Das Publikum lauschte andächtig: Der Musikverein brachte zusammen mit den Bielefelder Philharmonikern Mendelssohns „Paulus“ zu Gehör. Am Pult Bernd Wilden. Foto: Barbara Franke - © Barbara Franke
Das Publikum lauschte andächtig: Der Musikverein brachte zusammen mit den Bielefelder Philharmonikern Mendelssohns „Paulus“ zu Gehör. Am Pult Bernd Wilden. Foto: Barbara Franke | © Barbara Franke

Kultur Ergreifendes Glaubensbekenntnis

Oetkerhalle: Musikverein der Stadt Bielefeld beflügelt zum Saisonauftakt mit Mendelssohn Bartholdys „Paulus“. Das Publikum applaudiert frenetisch

Andrea Bach

Einmal mehr zeigt sich in der Oetkerhalle beim ersten Saisonkonzert des Musikvereins der Stadt Bielefeld, dass Felix Mendelssohn Bartholdys Oratorienerstling „Paulus" ein mitreißender musikalischer Streich ist, der neben der dramatischen vor allem durch eine betont lyrische Note eine breite Zuhörerschaft erreicht – auch wenn der Saal an diesem Abend nur etwas mehr als halb gefüllt ist. „Paulus" ist und bleibt ein klingendes Glaubenszeugnis, das zu beflügeln vermag. Dafür stehen Bernd Wilden mit den Sängern des Musikvereins vokale wie – mit den Bielefelder Philharmonikern – instrumentale Verlässlichkeit zur Verfügung. So kann sich nicht nur die lyrische Schönheit eines in vielerlei Gestalt intensiven Werkes überwiegend ungetrübt und in plastischer Transparenz entfalten. Denn der viel beschäftigte Chor agiert fast durchgehend auf hohem Niveau – höre man etwa die Steigerung der Emphase beim ersten „Steiniget ihn"-Chor (und entschiedene Entsprechung beim „Hier ist des Herren Tempel"-Chor), die überzeugende A-cappella-Fortführung bei „Denn ob der Leib gleich stirbt" oder die starke Strahlkraft bei „Mache dich auf, werde Licht" und „Der Erdkreis ist nun des Herrn"! Mit schlankem Timbre lässt er „seine Stimmen" zittern Wie ätherisch klingt der Frauenchor in der Damaskus-Vision, wie verstörend das fast flüsternd begonnene „Ist das nicht", wie flehentlich das „Seid uns gnädig"! Auch das bewegende Glaubensbekenntnis des Chores „Aber unser Gott ist im Himmel", die Leichtigkeit bei „Sehet, welch eine Liebe" und die dynamische Steigerung im Schlusschor sind Zeugnisse gelungener Chorarbeit. Die Riege der Solisten führt Bassbariton Martin Berner an, der (unter anderem) die Partie des Paulus einnimmt und gleich bei seiner ersten Arie „Vertilge sie, Herr Zebaoth" seine grundsolide wie klangschöne Stimmkraft ausspielen kann, während er bei „Gott sei mir gnädig" und „Ich danke dir, Herr" auch ein wenig Demut durchscheinen lässt. Dennoch vermisst man eine stärkere stimmfarbliche Akzentuierung und Ambivalenz auch angesichts der Wandlung vom Saulus zum Paulus. Dagegen kann Clemens Löschmanns Tenor eine dramatisch-differenzierte Artikulation ausspielen, die vom ersten Rezitativ an innerlich wie äußerlich eine geradezu lodernde Lebendigkeit versprüht. Mit schlankem Timbre lässt er „seine Stimmen" zittern, zagen, flehen und erstarren und die Stimme des Herrn in der Kavatine „Sei getreu bis in den Tod" tröstlich-resolut erscheinen. Seine Apostel-Duette mit Berner sind – wie auch die Soloquartette – von beseelter Harmonie und stimmlicher Verschmelzung getragen. Siri Thornhills Sopran (auch wenn dieser gelegentlich die Töne von unten anstößt) verbindet Zartheit und Klarheit mit einer hohen Ausdruckstiefe, sei es in der „Jerusalem"-Arie oder im Arioso des zweiten Teils, wo ihr verkündender Gesang geradezu in die Ewigkeit verklingt. Die leider zu stark, ja fast tenoral abgedunkelte Altstimme Evelyn Krahes dagegen spiegelt bei Saulus’ Gang nach Damaskus dennoch eindringlich die Aufforderung zur Demut wider. Frenetisch fällt zuletzt der Applaus des andächtigen Publikums aus, der neben dem Chor und den feinnervig spielenden Philharmonikern im Besonderen der Solocellistin Yoonha Choi und dem an diesem Abend nach 34 Jahren Orchesterzugehörigkeit verabschiedeten Solooboisten Takeshi Suzuki gilt.

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