Rockkünstler Nick Cave schätzt schwarze Romantik. - © picture alliance / PYMCA/Photoshot
Rockkünstler Nick Cave schätzt schwarze Romantik. | © picture alliance / PYMCA/Photoshot

Musik Nick Cave: Ein Rockstar für Theologen feiert Geburtstag

Der Australier greift in seinem Schaffen häufig auf biblische Motive zurück. Morgen wird der Musiker, Schauspieler und Autor 60 Jahre alt

Bielefeld. Seine „Murder Ballads“ machen Nick Cave Anfang der 90er einem größeren Publikum bekannt. Das bekannteste dieser Schauerlieder singt er im Duett mit Kylie Minogue: „Where the Wild Roses Grow“. Darin geht es um einen Mann, der seine Geliebte an einem Fluss ermordet und singend betrauert, dass alle Schönheit vergehen müsse. Das ist für Lieder von Nick Cave nichts Ungewöhnliches, nur bringt man es nicht unbedingt mit Kirche und Religion in Verbindung. Dennoch sind die Songs des Australiers, der morgen 60 wird, Gegenstand von Predigten. Pfarrer Matthias Surall, von 2005 bis 2016 Pastor der Ev. Studierendengemeinde (ESG) in Paderborn, hat sogar seine Dissertation über Cave geschrieben: „And God is never far away. Spannende Theologie im Werk von Nick Cave.“ „Ich habe mich schon immer für Popmusik interessiert“, sagt Surall. Seit Februar vergangenen Jahres arbeitet er in Hannover für die Ev.-luth. Landeskirche als Referent für Kunst und Kultur. Aus Anlass von Nick Caves 60. Geburtstag und als Hommage für den „Ausnahmekünstler“ (Surall) hat er eine filmische Werkschau („Nick Cave und das Kino“) zusammengestellt, die morgen im Kino im Künstlerhaus in Hannover beginnt. Zu sehen gibt es sechs Filme, in denen Cave mitwirkt, wie Wim Wenders‘ „Der Himmel über Berlin“, oder für die er Musik und Drehbuch schrieb.»Für mich ist Nick Cave ein Laientheologe« „In Nick Caves Werk eröffnet sich ein Kosmos des Lebens in seiner Fülle aus Erbärmlichkeit und Pracht“, sagt Surall. „Er beschäftigt sich mit den Spannungen des Lebens, mit den Abgründen und Hochzeiten, und er tut das mit religiösen, biblischen Bezügen. Deswegen ist er aus theologischer Sicht so interessant, auch wenn er selbst kein praktizierender Christ ist.“ Niemand außerhalb einer Kirche und des Gospels rufe so oft Gott an, schreibt der Rolling Stone über Cave, und niemand sei sich der Vergeblichkeit so sicher. „Für mich ist Nick Cave Laientheologe“, sagt Surall, eine These, die er in seiner Studie eingehend begründet. Er schätzt an ihm, „dass Gott bei ihm zumindest mit Negativaspekten zu tun hat“, während in Predigten häufig eine „Schönwetter-Theologie“ vorherrsche. Der am 22. September 1957 in Warracknabeal, Australien, als Sohn eines Lehrers für englische Literatur und einer Bibliothekarin geborene Künstler wurde anglikanisch sozialisiert. Er sang im Kirchenchor und beschäftigte sich intensiv mit der Bibel. „Wahrscheinlich eher als provokante Geste nach dem Motto: Schock’ den Pfarrer, lies die Bibel“, vermutet Surall. Seine musikalische Karriere beginnt Cave lustvoll lärmend als Post-Punker. Die Songtexte seiner Band „The Birthday Party“ spiegeln eine düstere, auch von Caves Drogenerfahrungen geprägte Welt. Anfang der 80er siedelt er samt Band erst nach London, dann nach Westberlin über, wo sich „Birthday Party“ wegen künstlerischer Differenzen 1983 auflöst. Unter anderem mit Blixa Bargeld von den „Einstürzenden Neubauten“ gründet Cave in Berlin die neue Band „The Bad Seeds“, die bis heute besteht. Mit ihr nimmt er seine erfolgreichsten Alben auf: „The Good Son“ (1990), „Murder Ballads“ (1996) „The Boatman’s Call“ (1997)."Cave geht mit biblischen Stoffen um, wird aber nie blasphemisch" Er wandelt sich zum düster-romantischen Crooner, aber die religiösen Bezüge bleiben. Johnny Cash singt auf einem seiner späten „American Recordings“-Alben Caves Lied „The Mercy Seat“ und erhebt den Australier gewissermaßen in den Kreis kanonischer Songpoeten. 2008 erscheint „Dig, Lazarus, Dig!!!“. „Das ist die Platte, die mich auf Nick Cave brachte, den ich zuvor mehr aus den Augenwinkeln wahrgenommen hatte. Wie er da mit biblischen Stoffen umgeht, ohne je in den Bereich von Blasphemie zu geraten, hat mich fasziniert“, sagt Surall. Nachdem Cave sein Leben lang die Tragik besungen hat, wird er 2015 von ihr eingeholt. Einer seiner Zwillingssöhne stürzt mit 15 unter LSD-Einfluss von einer Klippe. Den Schicksalsschlag verarbeitet Cave auf dem von der Kritik gefeierten Album „Skeleton Tree“ (2016). Einer der Songs darauf heißt „Jesus Alone“. Mit Liedern von Nick Cave, aber auch von Bob Dylan oder Leonard Cohen, zwei weiteren bibelfesten Popdichtern, schlägt Surall in seinen Predigten Brücken zu Themen des Kirchenjahrs. Seine theologische Dissertation zu Cave ist eine Pionierarbeit. „Ich hätte auch über Bob Dylan promovieren können“, sagt er, „aber da gibt es schon so viel Literatur. Da wäre ich wohl noch immer nicht fertig.“

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