Sein letzter Fernsehauftritt: Glen Campbell bei der Grammy-Verleihung im Februar 2012 in Los Angeles FOTO: REUTERS - © REUTERS
Sein letzter Fernsehauftritt: Glen Campbell bei der Grammy-Verleihung im Februar 2012 in Los Angeles FOTO: REUTERS | © REUTERS

Kultur Abschied einer Countrypop-Ikone - zum Tod von Glen Campbell

Vor sechs Jahren machte der Sänger seine Alzheimer-Erkrankung öffentlich. Nach mutigemKampf gegen die Altersdemenz ist er mit 81 Jahren in Nashville gestorben

Thomas Klingebiel

Er war ein All-American-Boy wie er im Buche steht. Aufgewachsen als siebtes von zwölf Kindern auf dem Land in Arkansas, stramm konservativ, wie es im Süden der USA Sitte ist. Als junger Mann zieht Glen Campbell nach Los Angeles, um dort als Sessionmusiker sein Glück zu machen, und steigt mit Titeln wie „Gentle on My Mind“ und „Rhinestone Cowboy“ zur einflussreichen Countrypop-Ikone auf. Am Dienstag ist der charismatische Sänger, der vor sechs Jahren seine Alzheimer-Erkrankung publik machte, in Nashville gestorben. Er wurde 81 Jahre alt. Ein bisschen haben Fans schon damals Abschied genommen, als Campbell sein unaufhaltsames Abdriften in die Demenz ankündigte. Aber er kämpfte mutig und offen weiter gegen die Krankheit. Erst vor wenigen Wochen erschien Campbells „Adiós“ betiteltes Vermächtnis, darauf Songs, die er offenbar noch 2013 aufnahm.Er spielte für Elvis Presley und Frank Sinatra Tapfer absolviert er 2012 eine „Goodbye Tour“ durch die USA, Australien und Europa. Sie wird überschattet von stärker werdenden Krankheitssymptomen, wie in der Kino-Dokumentation „I’ll Be Me“ von 2014 zu sehen ist. Im Fernsehen tritt er letztmals bei der Grammy-Show im Februar 2012 auf, wo er noch einmal „Rhinestone Cowboy“ singt. Bevor Campbell 1967 mit „Gentle on My Mind“ als Solokünstler die Weltbühne betritt, hat er in den 60er Jahren schon eine beeindruckende erste Karriere als Sessiongitarrist. Er gehört zum erlauchten Kreis der „Wrecking Crew“, einem losen Verbund der gefragtesten Sessionmusiker in Los Angeles. Campbells Gitarrenkünste sind unter anderem auf Platten von Frank Sinatra, Dean Martin, Nat King Cole, Elvis Presley und den Monkees verewigt. 1964 und 1965 geht er als Ersatz für Brian Wilson mit den Beach Boys auf Tour, spielt Bass und singt Falsett. Auch bei den Aufnahmen des Jahrhundertalbums „Pet Sounds“ der Beach Boys bringt Campbell sich ein. Parallel versucht er bei verschiedenen Labels sein Glück als Solokünstler, aber die Singles floppen die ersten Jahre. Capitol Records ist bereits drauf und dran, ihn zu feuern, als ihm „Gentle on My Mind“ angeboten wird – Startschuss zu seiner langen zweiten Karriere. Künftig ist er es, der die Studio-Asse der Wrecking Crew für seine eigenen Alben anheuert. Sein Solo-Erfolg basiert, vergleichbar mit Elvis Presley, nicht auf eigenen Songs, sondern auf seiner großen Stimme und einem untrüglichen Gespür für Hits. Seine wichtigsten der 60er Jahre – „By the Time I Get to Phoenix“, „Wichita Lineman“ und „Galveston“ – stammen aus der Feder des Songwriter-Genies Jimmy Webb. Obwohl dieser Hippie-Typ ihm anfangs nicht recht geheuer ist, lässt der konservative Campbell sein musikalisches Urteilsvermögen davon nicht trüben. Den Tipp, sich doch mal die Haare schneiden zu lassen, kann sich Campbell dennoch nicht verkneifen. Webb würdigte seinen langjährigen Freund gestern als „großen amerikanischen Einfluss auf die Popmusik“, „amerikanischen Beatle“ und „geheimes Bindeglied zwischen so vielen Künstlern und Alben, die wir bewundern“. 1969 erhält Campbell für einige Jahre eine eigene Fernsehshow, „The Glenn Campbell Good Time Hour“, für die er seine exzellenten Kontakte zu den großen Stars aus früheren Sessionmusiker-Zeiten nutzt. Die 70er bringen mit „Rhinestone Cowboy“ das Lied, mit dem Campbells Name vielleicht am engsten verbunden ist. So betitelt er später auch seine Autobiografie. Als er 1977 Allen Toussaints „Southern Nights“ hört, schlägt sein Hit-Radar wieder kräftig aus. Sofort beraumt er eine Studio-Session an. Jerry Reed inspiriert das berühmte Gitarren-Intro – wieder eine Nummer eins. In den 80ern verschwindet Campbell im Alkoholnebel, aus dem er erst in den 90ern wieder auftaucht. Auf Tourneen spielt er seine bewährten Erfolge, aber 2008 überrascht er noch einmal mit einem Album mit gecoverten Songs so unterschiedlicher Künstler und Bands wie Travis, U2, Tom Petty oder den Foo Fighters. Sie sind allesamt Bewunderer Glen Campbells, was dessen Pop-Einfluss über Genregrenzen hinweg unterstreicht. Er selbst hat es immer betont, auch wenn er 2005 in die Country Music Hall of Fame aufgenommen wurde: „Ich bin kein Countrysänger. Ich bin ein Countryboy, der singt.“

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