"Eine furchterregend neue Erfahrung": Dita Von Teese über die Arbeit an ihrem ersten Musikalbum. - © picture alliance / Henning Kaiser/dpa
"Eine furchterregend neue Erfahrung": Dita Von Teese über die Arbeit an ihrem ersten Musikalbum. | © picture alliance / Henning Kaiser/dpa

Musik Dita von Teese über ihr erstes Album und Männer nach Metoo

Interview: Dita Von Teese über ihr erstes Musikalbum, ihren Kater Aleister, ihre Schüchternheit, die metoo-Debatte und den Spaß, sich auch einmal führen zu lassen

Steffen Rüth

Frau Von Teese, wie sieht heute Ihr Tagesablauf aus? Dita von Teese: Ich bin um 8 Uhr aufgewacht, habe Kaffee getrunken, jetzt reden wir miteinander, danach werde ich mich zurechtmachen, und anschließend habe ich ein Fotoshooting. Am Nachmittag waren weitere Interviewtermine geplant, die musste ich aber verschieben, weil mein Kater heute aus dem Krankenhaus kommt und ich ihn nachher abhole. Was fehlt ihm denn? Von Teese: Er hatte eine Operation und muss sich jetzt erholen. Aleister, so heißt er, ist ein sehr besonderer Kater. Er ist 15 Jahre alt und hat mich schon überall hin auf der Welt begleitet. Kennt Aleister Ihr Album? Von Teese: Nein, er hört schlecht. Aber ich käme sowieso nicht auf den Gedanken, zuhause meine Platte laufen zu lassen. Wieso nicht? Von Teese: Weil ich Hemmungen habe, mir selbst beim Singen zuzuhören. Was meine Stimme angeht, fehlt mir jedes Selbstbewusstsein. Ich bin ja keine Sängerin. Als Sébastien Tellier mich fragte, ob ich mit ihm ein Album machen und darauf singen würde, war das eine große Ehre, und ich wollte keinesfalls "nein" sagen. Andererseits war das aber auch eine komplett furchterregende neue Erfahrung. Sind Sie relativ schüchtern? Von Teese: Ja. Aber bei weitem nicht mehr so extrem wie früher. Ich bin ein blondes Mädchen, das von einer Farm in Michigan stammt. Als Kind war ich schrecklich schüchtern, auch als Teenager habe ich mich nur wenig getraut. Ich war auch nicht immer so glücklich mit meinem Körper wie heute, ich habe erst lernen müssen, mich zu mögen. Was hat Sie denn an der Zusammenarbeit mit Sébastien Tellier gereizt? Von Teese: Die Kontrolle abzugeben. Ich habe mir meine Karriere selbst aufgebaut und genieße es normalerweise, die Macht und die Entscheidungsgewalt über meine Arbeit zu haben. Aber die Verantwortung an Sébastien abzugeben, der sämtliche Texte und die ganze Musik schrieb, war total klasse. Er hat geführt, und ich folgte ihm. Sich fallen zu lassen und jemandem, der weiß, was er tut, völlig zu vertrauen, kann großen Spaß machen. Er meinte, es mache ihm nichts aus, dass ich nicht singen könne. Sind Sie sich selbst gegenüber eigentlich immer so kritisch? Von Teese: Ich stapele lieber zu tief als zu hoch. Ich war nie ein Mensch, der eine große Klappe hatte, was das eigene Können angeht. Ich glaube an das Konzept von "So lange schummeln, bis man erreicht hat, was man will". Ich bin zum Beispiel auch keine sehr gute Tänzerin. Sie haben eine Riesenkarriere gemacht und sind die wohl bekannteste Burlesque-Tänzerin der Welt. Von Teese: Schon. Aber mit Burlesque und Striptease fing ich ja nur deswegen an, weil ich unfähig war, eine große Balletttänzerin zu werden. Okay, dann wurde ich berühmteste Burlesque-Tänzerin der Welt, damit kann ich gut leben (lacht). Manchmal haben sich meine Mängel als Segen erwiesen. Man muss die Dinge dann nur neu denken, frisch angehen und das Beste aus seinen Schwächen machen. Hat Ihre Show eine Botschaft? Von Teese: Ich zeige, dass man eine erotische und sinnliche Person sein kann und trotzdem die volle Kontrolle und Macht hat. Feministisch und sexy zu sein ist für mich kein Widerspruch. Sie haben das Verb "to tease", also flirten, verführen, reizen, quasi schon im Namen. Ist der gute alte Flirt wegen der "metoo"-Bewegung in der Krise? Von Teese: Es steht jedenfalls vieles auf dem Prüfstand. Ich bin heilfroh, dass viele Frauen endlich darüber sprechen, was ihnen passiert ist. Sind Männer Ihnen gegenüber jemals übergriffig geworden? Von Teese: Beruflich ist mir so gut wie nichts passiert. Über Männer, die mir mal an den Hintern gefasst haben, kann ich hinwegsehen. Aber privat habe ich einige wirklich eklige Erfahrungen gemacht. Wird das erotische "Rendez-Vous", von dem Sie auf ihrem Album singen, in Zukunft anders ablaufen als bisher? Von Teese: Ich denke schon, dass sich das Verhalten gerade von Männern verändern wird. Gerade sind alle supernervös, keiner weiß mehr, was angemessen ist, alle haben Angst, etwas falsch zu machen. Auch bei den ganz normalen Männern herrscht jetzt Alarmstimmung. Ich merke das an Kleinigkeiten. Im Flugzeug sitze ich gern am Fenster, und wenn ich sonst aufstehen wollte, musste ich meist über den Mann oder die Männer neben mir klettern. Die blieben einfach sitzen, vielleicht aus Faulheit, vielleicht wollten sie sich auch an mir reiben. Jetzt jedenfalls springen alle sofort auf. Niemand will mehr als potenzieller Lustmolch gelten. Also, das ist schon mal ein Fortschritt (lacht).

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