Mit Gitarre und Maßstab: Brigitta Hüttemann erläutert Stefan Brams, wofür ihre beiden Mitbringsel stehen. Foto: Barbara Franke - © Barbara Franke
Mit Gitarre und Maßstab: Brigitta Hüttemann erläutert Stefan Brams, wofür ihre beiden Mitbringsel stehen. Foto: Barbara Franke | © Barbara Franke

Kultur „Dem Kesselbrink fehlt Behaglichkeit“

Mittagsgespräche im Holzhaus (9): Brigitte Hüttemann, Innenarchitektin und Musikerin, legt Bielefeld zwei Gütersloher Musikformate ans Herz und empfiehlt der Stadt ein stärkeres Außenmarketing

Stefan Brams

Bielefeld. Besuch aus Spenge im Holzhaus, denn dort lebt und arbeitet die Innenarchitektin Brigitta Hüttemann. „Das ist meine Wahlheimat, in der ich mich wohl fühle“, betont die 53-Jährige, die in Kaufbeuren geboren wurde und seit mehr als 30 Jahren in Spenge zu Hause ist. „Ich lebe gerne hier und die Unterschiede zwischen Bayern und Ostwestfalen sind gar nicht so groß wie immer betont wird,“ sagt sie im neunten Mittagsgespräch im Holzhaus. Mitgebracht hat sie einen metallenen Maßstab und eine Gitarre im Format eines Schlüsselanhängers. Symbole für ihren Hauptberuf und für ihren zweite Existenz – als Akustikgitarristin, die sowohl solo als „B-solo“ als auch im Duo und Trio auftritt.Bielefeld sollte nicht in die Höhe bauen Als Musikerin hat sie sogleich auch eine Idee mit ins Holzhaus gebracht, die sie in Gütersloh entdeckt hat. „Dort gibt es auf dem Dreiecksplatz einmal im Jahr die ,Woche der kleinen Künste’, das wäre auch ein Format für Bielefeld, das auch hier Tausende anlocken würde“, sagt sie. Wie die Mutter zweier Töchter überhaupt dafür wirbt, mehr Auftrittsmöglichkeiten für Musiker in der Stadt zu schaffen – „kostenlos für die Zuschauer und draußen“. Auch das Format „Freitag 18“ empfiehlt sie zur Nachahmung. Hüttemann: „Von Mai bis September können in Gütersloh auf einer kleinen Bühne, die sich ebenfalls auf dem Dreiecksplatz mitten in der Stadt befindet, regionale Künstler immer freitags um 18 Uhr spielen und so das Wochenende einläuten.“ Das wäre doch auch was für Bielefeld. Die Stadt habe doch ein großes musikalisches Potenzial. Den Abendmarkt mit Live-Musik findet sie „klasse“. Lob gibt es von der Spengerin für das kulturelle Leben in Bielefeld. Das „Luna Open Air Kino“ sei großartig. Das Tanztheater mit seinen Mitmachmöglichkeiten („Ich habe selbst schon bei Zeitsprüngen zusammen mit meiner Tochter getanzt“) bekomme eine Eins von ihr. Auch die Kunsthalle sage ihr zu („auch wenn manche Ausstellungen sich nicht sofort erschließen“), und die Chance auf das neue Kunstdreieck findet sie „toll“. Aufgefallen ist ihr aber auch, „dass man im Umland nicht immer gut informiert ist, was in Bielefeld gerade so läuft“. Das Außenmarketing in die Region hinein sollte die Stadt deutlich ausbauen, rät Hüttemann daher. Ein eigenständiges Kulturmarketing könne helfen, ist sie überzeugt. Inständig hoffe sie, dass der von Insolvenz bedrohte Ringlokschuppen als Veranstaltungsort erhalten bleibe. „Auch der Bunker darf niemals den Bach runtergehen.“ Was die Architektur Bielefelds angeht, wünscht sich die Innenarchitektin, die in Rosenheim und Detmold studiert hat, dass das „menschliche Maß“ Maßstab für die Stadt bleibe. „In die Höhe sollte Bielefeld nicht bauen.“ Die Stadt habe in den vergangenen Jahren architektonisch gewonnen „wie zum Beispiel rund um das Lenkwerk“. Die abwechslungsreichen Fassaden in der Obernstraße finde sie reizvoll. Es sei wichtig, dass mit lebendigen, vielfältigen, ökologischen Materialien gebaut werde. „Nur Stahl, Glas und Beton wirken schnell steril“, warnt sie. Das neue Einkaufszentrum „Loom“ empfinde sie als Chance, „weil es mitten in der Stadt liegt und nicht auf der grünen Wiese und so Menschen nicht aus der Stadt abzieht.“ Dem Kesselbrink würde sie gerne eine ganz andere Struktur geben. Er sei zu leer, habe dadurch zu wenig Aufenthaltsqualität. „Er muss behaglicher werden, damit das Leben dort wieder Einzug hält“, so Hüttemann, die betont: „Plätze sollten nicht am Schreibtisch geplant werden. Planer sollten sich besser anschauen, wie Menschen sich über Plätze bewegen und sie danach gestalten. Das führt zu Akzeptanz.“

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