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Kultur Randy Newmans neue Töne

Gershwin trifft Woody Allen: Der Pop-Altmeister meldet mit Liedern über Putin, die Kennedy-Brüder, das Leben und die Liebe zurück

Thomas Klingebiel

Randy Newman braucht sich hinter Literatur-Nobelpreisträger Bob Dylan nicht zu verstecken, wenn es darum geht, wer die populäre Musik erwachsen gemacht hat. Schon Anfang der 60er, als sich Pop noch fast ausschließlich um erhoffte oder unerfüllte Teenager-Liebe drehte, schrieb Newman komplexe Story-Songs wie „I Don’t Want to Hear It Anymore“, berühmt geworden in der Version Dusty Springfields. Während Dylan das Liedschreiben seit einigen Jahren eingestellt hat und sich als Interpret des Great American Songbook versucht, ist Newman mit 73 weiter kreativ. Auf „Dark Matter“, seinem heute nach neunjähriger Studiopause erscheinenden neuen Album, zeigt er sich in Songs über Putin und die Kennedy-Brüder gewohnt bissig, in anderen herzzerreißend melancholisch. US-Präsident Trump wird nicht ausdrücklich genannt, ist aber ebenfalls gegenwärtig. Wagemutig wirkt der Beginn mit dem fast neunminütigen „The Great Debate“. Der schon beim Vorgänger-Album „Harps and Angels“ erkennbare Zug zum Musicalhaften entfaltet sich hier ungebremst. Newman lädt zu einem volksfestartig organisierten Duell zwischen Wissenschaft und Religion. Es werden Fragen nach dunkler Materie (der Albumtitel), Evolution und Erderwärmung behandelt. Die opulente Musik zieht zwischen Sinfonik, Ragtime und Cabaret alle Register, während Newman seine Stimme dem Schiedsrichter wie den beiden konkurrierenden Parteien leiht. Zur Halbzeit (und Songende) liegen Gott und Glauben weit vorn. Ein Gospel-Chor jubiliert „I’ll take Jesus every time“. Die Wissenschaftler bleiben stumm, sie haben nichts zu singen. Das sperrige Debatten-Hörspiel ist eine Tempi und Musikfarben rasant wechselnde Satire auf das geistige Klima, dem Trump seinen Sieg verdankt. Wer Randy Newman hauptsächlich mit gleichmäßig durchgetakteten Hits wie „It’s Money that Matters“ oder der „Toy Story“-Filmmusik „You’ve Got a Friend in Me“ verbindet, dürfte das gewöhnungsbedürftig finden. Auch das folgende „Brothers“ ist ein mehrstimmiges Rollenspiel mit politischem Hintergrund. Newman malt sich aus, wie John F. Kennedy und sein Bruder Robert 1961 die geplante Invasion des kommunistischen Kuba bereden. Ziel: die Rettung einer kubanischen Sängerin, in die sich J. F. K. verguckt hat. „Putin“ ist das zirkushaft pompöse Porträt eines Präsidenten, der nicht nur mächtig, sondern unbedingt auch ein Star sein will. Ein weiblicher Chor („Putin Girls“) feuert Putin so lange an („Sure, you can“), bis er schließlich überzeugt ist: „I’m the Putin Man.“ Auch hier denkt man die beunruhigende Parallele zu Trump automatisch mit. Die steinerweichende Klavier-Ballade „Lost without You“ und das New-Orleans-Flair von „Sonnyboy“, wahre Geschichte eines frühen Identitätsklaus im Blues-Milieu der 30er Jahre, bewegen sich in vertrauten Newman-Gefilden. Das mitreißendste Lied des Albums, „It’s a Jungle out there“, basiert auf der schon 2002 komponierten Titelmelodie für die US-Detektivserie „Monk“. „She Chose Me“ zählt zu den schrägen, gleichwohl berührenden Liebesliedern, wie sie Newman über die Jahre immer wieder betörend gelungen sind. Das zauberhaft altmodisch swingende „On the Beach“ ist eine Reminiszenz an ein in jeder Beziehung gestrandetes früheres Surftalent. Nur noch allein am Klavier sinnt Newman in „Wandering Boy“ einem verlorenen Sohn nach – der melancholische Album-Ausklang. „Dark Matter“ bewegt sich jenseits aller Musiktrends, als hätte George Gershwin einen Pakt mit Woody Allen geschlossen. Auch wenn das brillant musizierte Album – den späten Filmen Woody Allens vergleichbar – bisweilen leicht altbacken wirkt, ist es ein erfreulich lebendiges Statement einer unbestrittenen Pop-Institution. Wer außer ihm bringt noch Satire, Ironie, ja Geist in die Pop-Musik? Randy Newman hält in Zeiten einer kriselnden Musikindustrie entschlossen die Stellung. Die Produktion des Albums finanzierte er mit 200.000 Dollars aus eigener Tasche mit.Filmmusik liegt in der Familie Randy Newman wurde 1943 in Los Angeles in eine musikalische Familie geboren. Drei Onkel von ihm waren Filmkomponisten. Auch Newman komponiert erfolgreich fürs Kino („Toy Story“, „Seabiscuit“, „Cars“) Sein Song „Short People“ brachte ihm 1977 Beleidigungsklagen von Behindertenorganisationen ein. Hits wurden Randy Newmans Lieder zumeist in Coverversionen anderer Künstler: „You Can Leave Your Hat on“ (Joe Cocker), „Mama Told Me Not to Come“ (Three Dog Night).

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