Das Leben wagen: Cathrin Pfeifer mit ihrem Akkordeon der Marke „Scandalli Super 6“. - © Foto: Antje Doßmann
Das Leben wagen: Cathrin Pfeifer mit ihrem Akkordeon der Marke „Scandalli Super 6“. | © Foto: Antje Doßmann

Kultur Im Gewühle der Gefühle

Sommerkonzert in der Neuen Schmiede: Mit Cathrin Pfeiffer war eine Akkordeonspielerin, Komponistin, Reisende zu Gast, wie sie nicht alle Tage zu erleben ist

Antje Doßmann

Bielefeld. Manche Musikgeschichten sind schon vor dem ersten Ton reine Magie. Weil sie von besonderen Fügungen erzählen zwischen einem Menschen und seinem Instrument. Im Falle der Akkordeonspielerin Cathrin Pfeifer, die in den 80er Jahren an der renommierten Hanns Eisler-Schule eine klassische Ausbildung erfuhr, spielte das Schicksal in zweierlei Hinsicht eine schöne Rolle. Zum einen war da dieses Akkordeon der Marke „Scandalli Super 6“, das vierzig Jahre lang jungfräulich in seinem Futteral lag, bis es in ihre virtuosen Hände gelangte, als hätte es all die Zeit nur auf sie gewartet. Zum anderen öffnete sich für die in Ost-Berlin aufgewachsene, mit vielen Preisen ausgezeichnete Musikerin mit dem Fall der Mauer das Tor zu der weiten Welt, in der ihr Instrument zu Hause war. Manches Mal zu ihrem eigenen Erstaunen: Brasilien, Marokko, Madagaskar sogar. Seither ist sie eine Globetrotterin, die von ihren Konzertreisen zwar noch immer Ideen und Einflüsse mitbringt, aber längst zu einer eigenen markanten Spielweise gefunden hat. Liebes- und Lebenslieder, die unter die Haut gehen In der Neuen Schmiede gab sie Kostproben ihres eigenwilligen Könnens, die das zahlreiche Publikum mit zunehmender Begeisterung aufnahm. Zunächst bedurfte Cathrin Pfeifers Technik, bei einigen ihrer selbstkomponierten Lieder Loops einzusetzen, allerdings einiger Gewöhnung. Doch spätestens bei dem originellen, auf den Namen ihres Akkordeons zurückgehenden Stück „Skandal Nummer sechs“, bei dem die Loops im Hintergrund hallten wie das dumpfe Gewaber aus der Gerüchteküche, erschloss sich der Sinn dieses experimentellen Stils voll und ganz. Und da die Zuhörer trotz der Biergartenatmosphäre des unter freiem Himmel stattfindenden Konzerts ganz ruhig und konzentriert lauschten, wagte sich der Gast aus Berlin neben schnellen, temperamentvollen Kompositionen auch an eine Reihe still-melancholischer Liebes- und Lebenslieder, die unter die Haut gingen. Bemerkenswert neben der meditativen Poesie, die sie verbreiteten, auch die Titel, die diese Stücke trugen, wie etwa „Moll-Lust“ oder „Das Gewühle der Gefühle“. Von den eher ausgelassene Tanzstimmung erzeugenden Liedern aus ihrem Repertoire überzeugte besonders das jede Menge Manegensand aufwirbelnde „Cirque de la pluie“ und „Under Cover“. Ein Lied, das sie einmal auf Reisen komponiert habe, nachdem sie unter der Heckklappe ihres Bullis sitzend die bemerkenswerte Resonanz von Autoblech entdeckt hatte. Ähnlich anekdotisch waren alle Zwischenansagen, die Cathrin Pfeifer machte, und indem sie ihr Publikum in der eigenen Gefühlswelt abholte, erzeugte sie unangestrengt jene unmittelbare, beinahe komplizenhafte Nähe, die solch intimen Konzerten eigen sein kann. Angesichts dieses Charmes machte es auch gar nichts, dass der mit Leib und Seele dem Akkordeon verschriebenen Künstlerin, die ihrem Instrument viele geheimnisvolle Töne und Klänge, Juchzer und Seufzer zu entlocken verstand, die Stummfilmmusik „Metropolitain Drive“ erst im zweiten Anlauf gelang. Zusammen mit einem frühen Tango von Astor Piazolla rundete das extraordinäre Stück Cathrin Pfeifers Auftritt ab zu einem Konzert, das so licht war und so melodisch wie der Sommer selbst.

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