Sängerin, Gitarristin und Dylan-Fan: Bernadette La Hengst. - © Christiane Stephan
Sängerin, Gitarristin und Dylan-Fan: Bernadette La Hengst. | © Christiane Stephan

Musik Serie "Bob und ich": Popkünstlerin Bernadette La Hengst erinnert sich

Popkünstlerin Bernadette La Hengst erinnert sich daran, dass ihre Vorliebe für Bob-Dylan-Songs im Tourbus nicht bei allen auf Gegenliebe stieß

Bernadette La Hengst

Bob Dylan war in unserem Tourbus immer ein heißer Stuhl. Wenn wir in den 90ern an einem verregneten Herbstmorgen mit „Die Braut haut ins Auge" von Hamburg Richtung Süden losfuhren, wollte jede „vorne sitzen ohne Streit". Denn wer vorne saß, hatte die Macht über den Kassettenrekorder. Spätestens bei den Kasseler Bergen legte ich dann meine Lieblingskassette mit Bob-Dylan-Songs ein. Unsere englische Bassistin Peta hinter mir fing an zu stöhnen. Nein, nicht schon wieder dieser Nörgler. Unsere Keyboarderin Karen, die halb Amerikanerin war, saß glücklicherweise neben mir und sang jedes Lied mit: „I Want You", „The Times They Are A-Changin’", „Don’t Think Twice, It’s All Right, „Subterranean Homesick Blues", „Like a Rolling Stone" oder „Spanish Boots of Spanish Leather". Für sie waren die Songs die abgründige Erzählung des Amerikas ihrer Mutter, die dort aufgewachsen war und immer noch zwischen den zwei Kulturen hin und her schwankte. Ich verstand die Texte erst richtig, als ich mir das Songbook kaufte, mit deutscher Übersetzung. Irre Geschichten, die er erzählen konnte in einem einzigen Lied. Man muss nicht immer schön singen, wenn man die richtige Haltung hat. "Jeder Song eine Entdeckung" Und man konnte lernen, wie man rappt, ohne ein Gangsterrapper zu sein. Rhythmus und Gitarre waren so einfach, weil der Flow der Sprache so gut funktionierte, und der Tonfall seiner Stimme war so einzigartig, so genervt, so überheblich, und dann doch wieder so liebevoll, jeder Song eine Entdeckung. Seine Mundharmonika jaulte, und der Widerstand aus den hinteren Sitzreihen wurde lauter. „Nein! Ich kann’s nicht mehr hören. Macht diesen Scheiß aus!" – „Wir wollen Countrymusik hören!" – „Nein! Wir wollen Hip-Hop!" – „Nein, ich will Sixties-Beat!" Und dann hatte unser Mischer Timo, der gerade den Bus fuhr, eine grandiose Idee. Nach jeder Strophe des Songs, in der das Mundharmonika-Solo einsetzte, drückte er auf die Hupe, die genau denselben Ton hatte wie die Mundharmonika, nur viel lauter. Wir waren längst von der Autobahn abgefahren und fuhren über Land zu unserem Konzert irgendwo in der Pampa mitten in Südhessen, und er hupte wie ein Irrer über die Landstraße zu Bob Dylans „Just Like a Woman". Wir kreischten vor Lachen, bis das Lied zu Ende war, da nahm Timo meine Lieblingskassette und schmiss sie einfach aus dem Fenster. Unglaublich! Karen und ich schrien vor Empörung, aber da fuhr schon ein Auto über unseren Liebling und die Kassette zerbarst vor unseren Augen im Rückspiegel. Das war das Ende unserer Bob-Dylan-Ära bei der Braut. Danach musste ich ihn mir alleine zu Hause anhören, aber verlassen hat er mich nie.

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