Scherzen übers Wetter: Solveig Münstermann und Stefan Brams vorm Mittagsgespräch Nummer acht im Holzhaus. Foto: Christian Weische - © Christian Weische
Scherzen übers Wetter: Solveig Münstermann und Stefan Brams vorm Mittagsgespräch Nummer acht im Holzhaus. Foto: Christian Weische | © Christian Weische

Kultur „Die Reform von WDR 2 war richtig“

Mittagsgespräche im Holzhaus (8): Solveig Münstermann, Leiterin des WDR Landesstudios Bielefeld, über den Rundfunkbeitrag, die Suche nach jungen Hörern, frecheren Journalismus und einen See in der Stadt

Stefan Brams

Bielefeld. Solveig Münstermann ist eine Kollegin. Seit viereinhalb Jahren leitet die Aachenerin das hiesige Landestudio des WDR. „In Bielefeld fühle ich mich wohl, obwohl wir Rheinländer und Westfalen schon sehr verschieden sind.“ Wie in Aachen fehle ihr in der Stadt lediglich ein großer Fluss oder ein echter See, sagt die 63-Jährige im achten Mittagsgespräch im Holzhaus. Aus diesem Grund könne sie auch dem seit langem kontrovers diskutierten Untersee-Projekt, das ja einen großen Freizeitsee vorsieht, „viel abgewinnen“. Ein Lob gibt es von der Studioleiterin, die seit 1989 beim WDR in verschiedenen Funktionen arbeitet, für die Bielefelder Kulturszene, die sie als „sehr lebendig und vielfältig“ beschreibt. Vor allem das Tanzfestival, bei dem sie aber noch nicht mitgetanzt habe, wie sie schmunzelnd betont, gefalle ihr sehr gut. „Das Kulturamt und die Agbetous machen einen tollen Job.“Ich halte sehr viel von einer Frauenquote Viel hält Münstermann, die vor ihrer WDR-Karriere ein Zeitungsvolontariat absolvierte und fünf Jahre bei den Aachener Nachrichten als Redakteurin arbeitete, vom neuen Kunstdreieck zwischen Kunsthalle, Kunstverein und dem Kunstforum Hermann Stenner. „Wahrlich eine große Chance für die Stadt“, betont sie wie andere Holzhausgesprächspartner auch. Einen immer wieder mal diskutierten Ausbau der Kunsthalle würde sie daher dahinter zurückstellen – „auch wenn ich das intellektuelle Ausstellungsprogramm von Friedrich Meschede wirklich schätze und die Kunsthalle viel mehr Aufmerksamkeit verdient hat“. Beim Thema „Querdenken“, das ja in diesem Jahr als Motto über den Holzhausgesprächen steht, wird Münstermann dann journalistisch. „Ich halte sehr viel von einer Frauenquote auch im Journalismus, damit mehr qualifizierte Frauen in Führungspositionen kommen“, betont sie. Dass diese Frauen als Quotenfrauen angesehen werden könnten, nehme sie dabei gerne in Kauf. Münstermann: „Was über Jahrhunderte nicht freiwillig geändert wurde, muss nun eben mit der Quote auf den Weg gebracht werden.“ Auch bei der Nennung der Nationalität von Tatverdächtigen und Tätern habe sie schon immer quergedacht. „Ich halte es nicht erst seit den Silvester-Taten von Köln für richtig, dass wir Medien sie nicht verschweigen.“Wir haben unseren belehrenden Ton abgelegt Deshalb begrüße sie, dass der Presserat den Kodex dazu verändert habe und nun die Nationalitäten-Nennung vom öffentlichen Interesse abhängig mache. „Wenn wir korrekt und gut recherchiert berichten, dann können wir als Medien die Nationalität auch ruhig nennen. Ich sehe nicht, dass das diskriminierend ist“, ist sich Münstermann sicher, die den WDR derzeit auf einem guten Weg sieht, „obwohl wir bis 2020 500 Stellen abbauen müssen“. „Wir haben unseren belehrenden, darüber stehenden öffentlich-rechtlichen Ton unter Intendant Tom Buhrow abgelegt, sind nahbarer und stärker Begleiter unserer Zuhörer und Zuschauer geworden.“ Große Herausforderungen für das Landesstudio Bielefeld sieht sie in der Aufgabe, stärker junge Hörer- und Zuhörerschichten zu erreichen („wie bei der Zeitung auch“) und sich digital umfassender aufzustellen. „Dazu müssen wir frecher und unorthodoxer werden sowie mehr riskieren“, sagt Münstermann und verweist auf ein Projekt, bei dem ihre Mitarbeiter in den Fußgängerzonen freche Fragen stellen wie „Würden Sie Ihr Kind schlagen?“. Ein Format, das sehr gut ankäme. Nicht gut angekommen ist bei vielen Hörern die Ausrichtung von WDR 2 auf ein jüngeres Publikum. Allein die NW erhielt im Herbst 2016 200 Zuschriften, die zu 99 Prozent starke Kritik an der Sendereform übten. „Auch ich habe mich anfangs an die stärkere Serviceausrichtung, die Doppelmoderation und die neue Musikfarbe erst gewöhnen müssen“, räumt Münstermann ein, „aber mittlerweile finde ich, dass WDR 2 gut unterwegs ist. Die Reform war letztendlich richtig.“ Der Sender habe jünger werden müssen, damit 1Live jüngere Hörerschichten erschließen konnte. „Dass nun die Schlagerfreunde bei WDR 4 keine richtige Heimat mehr haben, ist allerdings ein Problem, denn wir müssen auch für die älteren Zuhörer da sein.“ Viele Leser übten damals in der Neuen Westfälischen auch Kritik, dass für den WDR NRW in Münster aufhöre und OWL in der Berichterstattung oft außen vorbleibe. Münstermann: „Ich teile die Kritik nicht, denn wir setzen uns von Bielefeld aus sehr dafür ein, dass wir in den Landesprogrammen mit unseren Themen vorkommen – und das mit Erfolg.“ Sie könne aber verstehen, dass zum Beispiel der Sende-Titel „Wir im Westen“ in OWL nicht allen gefalle. Wünschen würde sie sich auch, dass bei der Regionalisierung von Themen OWL stärker berücksichtig werde. Und der Rundfunkbeitrag, ist der noch zeitgemäß? „Ja, weil er die Meinungsvielfalt sichert, den Bürgern die mediale Grundversorgung garantiert und sicherstellt, dass nicht ausschließlich nach Einschaltquote berichtet wird“, betont Münstermann mit Nachdruck, räumt aber ein, dass die Zuschauer für ihre Gebühren mehr Risikofreude, noch mehr investigative Beiträge und das Aufdecken von Missständen durch die öffentlich-rechtlichen Sender erwarten dürfen. „Das sind wir ihnen schuldig“, sagt Münstermann.

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