassikszene überlegen muss, was sie tun kann, um gerade junge Menschen zu begeistern. Also nicht immer nur Mann oder Frau vorm Klavier. Man muss vermitteln, dass das keine elitäre, vergeistigte Musik ist, sondern eine, die aus dem Volk kommt. Ist es eine Gratwanderung, dabei nicht da zu landen, wo Sie David Garrett und andere verorten – beim „Verpoppen" von Klassik? Quasthoff: Ganz ehrlich, ich habe nichts gegen Herrn Garrett. Das ist ein fantastischer Geiger, er spielt nur einfach scheiß Musik. Wahrscheinlich geht es ihm gar nicht um den Kommerz. Ich gehe sogar davon aus, dass es ihm Spaß macht. Allerdings: Wenn er nicht so gut und freakig aussehen würde mit seinen langen blonden Haaren, wäre es doch fraglich, ob er diesen Erfolg hätte. Es geht viel um Äußerlichkeiten. Im Jazz ist das anders, darauf bin ich stolz. Die David-Garrett-Welt ist nicht die meine. Sie sind angekommen im Jazz? Quasthoff: Ich bin überhaupt angekommen. Ich habe eine ganz tolle Frau, eine tolle Stieftochter. Wir haben keine finanziellen Sorgen und wohnen herrlich in Berlin, wo wir liebe Freunde haben. Mehr will man doch nicht. Am 30. Juni kommen Sie in die Bielefelder Oetkerhalle, mit Max Mutzke und einem hochkarätigen Jazz-Trio (Frank Chastenier, Dieter Ilg, Wolfgang Haffner). Wie kam es zur Zusammenarbeit mit Mutzke? Quasthoff: Max Mutzke hatte ein Projekt gegen Ausländerfeindlichkeit namens „Buntes Deutschland" und bat Künstlerfreunde, bei einem Video mitzumachen. Er fragte mich und wir fanden uns vom ersten Moment an sehr sympathisch. Dann haben wir beschlossen, was zusammen zu machen. Mit dem Projekt waren wir auf dem Jazzfest in der Wiener Staatsoper, im Theater Bonn und im Festspielhaus Baden-Baden. Alles ausverkauft. Das läuft sehr schön. Ich mache gern mit Max Musik. Er ist für sein junges Alter ein sehr reifer und vor allem ein wahnsinnig lieber Mensch. Und ein guter Musiker. Worauf können sich die Konzertbesucher einstellen? Quasthoff: Wir werden Duette machen, auch Stücke im Wechsel, schöne entspannte Musik. Es wird eine sehr entspannte Atmosphäre auf der Bühne sein. Und es wird humorvoll zugehen. Ich glaube, die Bielefelder können sich auf einen schönen Abend freuen. Und die Band ist ein Knaller. Sie kennen die Oetkerhalle und ihre Akustik. . . Quasthoff: Ja, ich habe dort einige Male gesungen – Liederabende und Orchesterkonzerte. Ich kenne sie gut. Ist es eigentlich beglückender, in großen Hallen wie der Carnegie-Hall, demnächst auch in der Elbphilharmonie zu gastieren als in kleineren Sälen? Quasthoff: Eigentlich ist mir das völlig egal. Man muss in jeder Halle gut sein, und so klein ist die Oetkerhalle ja auch nicht. Im Dezember bin ich in Berlin im Jazzclub A-Trane, gemeinsam mit Martina Gedeck. Da gehen 120 Leute rein. Um Größe geht es mir nicht. Haben Sie eigentlich noch „einen Koffer in Ostwestfalen-Lippe"? Quasthoff: Mit der Musikhochschule habe ich eigentlich nichts mehr zu tun. Aber gerade erst war ich in Detmold, am 7. April. Der Gitarrist, mit dem ich dort gespielt habe, ist ein enger Freund von mir aus meiner Detmolder Zeit. Auch andere Freunde sind immer mal wieder ein Grund, nach Detmold zu fahren. Berlin ist eine toller Ort für Künstler, oder? Quasthoff: Ich habe drei Jahre am Berliner Ensemble gespielt, unter Katharina Thalbach. Das hätte ich in Detmold nicht geschafft. Ich habe Kabarett gemacht, arbeite gerade in Hallervordens Schlosspark Theater, ich habe eine eigene Talkreihe im Grips-Theater. Man hat in Berlin unendlich viele Möglichkeiten. Ihr Herz schlägt neben dem Gesang fürs Kabarett, Schauspiel und die Literatur. Welchen Anteil an Ihrer Arbeit werden diese Genres künftig haben? Quasthoff: Kabarett mache ich gar nicht mehr, das ist abgeschlossen. Zwar ist das sehr spannend, weil man spontan aufs Publikum reagieren muss. Aber auf Dauer war das nicht meine Welt. Lesungen werde ich immer machen, das macht mir viel Spaß. Die mache ich weiter, so lange meine Stimme funktioniert. Aber ich habe gemerkt, dass meine große Stärke in der Musik liegt. Tickets für den 30. Juni, 20 Uhr, in der Oetkerhalle, Tel: (0521) 555-444, sowie an den bekannten Vorverkaufsstellen.

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