Anspruchsvolles Programm: György Mészáros leitete die Jungen Sinfoniker. - © Barbara Franke
Anspruchsvolles Programm: György Mészáros leitete die Jungen Sinfoniker. | © Barbara Franke

Kultur Verhängnisvolle Verstrickungen mit den Jungen Sinfonikern

Das Jugendorchester auf den Spuren von Romanzen, Affären und dem Leben nach dem Tod. Als Solistin glänzte Anna-Sophie Brosig

Bielefeld. Bei ihrem ersten Winter-Konzert begaben sich die Jungen Sinfoniker OWL in die Oetkerhalle und auf die Spuren von märchenhaft Gesponnenem, unmoralischen Affären und existenziellen Fragen über Leben und Tod. Mit Antonín Dvořáks „Goldenem Spinnrad" hatte György Mészáros, Erster Kapellmeister am Landestheater Detmold, eine sinfonische Dichtung ausgewählt, die den musizierenden Kindern und Jugendlichen ob ihrer Bildhaftigkeit noch am nächsten liegen dürfte. Auch wenn nur im Märchen – in diesem Falle stammt es aus der Balladensammlung „Kytice" („Blumenstrauß") von Karel Jaromír Erben – alte Zauberer Prinzessinnen zum Leben erwecken und magische Spinnräder ganze Geschichten ausplaudern. Unheilvoll-düstere Fagotte Was hier recht schlicht nach Art eines sinfonischen Satzes dargestellt und mitunter in Dur-Moll-Kontrasten variiert wird (Mészáros: „eine Art früher Stummfilm"), erklingt indes recht schlüssig musiziert und lässt unter anderem (heute leider indisponierte) Hörner (Jagdrufe) sowie dafür umso lieblichere Klarinetten und unheilvoll-düstere Fagotte hervortreten. Choralhaft-weise vom blitzsauberen Posaunensatz unterstrichen, tritt der alte Zauberer ins Bild, gefolgt vom majestätisch von Trompetenfanfaren signalisierten Erscheinen des Königs. Doch Ende gut, alles gut: Das glücklicherweise geschwätzige Spinnrad (eine fabelhaft perlende Piccolo-Föte) führt den unglücklichen König zu seiner Auserwählten! Dass indes einer ungehörigen Affäre zwar schmerzlich-sehnende Gefühle, aber nicht unbedingt Trennungen folgen müssen, lässt Richard Wagner in seinen „Wesendonck-Liedern" heraushören, welche der Betroffenen (Mathilde Wesendonck) nicht nur literarisch aus der Seele sprechen. Die Schmerzen des lyrischen Ichs stimmlich ausgefüllt Gesungen werden sie von der ausgezeichneten Anna-Sophie Brosig, die auch über ihre Heimat OWL hinaus längst ein gern gehörter wie gesehener Gast ist. Emotional eingetaucht, vermag sie alle Wonnen und Schmerzen des lyrischen Ichs zu ermessen und stimmlich auszufüllen. Kraft liedhafter Schlankheit verströmt ihr Sopran lyrisch-leichte wie bildhaft-beredte Qualitäten, die sich spannungsvoll und mit deutlicher Dramatik entfalten. Unterstützt etwa von einem selig-zarten Streicherbett, erscheint „Stehe still!" nahezu zeitlos wie staunend schwebend, „Im Treibhaus" wie atemlos-still leidend. Nur unter die im wahrhaft Sinnlichen des Wortes aufblühenden und verglühenden „Träume" mischt sich ein unausgewogener Streicherpuls. Schade aber vor allem, dass sich bei Gustav Mahlers „Totenfeier" angesichts des schweren Stoffes ein alles in allem nicht annähernd so verinnerlichtes wie geführtes instrumentales Klangbild zeigt. Insgesamt wie Stückwerk Ob des kaum erfassten großen Spannungsbogens und einer spürbaren Stimmgruppen-Indifferenz wirkt diese sinfonische Dichtung partiell gesehen gelungen gespielt, aber insgesamt wie Stückwerk, dem es nicht gelingt, „mit allen Mitteln der vorhandenen Technik eine Welt aufzubauen" (Wagner). Ein weiterer Wermutstropfen schwebt über dem Abend: eine kaum pointierte, ja weichgezeichnete Darbietung von Johann Strauß’ Polka mazur „Die Libelle", anstelle welcher etwa einer von Dvo¹áks „Slawischen Tänzen" das anspruchsvolle Programm sinnvoller abgerundet hätte. Dem aufbrandenden Applaus im gut gefüllten Saal der Oetkerhalle tut dies freilich keinen Abbruch.

realisiert durch evolver group