Im Großstadtdschungel: Andrea Schroeder lässt sich von Erlebnissen und Menschen inspirieren. Die besten Einfälle aber habe sie unterwegs, sagt sie. - © Foto: Andreas Rex
Im Großstadtdschungel: Andrea Schroeder lässt sich von Erlebnissen und Menschen inspirieren. Die besten Einfälle aber habe sie unterwegs, sagt sie. | © Foto: Andreas Rex

Kultur Meisterin der Melancholie

Andrea Schroeder, Songpoetin aus Ostwestfalen, wird am 23. November in einer Bielefelder Kirche ihre nachtschattigen Lieder singen

Anke Groenewold Bielefeld. Als Andrea Schroeder vor drei Jahren in Bielefeld sang, stand sie im Forum sichtlich gerührt auf der Bühne. Sie, die bei ihren Auftritten eher wenig spricht, erklärte, warum ihr der Abend so viel bedeutete. Sie sei im Forum musikalisch sozialisiert worden, damals noch in Enger, war oft im PC 69 und im Falkendom. „Es ist etwas Besonderes, dort aufzutreten, wo man früher selbst Konzerte gesehen hat“, bekräftigt die Sängerin im Interview. Nach Bielefeld wird die Wahl-Berlinerin mit ostwestfälischen Wurzeln am 23. November zurückkehren. Diesmal wird sie ihre nachtschattigen Lieder in der Altstädter Nicolaikirche singen. „Es wird ein ruhiges Programm“, sagt sie, dem Ort und der Akustik angemessen. Mit ihrer Band will sie einen Querschnitt aus ihren drei Alben „Blackbird“ (2012), „Where the Wild Oceans End“ (2014) und „Void“ (2016) vorstellen, alle erschienen beim Beverunger Indie-Label Glitterhouse. „Vielleicht singe ich auch einige neue Songs, mal sehen, was die Courage sagt.“ Kritiker haben der Sängerin viele Titel verliehen: Folkrock-Diva, Gothic-Knef, Königin der Nacht. Sie haben ihre Stimme mit der einer Marlene Dietrich oder Nico verglichen. Was eine Richtung aufzeigt, mehr aber auch nicht. Schroeders tiefe Stimme hat viele Farben: warm, sinnlich, verhangen, aber auch kühl, geheimnisvoll, beunruhigend. Eine Stimme, die sie erst finden musste. Schroeder träumte schon als Kind davon, Sängerin zu werden, entschied sich aber zunächst für Grafikdesign und zog dann für eine Karriere als Model nach München. Was sie schnell langweilte. Als Schroeder nach einer Operation zeitweise ihre Stimme verlor, sah sie es als ein Zeichen. Sie musste ihren Lebenstraum verwirklichen. Sie studierte bei einer Konzertsängerin klassischen Gesang, da war sie noch Sopran, schwenkte dann um auf Gospel und Jazz. Bis sie entdeckte, „dass meine Stimme in der Tiefe einen breiteren Klang und mehr Potenzial hat. Es kommen mehr Gefühle durch. Meine hohe Stimme finde ich eher langweilig“, sagt sie."Moll gefällt mir einfach gut" Auch ihre Richtung hat sie gefunden: düster-romantische, lyrische Lieder, vorgetragen in einer Art Sprechgesang. Schroeder spricht von „Gefühlslandschaften“. Zwischen Rock, Chanson, Folk und Americana angesiedelt, sind sie stets schwermütig. „Moll gefällt mir einfach gut“, sagt sie. „Das heißt nicht, dass ich nicht gute Laune habe oder nicht optimistisch bin.“ Sie liebt Musik, die auf unerklärliche Weise berührt. Wie Smetanas „Moldau“, der sie als Kind ergriffen und fasziniert gelauscht hat. Musik prägte ihr Leben schon früh. Als ihr Vater ein Klavier erbte – ihre Mutter spielte ebenfalls – , bekam sie Unterricht. Ihr wäre die Querflöte lieber gewesen. „Ich musste auf dem Klavier viel Bartók spielen, das war nicht meins“, erinnert sie sich. Doch neben dem Pflichtpensum machte sie auf dem Klavier ihr eigenes Ding. Heute begleitet sie sich mit Instrumenten aus Indien: Die Shrutibox sieht aus wie eine Handtasche und erzeugt beim Auf- und Zuklappen einen Halteton. Zudem spielt sie ein Harmonium. „Das klingt schön erdig, ich mag den Klang beider Instrumente sehr gern“, sagt Andrea Schroeder. Seit vielen Jahren ist der dänische Gitarrist Jesper Lehmkuhl ihr Kreativpartner, sie komponieren gemeinsam. „Wir sind nicht auf ein Genre festgelegt“, sagt Schroeder über ihre dunklen Lieder. „Natürlich fließt alles mit ein, was man gehört hat und was einem gefällt, aber es geht vor allem darum, was der Song braucht.“ Den Sound prägten auch die anderen Musiker, mit denen sie zusammenarbeite. Unüberhörbar ist die Handschrift von Chris Eckman („Walkabouts“), der ihre ersten beiden Alben produzierte, die Streicherarrangements schrieb und Hammondorgel spielte. Auf allen drei Alben finden sich vertonte Gedichte des 82-jährigen Underground-Beat-Poeten Charles Plymell. „Mich fasziniert seine Sprachgewalt, seine Art, sich auszudrücken, sein Beat“, schwärmt Schroeder. Sie selbst schreibt meist auf Englisch, hat aber auch deutsche Titel im Repertoire.Mit Mick Harvey sang sie den erotischen Skandalsong der 60er Songtexte fallen ihr am ehesten ein, wenn sie unterwegs ist, auf Reisen. „Wenn man an nichts denkt, kommen die Dinge von selbst.“ Oder sie verarbeitet Alltagssituationen, die sie bewegen. „Little Girl“ vom jüngsten Album zum Beispiel entstand, nachdem sie in Berlin ein kleines Mädchen und deren Mutter gesehen hatte — zwei Geflüchtete, die in einem Park übernachteten. Nicht immer steht das Wort am Anfang eines Songs, es kann auch eine Stimmung sein oder eine dieser betörenden Gitarrenmelodien Jesper Lehmkuhls, verrät die Künstlerin. „Void“ ist ihr bis dato reifstes Werk. Die amerikanisch gefärbte Soundlandschaft dehnt sich aus, ist detailreich, dicht, rau, rhythmisch. Schroeders Stimme wird auch international beachtet. So spielte Mick Harvey, bekannt für seine Zusammenarbeit mit Nick Cave, für sein Serge-Gainsbourg-Album „Intoxicated Women“ drei Lieder mit der „German chanteuse“ ein. Darunter den erotischen Skandalsong der späten 60er Jahre, „Je t’aime . . . moi non plus“, diesmal auf Deutsch. „Ein bisschen riskant“, räumt Schröder ein, aber das Lied sei einfach großartig. In London sangen der Australier und die „göttliche Miss Schroeder“, wie es auf Harveys Internetseite heißt, den Song auch live. ´? Konzert mit Andrea Schroeder und Band am Donnerstag, 23. November, 20 Uhr, Altstädter Nicolaikirche Bielefeld, Karten über www.songnaechte.de oder bei der Touristinfo Bielefeld, Tel. 05 21 / 51 69 99.

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