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Kultur Wund vor Wut: Eminems neues Album "Revival"

Neues Album: Der 45-jährige Rapper Eminem reagiert sich auf „Revival“ an Donald Trump abund verliert dabei bisweilen den Faden

Bielefeld. Man braucht nicht viel Fantasie, um sich folgende Situation vorzustellen: In seiner Villa in einem Reichenvorort von Detroit sitzt der mittelalte, seit einiger Zeit bärtige Eminem alias Slim Shady alias Marshall Mathers und wartet. Darauf, dass sich sein vermeintlicher Erzfeind endlich meldet. Am besten per Twitter. Macht er doch sonst immer. Als Snoop Dogg letztens in einem Video seine Pistole auf einen Doppelgänger richtete, schrieb er sogleich „Einsperren!“. Aber Donald Trump hält die Wurstfinger still. Kein Kommentar zu Eminems Angriffen gegen ihn, gegen Tochter Ivanka (liegt im Stück „Framed“ plötzlich in Eminems Kofferraum), gegen Gattin Melania (kann man in einer Familienzeitung nicht schreiben). Denn es ist wohl so: Donald Trump mag diesen Typen. Womöglich sieht er in Mathers sogar eine Art Gesinnungsbruder. 2004 hatte Trump einen Kurzauftritt in einem MTV-Beitrag namens „The Slim Shady Convention“, über Eminems Alter Ego sagte er darin: „Slim Shady ist ein Gewinner. Er hat Köpfchen, er hat Eier, und er hat die Stimme von Donald Trump.“ Emimens Fans sind bis heuteüberwiegend weiß Marshall Mathers versucht nun seit Monaten vehement, das Stigma des Trump-Günstlings abzuschütteln. Gewisse Parallelen zwischen den beiden lassen sich ja durchaus ziehen. Eminem, der mit etwa 175 Millionen verkaufter Alben erfolgreichste Rapper aller Zeiten, begründete seine Karriere in den späten Neunzigern auch auf hasserfüllt, gewaltverherrlichend, frauen- und schwulenfeindlich interpretierbaren Tiraden. Eminem inszenierte sich als Wutbürger, lange bevor das Wort erfunden wurde. Seine Fans sind bis heute überwiegend weiß und speziell in den USA überproportional in ländlichen Gebieten anzutreffen. Soll heißen: Die Zielgruppen von Trump und Mathers überschneiden sich ganz schön. Doch damit soll nun Schluss sein. Im Oktober veröffentlichte Eminem, sozusagen als Startschuss für die „Revival“-Kampagne, das (vorher geprobte) A-cappella-Freestyle-Video „The Storm“. Viereinhalb Minuten lang tritt er Trump verbal in die Tonne, geißelt die Neonazi-Ausschreitungen von Charlottesville, den geplanten Mauerbau und solidarisiert sich mit den Footballprofis, die als antirassistisches Statement bei der Nationalhymne knien statt stehen. Am Ende rappt er, dass sich seine Fans zu entscheiden hätten, auf wessen Seite sie stünden. Der Mittelfinger an die Trump-Anhänger in seinem Publikum mag ihn ein paar verkaufte Platten kosten, brachte Eminem aber viel Respekt ein. In diesem Stil geht es auf „Revival“ weiter. Eminem rappt sich regelrecht wund gegen Trump, was bisweilen ermüdend wirkt. „Untouchable“ ist eine sechsminütige Abhandlung über die aus Mathers’ Sicht peinlichen und unfairen Privilegien des weißen Mannes, nur passt die belehrende, wenig rhythmische Nummer besser in den Politikunterricht einer zehnten Klasse als auf den eigenen Kopfhörer. Fast schon ist es Muster auf diesem ausufernden, vorwiegend von Rick Rubin und Alex da Kid produzierten Album: Die Absicht ist gut, die Umsetzung hinkt häufig hinterher. Aus „Like Home“, einem Duett mit Alicia Keys, hätte zum Beispiel mehr werden können, vielleicht ein „New York State Of Mind“ für die ganzen USA. Es geht neben dem obligatorischen Trump-Hitler-Vergleich um Patriotismus, Eminem liebt sein Land ja trotzdem, auf dem Albumcover ist die US-Flagge abgebildet. Doch der Song will einfach nicht so richtig zünden. Das Album ist weit entfernt von früherer Brillanz und Schärfe Ähnlich war es schon bei „Walk On Water“, der ersten Vorabsingle. Eminem rappt über seine Selbstzweifel und die Angst, es nicht mehr drauf zu haben, Beyoncé singt dazu einen melodramatisch aufgeblasenen Refrain, das passt nicht zusammen. Dass Eminem sich stark unter Druck setzt und in einer Zeit, in der jüngere Rapper wie Kendrick Lamar oder Drake Charts wie Hip-Hop-Diskurs prägen, kommerziell relevant zu bleiben versucht, schadet „Revival“ künstlerisch. Neben Keys und Beyoncé tauchen unter anderem Skylar Grey und die Poprockband X Ambassadors auf, Pink dominiert die Powerballade „Need Me“, und Ed Sheeran, der größte Popstar des Jahres, singt, ja säuselt, den Refrain zu „River“. Das klingt nett, aber will Eminem jetzt etwa nett klingen? Anscheinend schon. „Ich wollte ein Album machen, auf dem für jeden etwas dabei ist“, sagte er im Interview mit seinem Freund Elton John (so viel zum Homophobie-Vorwurf). Dass Eminem sowohl „Zombie“ von den Cranberries („In Your Head“) als auch Joan Jetts „I Love Rock’n’Roll“ („Remind Me“) sampelt, sorgt immerhin für Auflockerung und Abwechslung. Seine stärksten Momente hat das erste Eminem-Album seit vier Jahren ausgerechnet, wenn es sich weder mit Donald Trump herumschlägt, noch auf Popstar-Schützenhilfe setzt: Im packenden, an „Cleanin’ Out My Closet“ erinnernden, „Believe“ möchte man Eminems Frage „Do you still believe in me?“ (Glaubst du noch an mich) glatt bejahen. In den finalen zwei Stücken „Castle“ und „Arose“ thematisiert Marshall Mathers zunächst die Briefe, die er seiner inzwischen 22-jährigen Tochter Hailie während seiner Tabletten- und Methadonsucht schrieb (er ist seit 2008 clean), bevor er zu Bette Midlers „The Rose“ über die Überdosis spricht, die ihn auf die Bettkante des Todes brachte. Am Ende hört man eine Klospülung. Eminem entledigt sich hier seiner letzten Pillenvorräte. Und nicht etwa seines Albums. Denn „Revival“ ist weit entfernt von früherer Brillanz und Schärfe. Ein Desaster ist das Album aber nicht, sondern der mal mehr, mal weniger gelungene Versuch eines 45-jährigen Weltstars zu sehen, wo er in Zeiten wie diesen bleibt.

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