Der Himmel über Bielefeld: Die Besucher trotzen mit warmer Kleidung der Kälte und genießen das Sonnenaufgangskonzert an der Sparrenburg. - © Andreas Frücht
Der Himmel über Bielefeld: Die Besucher trotzen mit warmer Kleidung der Kälte und genießen das Sonnenaufgangskonzert an der Sparrenburg. | © Andreas Frücht

Bielefeld Riesen-Andrang beim Sonnenaufgangskonzert an der Sparrenburg

Schöne Stimmung beim Auftritt von Gisbert zu Knyphausen und Karl Ivar Refseth

Antje Doßmann

Bielefeld. Mag die Ritterzeit auch lange vorbei sein, was kaum einer ernsthaft bedauert, so lassen die Bielefelder doch selten eine Gelegenheit verstreichen, wenn es gilt, sich an der Sparrenburg zu versammeln und Kultur zu genießen. So war auch das dritte und letzte vom Bunker Ulmenwall und Kulturkombinat Kamp initiierte Sonnenaufgangskonzert mit Gisbert zu Knyphausen ein Publikumsmagnet. Robuster Humor schadet nicht Die einzigen Tugenden, die mitgebracht werden mussten, waren eine gewisse Abhärtung in Sachen Mistwetter und Frühaufstehen. Ein robuster Humor schadete ebenfalls nicht und ließ sich auch schnell verlauten. Etwa, als der aus Hamburg stammende, inzwischen aber in Berlin lebende Singer-Songwriter fragte: „Wo ist denn der Sonnenaufgang, der mir versprochen wurde?", und einer antwortete: „In der Burg." Da machte Gelächter die Runde. Sehr zum Gefallen des Gastes, der das Lachen unter allen geeigneten Umständen neben der Liebe und dem Streben nach Freiheit zu den schönsten und wertvollsten Eigenschaften des Menschen zählt und es oft in seinen Liedern besingt. Es passt dazu, dass der Titelsong seines im Herbst erscheinenden dritten Soloalbums „Das Licht dieser Welt", auf das die Fans sieben Jahre lang warten mussten, die Musik zu der neuen „Timm Thaler oder Das verkaufte Lachen"-Fernsehserie ist. Gisbert zu Knyphausen, der von Karl Ivar Refseth am Vibraphon begleitet wurde, gab einige Kostproben der neuen Lieder, die dem ersten Eindruck nach etwas rockiger und leichtherziger wirkten als die Vorgänger vom letzten Album „Hurra! Hurra! So nicht!" Lied über eine seltsam ausgeartete Party Wenngleich die stilprägende Melancholie des selbstbewussten, aber nicht eitlen Sängers, der sich nie davor gedrückt hat, auch dunkle Themen wie die Angst vorm Versagen und die Wirklichkeit des Sterbens in seinen Texten zu verarbeiten, auch in „Das Licht dieser Welt" ihren Platz haben darf. Der Song „Niemand", in dem es über das Leben hieß: „Es wird genommen, was uns nicht gehört", gab einen berührenden und starken Eindruck davon. Auch die beiden Lieder, die Gisbert zu Knyphausen 2012 mit dem im gleichen Jahr gestorbenen Hamburger Sänger Nils Koppruch auf dem gemeinsamen Album „T" aufgenommen hat, erinnerten an die Endlichkeit alles Irdischen. In der „Mörderballade" allerdings eher mit makaberem Einschlag, abgründigem Vergnügen. Und das trunkene „Haus voller Lerchen", das von einer „seltsam ausgearteten Party" handelte, die einst in der Hamburger Kneipe „Die Mutter" stattgefunden hätte, wie zu Knyphausen grinsend erzählte, trug ein wenig die lakonische Handschrift Sven Regeners, erklärtes Vorbild des Sängers. Warm gesungen Man hätte ihm noch lange zuhören können, als er nach zwei Zugaben das Konzert enden ließ. Warm gesungen trotz Kälte und Regen und in den Liedern des neuen Albums wie „Teheran Smiles" deutlich eher zu Hause als in den alten Songs. Bei dem ziemlich zu Beginn angestimmten „Kräne" vom 2008 erschienenen Debüt verließ den Sänger in der zweiten Strophe gar die Textkenntnis. Was zu so früher Stunde niemand ihm übelnahm. Überhaupt hätte schon viel mehr passieren müssen, damit der so nachdenkliche wie gefühlvolle und dabei nie langweilige oder kitschige Künstler für Unmut gesorgt hätte. Die Sonnenaufgangskonzerte endeten wunderbar mit ihm. Plan aufgegangen. Im nächsten Jahr das Ganze vielleicht ja auch mit Sonne.

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