Kampferprobt: Konstantin Wecker bleibt ein Künstler mit Haltung. Foto: Christian Weische - © Christian Weische
Kampferprobt: Konstantin Wecker bleibt ein Künstler mit Haltung. Foto: Christian Weische | © Christian Weische

Bielefeld Liedermacher Konstantin Weckerbleibt kämpferisch

In der Stadthalle gab er sich auch als„Puccinist“ zu erkennen

Bielefeld. Es wäre leicht, sich über Konstantin Wecker lustig zu machen. Darüber zum Beispiel, dass der in München so fest wie das Hofbräuhaus verwurzelte Liedermacher tatsächlich auch in seinem siebten Lebensjahrzehnt noch eine Holzperlenkette in Regenbogenfarben um den Hals trägt, wenn er am Piano sitzt und „Hmmmmmmin" singt wie kein anderer. Dass er manches Mal haarscharf an der Kitschgrenze vorbei schrappt, wenn er mit unverkennbarer, nach wie vor voller Stimme und bayrischem Zungenschlag zu gefühlvollen Balladen anhebt. Und dass er zu seinen aus der Mode gekommenen Mutmachliedern, die relativ zuverlässig von Zorn und Zärtlichkeit für die Welt künden, noch immer gerne die Faust in die Luft reckt. Es wäre leicht, überheblich und überflüssig. Denn Wecker ist sich der Tatsache bewusst, dass im Gestus und Habitus des nicht mehr ganz taufrischen Revoluzzers, den er mit Inbrunst verkörpert, durchaus etwas Komisches liegt, auch eine gewisse Attitüde. Er ist nicht bereit, sie aufzugeben, aber ihr mit Ironie, Poesie, Weisheit und Altersmilde zu begegnen. Das macht seine Konzerte beliebt. Nicht nur bei den mit ihm in die höheren Jahre gelangten Fans, sondern auch beim jüngeren Publikum mit Interesse an kritischen Texten, politischer Stellungnahme und Einmischung, musikalischer Protestkundgebung. Weniger stürmisch als früher, jedoch mit unvermindert großem Herzen für alle Träumenden und Scheiternden, zu denen er sich offen selber zählt, war der erstaunlich jugendlich wirkende Sänger bei seinem Konzert in der mit rund 850 Zuhörern gut gefüllten Stadthalle zu erleben. Begleitet von einer fünfköpfigen Band, eröffnete Wecker mit seinem aktuellen Song „Steh auf und sage nein", der kraftvoll zu gezieltem Widerstand gegen nationalistische Stammtischparolen aufrief. Gegen Ende des langen Abends sollte es mit „Empört Euch!" ein zweites Lied dieser Art geben, das noch zwingender wirkte. Nicht nur dadurch, dass es temporeicher war, sondern im Refrain auch chorisch begleitet wurde von zwei Mitgliedern seiner kleinen, sehr feinen Band. Sie ermöglichte an Cello und Bratsche zudem, dass Wecker, dem erklärtermaßen alle Dogmen und Ismen ein Gräuel sind, mit Ausnahme eines vom musikalischen Vater in die Wege gelegten „Puccinismus", Ausflüge in sinfonische Klangwelten unternehmen konnte. So verdankten sich ihrer experimentellen Spielfreude die besonders überzeugenden Lieder des Abends wie etwa die Sophie und Hans Scholl gewidmete Ballade „Die weiße Rose" und die unter die Haut gehende Georg-Heym-Vertonung „Der Krieg". Zwischen alten und neuen Liedern nahm sich Konstantin Wecker Zeit für Gedichte und Reflexionen. Im Mittelpunkt immer wieder sein kämpferisches Nein zu Gewalt und Waffen, Uniform und Gehorsam, Ausgrenzung und Hurra-Patriotismus. Angelegt von einem liberalen Elternpaar, dem neben der eigenen Familie Weckers große Dankbarkeit und Liebe galt. Seine stilleren Lieder am Piano erzählten davon. Auf diese Weise präsentierte er ein musikalisch anspruchsvolles, von verschiedenen Stimmungslagen geprägtes Programm, das bei jeder sich bietenden Gelegenheit auf die Notwendigkeit zivilen Ungehorsams zurückkam und seinem Namen Ehre machte. Indem es weckte.

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