"So wie die Musik klingt, so klingt's in mir": Lars Eidinger steht im Hof des früheren Krematoriums Berlin-Wedding. Dort hat sein Label !K7 seinen Sitz. - © picture alliance / Jörg Carstensen/dpa
"So wie die Musik klingt, so klingt's in mir": Lars Eidinger steht im Hof des früheren Krematoriums Berlin-Wedding. Dort hat sein Label !K7 seinen Sitz. | © picture alliance / Jörg Carstensen/dpa

Interview Lars Eidinger: "Es ist schön, traurig zu sein"

Schauspieler Lars Eidinger legt sein Hip-Hop-Album "I'll Break Ya Legg" neu auf.

Nada Weigelt

Schauspieler Lars Eidinger (41) erklärt, was ihm Musik bedeutet. Am Freitag erscheint sein Album mit elektronischem Instrumental-Hip-Hop. Es entstand Ende der 90er Jahre im Keller seiner Eltern. Warum kommt Ihre Platte "I'll Break Ya Legg" aus dem Jahr 1998, erweitert um fünf unveröffentlichte Stücken, jetzt nochmal raus? Lars Eidinger: Ich bekam das Angebot vom Label und war total froh. Denn damals war es eine Veröffentlichung mit zwei anderen Künstlern, und alle drei Platten hatten das gleiche türkise Cover. Das sah schon irgendwie schön aus. Aber genauso, wie man in seiner Kindheit und Jugend rumspinnt, wie die Band mal heißen soll, die man gründen will, so hatte ich immer im Kopf, wie meine Platte aussehen würde. Jetzt gab?s die Chance, sie selbst zu gestalten. Und ich bin auf das Layout und das Cover mindestens genauso stolz wie auf die Musik. Haben Sie nicht das Gefühl, inzwischen ein Stück weiter zu sein? Eidinger: Ja. Mein Zugang zur Musik war damals ein ganz anderer. Das hatte etwas naiv-genialisches, sehr direkt, von dem absoluten Willen getragen, selbst Musik zu produzieren. Das ging davor ja gar nicht. Und plötzlich hatte man durch die Computertechnik die Möglichkeit, eine ganze Platte zu machen, sein Lebensgefühl auszudrücken. Viele sagen, die Musik ist so traurig und düster und langsam, aber so sieht?s halt in mir aus. So wie die Musik klingt, so klingt?s in mir. . . . nicht mittlerweile ein bisschen fröhlicher? Eidinger: Ach, na ja. Das Thema des Covers, die Endlichkeit, das beschäftigt mich schon sehr. Es ist doch so, dass selbst die glücklichsten Momente immer ein bisschen betrübt sind, weil man weiß, dass sie endlich sind. Und gleichzeitig weiß man, dass die Endlichkeit eigentlich die Qualität oder die Schönheit des Lebens ausmacht. Ohne den Tod würde es das Leben nicht geben, und umgekehrt. Wenn man das erkennt, kann einem das eine gewisse Ruhe geben. Was bedeutet das Cover? Eidinger: Einerseits ist es das Motiv von Ophelia, die ins Wasser geht und sich umbringt. Das hat so etwas Abschließendes, Suizidales. Aber man sieht auch, dass mir hinten die Haare ausfallen - ein kleines Aufbegehren gegen die perfekte Oberfläche der Popkultur. Dieser morbide Charme gefällt mir. Ich teile ja auch den romantischen Gedanken, dass es schön ist, traurig zu sein, sich in unerfüllter Liebe oder Weltschmerz zu verlieren - es darf halt nur nicht in die Depression abrutschen. Ist die Musik für Sie in den letzten Jahren wieder wichtiger geworden? Eidinger: Nein, sie war immer sehr wichtig für mich. Deshalb habe ich auch die Autistic Disco zu meinem Label gemacht. Das ist nicht nur meine Veranstaltung in der Schaubühne, sondern das ist eigentlich eine Marke, weil es für mich am besten das Erlebnis von Musik beschreibt. Man tanzt ja in der Disco sehr vereinzelt, und jeder ist sehr bei sich. Trotzdem hat man das Gefühl, etwas im Kollektiv zu erleben, und das macht den eigentlichen Reiz aus: Gemeinsam einsam zu sein. Schauspielerei sei eine Gratwanderung zwischen Versagensangst und Allmachtsfantasien, haben Sie mal gesagt. Ist man mit Musik auf einem sichereren Terrain? Eidinger: Nein, das ist genau der gleiche Mechanismus. Deshalb vergleiche ich das Theaterspielen manchmal auch mit Sex. Man wird da sehr sensitiv, sehr empfindlich für das Gegenüber und richtet sein eigenes Verhalten danach aus, wie der andere reagiert. Im Grunde geht?s auf der Bühne genauso wie beim Auflegen darum, Intensität zu erfahren, das Leben zu spüren. Und das ist das, was mich am meisten fasziniert - das Gefühl, im Moment anzukommen. Wie meinen Sie das? Eidinger: Ich fand es früher immer unerträglich, dass die Zeit nie anhält. Immer, wenn etwas schön ist, ist es eigentlich auch schon wieder vorbei. Und dann habe ich irgendwann begriffen, dass es tatsächlich das Schöne am Leben ist, dass es diese Sehnsucht nach dem Stillstand immer in sich trägt. Im Grunde ist das eine Todessehnsucht. Es ist wie der Unterschied, eine Topfpflanze zu verschenken oder Schnittblumen. Der Strauß bezieht seinen Charme daraus, dass er eigentlich schon tot ist. Und das übt auf uns alle einen unheimlichen Reiz aus. Haben Sie einen Traum, noch mal irgendwas Verrücktes zu machen? Eidinger: Ja, aber es ist gar nicht so verrückt. Ich will einen Film machen, ich will das Drehbuch schreiben, ich will die Hauptrolle spielen, und ich will der Regisseur sein. Das klingt jetzt sehr egomanisch. Aber ich habe so viel in Gruppen gearbeitet. Ich möchte auch mal ausprobieren, wie es ist, wenn man ungebremst die eigene Fantasie umsetzen kann. Ich schreibe gerade an dem Buch. Die Filmemacher, die ich kenne, arbeiten fünf Jahre an ihren Büchern. Ich bin jetzt bei Seite 20.

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