Da lang: Universitätsorchester-Leiter Michael Hoyer im Gedankenaustausch mit Stefan Brams. - © Foto: Wolfgang Rudolf
Da lang: Universitätsorchester-Leiter Michael Hoyer im Gedankenaustausch mit Stefan Brams. | © Foto: Wolfgang Rudolf

Kultur „Immer weniger Studenten spielen ein Instrument“

Mittagsgespräche im Holzhaus (5): Michael Hoyer, Leiter des Universitätsorchesters, über sinkende Besucherzahlen in klassischen Konzerten, fehlenden Orchesternachwuchs und die fatalen Auswirkungen des verschulten Studiums auf die Bildung der Studierenden

„Ich vertrete selten gängige Meinungen und nehme gerne Anstoß an Meinungen, die weit verbreitet sind“, sagt Hoyer über sich. Wenig verwunderlich also, dass der 62-Jährige auch beim Thema Hochschule eine ganz eigene Sicht der Dinge hat."Die Uni lässt Kultur eher zu, als dass sie sie fördert" Dass durch den Bologna-Prozess immer stärker verschulte und verkürzte Studium hält der gebürtige Schweinfurter für „einen falschen Weg“, auch weil diese Entwicklung der musisch-künstlerischen Bildung sehr geschadet habe. „Die jungen Menschen werden nur noch ausgebildet, aber nicht mehr gebildet“, kritisiert er. Der Blick über die eigene Disziplin hinaus unterbleibe, „weil die Studierenden überhaupt keine Freiräume mehr haben und immer kürzer an den Hochschulen sind“, beklagt Hoyer, der dafür plädiert, dass an den Unis wieder im Sinne Humboldts „universelles Wissen vermittelt werden sollte“. Kritik äußert Hoyer aber auch an den Schulen. „Bereits dort wird die künstlerisch-musische Bildung immer mehr vernachlässigt, so dass immer weniger Menschen in der Lage sind, klassische Musik einzuordnen und wirklich zu hören.“ Die Rückkehr zu G-9 begrüßt Hoyer daher „als richtigen Schritt, um gegensteuern zu können.“ In Folge dieser Fehlentwicklungen gingen die Besucherzahlen in den Konzertsälen zurück. Hoyer sorgt sich aber auch um den Orchesternachwuchs. Weniger als ein Drittel der Mitglieder des Universitätsorchesters seien noch eingeschriebene Studenten, so Hoyer, der seit 1980 das Universitätsorchester leitet. „Viele haben durch das verschulte Studium kaum noch Zeit, im Orchester mitzuwirken und immer weniger Studenten spielen überhaupt noch ein Instrument. Und die, die noch ein Instrument spielen und sich fürs Orchester interessieren, bringen deutlich weniger Vorwissen und Fähigkeiten mit als früher. Hätten wir nicht viele ehemalige Uniangehörige, die weiter mitspielen, sowie Musiker von außen, wir müssten den Betrieb einstellen“, betont Hoyer. Noch etwas hält der Musiker für fatal. „Jungen Menschen wird heute immer suggeriert, dass Schule und Bildung ausschließlich Spaß machen müssen. Damit kommen wir aber nicht weit. Bildung, aber auch musikalische Leistungen müssen erst einmal erarbeitet werden, erst danach stellt sich die Freude darüber ein, was man alles aus sich herausholen kann“, sagt Hoyer. Er wünsche sich eine veränderte Einstellung zum Lernen und zur Arbeit. „Mit dieser einseitigen Spaßorientierung sind wir ganz klar auf dem falschen Dampfer.“ Er beobachte das aber nicht nur im Bereich der musikalischen Bildung, sondern auch beim Sprachenlernen. Da gehe es nur noch darum, sie schnell anwenden zu können, aber das tiefere Verständnis für Sprachen, ihren kulturellen Hintergrund, ihre Schönheit und das Denken, das sie beeinflussen, interessiere nur noch wenige. „Schüler und Studenten müssen einfach wieder mehr wissen, und dazu müssen sie mehr lernen und zwar in der Breite.“ Die geplante Medizinische Fakultät begrüßt Hoyer. Sie gehöre einfach dazu. Zudem erhoffe er sich, dass sich unter den Medizinstudenten, die oft kulturell sehr interessiert seien, auch neue Mitglieder für das Orchester finden lassen. Die Kulturförderung durch die Uni könnte für Hoyer indes deutlich intensiver ausfallen. „Sie lässt Kultur eher zu, als dass sie sie fördert.“

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