Später Frieden: Shelby Lynne (l.) und ihre jüngere Schwester, Allison Moorer. - © THIRTY TIGERS
Später Frieden: Shelby Lynne (l.) und ihre jüngere Schwester, Allison Moorer. | © THIRTY TIGERS

Kultur Shelby Lynne und Allison Moorer: Singen, um zu überleben

Singer-Songwriterinnen blicken mit ihrem wunderbar gelungenen Album "Not Dark Yet" auf ihre nicht immer leichte schwesterliche Verbindung zurück

Thomas Klingebiel

Bielefeld. Eines Tages mussten sie dieses Album machen. Doch Shelby Lynne (48) und Allison Moorer (45) verlangten ihren Fans einige Geduld ab. Die beiden Singer-Songwriterinnen und Schwestern aus Alabama haben ihre mit Grammy (Shelby) und Oscar (Allison) gekrönten Karrieren lange fein säuberlich getrennt verfolgt. 2010 waren sie einmal zusammen auf Tour. Die schon damals anvisierte gemeinsame Platte kam aber erst im vergangenen Sommer zustande. Jetzt ist „Not Dark Yet" zu haben. Das Warten hat sich gelohnt. Wer etwas für den Zusammenklang perfekt harmonierender Stimmen und für überraschende, subtil instrumentierte Neudeutungen von Songs aus Rock, Country, Folk übrig hat, den werden die Moorer Sisters mit ihrem neuen Werk gewiss nicht enttäuschen. Als hoch emotionales Dokument ihrer lebenslangen Verarbeitung eines tragischen Familienereignisses ist dieses sehr persönliche Album darüber hinaus berührend. Gemeinsames Singen ist den Schwestern seit ihrer Kindheit im ländlichen Süden Amerikas zur zweiten Natur geworden. Die Everly Brothers und Emmylou Harris sind damals ihre Favoriten. Im Alter von 17 und 14 Jahren wird ihnen die Musik, später auch das Schreiben von Songs, zum Überlebensmittel, als ihr Vater zunächst ihre Mutter und dann sich selbst erschießt. Die zehn Songs auf „Not Dark Yet" – neun Fremd- eine Eigenkomposition – spiegeln ihr Leben mit der grausamen Bürde, werfen Schlaglichter auf die unauflösliche, gleichwohl schwierige Verbindung der traumatisierten Schwestern, erzählen von Erinnerungen, Schmerz, Sehnsucht und spätem Frieden. Songdienliche Regie Produzent Teddy Thompson, Sohn der britischen Folkrocker Richard und Linda Thompson, führt sehr songdienlich und mit wohldosierten atmosphärischen Elektronik-Einsprengseln Klangregie. Benmont Tenschs unaufdringliches Klavierspiel zwischen Honkytonk-Flair und Grabesschwere prägt das Spiel der famosen Studioband. Das ins Countrysoul-Idiom übertragene „My List" von The Killers bildet die hymnische Ouvertüre. Wie bei den meisten Titeln wechseln sich die Schwestern strophenweise ab. Nur die Country-Klassiker „Everytime You Leave" und „Silver Wings" werden durchgängig im Duett geboten. Bob Dylans Lamento „Not Dark Yet", Nick Caves Gebet „Into My Arms", Jessi Colters Sehnsuchtsstück „I’m Looking for Blue Eyes", selbst die aus dem Rahmen fallende Folk-Grunge-Version von Kurt Cobains manischem „Lithium" bannen mit unerhörter Intensität. Bisweilen wirken die Stimmen so intim, dass man sich fast als Eindringling fühlt. „Is It Too Much", ein Gemeinschaftswerk der Schwestern, setzt den friedlichen Schlussakkord. Fortsetzung dringend erwünscht.

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