Musik Bob Dylan in Bielefeld: Besuch des alten Barden

Das lebendige Rock-Denkmal gab ein melancholisches Gastspiel in der ausverkauften Seidenstickerhalle

Thomas Klingebiel

Bielefeld. Die Dinge haben sich geändert, fürwahr. Wie eine Vorwarnung lässt Bob Dylan seit geraumer Zeit seine Konzerte mit „Things Have Changed" beginnen. Der Oscar, den er 2001 für diesen Filmsong bekam, steht angestrahlt wie auf einem kleinen Hausaltar am rechten Bühnenrand, daneben eine weiße Athene-Büste. Dylan, das lebendige Rock-Denkmal, lugt mit struppigem Haar hinter einem Mini-Flügel hervor. Die Bühne ist in spätherbstlich-rostbraune Lichtstimmungen getaucht. 4.300 Zuhörer, fast ausschließlich Ü50-Generation, haben andächtig in der ausverkauften Seidenstickerhalle Platz genommen. 1995 war Dylan schon einmal in Bielefeld. Damals war es durchaus noch so etwas wie ein Rockkonzert. Diesmal erwartet das Publikum ein überwiegend ruhiger Abend, durchkomponiert bis ins letzte Detail. Dylan verleugnet nicht, dass er in die Jahre gekommen ist Wie einen Episodenfilm lässt der Literaturnobelpreisträger und Filmfan 20 seiner Lieder vorüberziehen. Eine Handvoll monumentaler Studio-Scheinwerfer, wie man sie zuletzt auf Schwarzweißfotos von Dreharbeiten im alten Hollywood sah, spendet dazu im Bühnenhintergrund Nachtclub-Schummerlicht. Die Umgebung der nüchternen Sporthalle ist vergessen. Bob Dylan, der listige Regisseur, lädt für eindreiviertel Stunden in den Kosmos seiner Kunst. Ein Traum, was sonst. Robert Zimmerman, wie Dylan bürgerlich heißt, wird im Mai 77. Ein Mick Jagger kann es sich vielleicht leisten, auch in dem Alter auf der Bühne herumzuhüpfen, als wäre es noch immer 1968. Bob Dylan hingegen verleugnet nicht, dass er in die Jahre gekommen ist. Als Man in Black im dezent ornamentierten Southern-Gent-Anzug hält er stoischen Blickes Rückschau auf ein alles andere als einheitliches Werk. Instrumentale Zwischenspiele, die an das verheißungsvolle Chaos einer Orchester-Einstimmphase vor Konzertbeginn erinnern, markieren jeweils die Übergänge: Wie aus einem akustischen Urgrund erheben sich die unterschiedlichsten Songgestalten in teils überraschend neuen Stilgewändern. Exzellente Band Auf „Don’t Think Twice, It’s All Right" aus der frühen Folkphase folgt „Highway 61"aus der Zeit, als man Dylan einen Judas schalt, weil er seine akustische gegen eine E-Gitarre getauscht hatte. „Desolation Row", sein erstes XXL-Songepos von 1965, und die insgesamt fünf Songs vom letzten Studioalbum „Tempest", die er in Bielefeld spielt, umfassen eine Zeitspanne von fast fünf Jahrzehnten. Dylans exzellente Tourband mit Tony Garnier (Bass), George Recile (Schlagzeug), Stu Kimball (Gitarre), Charlie Sexton (Gitarre) und Donnie Herron (Pedal Steel, Mandoline, Geige) wechselt mühelos zwischen Bluesriffs („Early Roman Kings"), Country-Swing („Duquesne Whistle") und Rockabilly („Thunder on the Mountain"). Dylan ergänzt das Klangbild mit beherztem Klavierspiel, gelegentliche schauerliche Dissonanzen inklusive. „Tangled up in Blue" ist kaum wiederzuerkennen. Der eingängige Klassiker vom „Blood on the Tracks"-Scheidungsalbum wird mit einem marschähnlichen Staccato buchstäblich zerlegt. Solche Dekonstruktionen sind seit ewigen Zeiten Standard in Dylan-Konzerten. Viele Alt-Fans sind eher von der jüngsten Hinwendung ihres Idols zum 
Great American Songbook alarmiert. Der Alte zieht unbestechlich
 Bilanz Gleich mehrfach verlässt Dylan am Samstag den Klavier-Hochsitz, um in der Bühnenmitte Evergreens wie 
„Melancholy Mood", „Come Rain Or Come Shine" oder „Autumn Leaves" zu raunen. Manchmal legte er dabei kess wie Elvis den Mikroständer schräg, bisweilen hält er sich wie an einer Krücke fest. Nicht immer folgen die ramponierten Stimmbänder der jeweiligen Original-Melodie, dennoch bewegt Dylans Gesang. Für seine Verhältnisse ist er überraschend gut bei Stimme. „Judas" ruft niemand. In der filmischen Tour-Inszenierung stehen die verschiedenen Dylan-Zeitalter unmittelbar und wie selbstverständlich nebeneinander. Wer nicht so genau auf die Songtexte achtet und bei der ersten Zugabe „Blowin‘ in the Wind" sachte mitschunkelt, kann fast den Eindruck einer heiter-herbstlichen Serenade gewinnen. Doch bei Licht betrachtet, in Songs wie „Honest with Me" oder „Tryin‘ to Get to Heaven", der vielleicht eindringlichsten Interpretation des Abends, zieht der Alte unbestechlich Bilanz. Illusionslos singt er uns von Nicht-Verstanden-Werden, Scheitern, Einsamkeit. Das macht ihn groß.

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