Tone Fish: Stefan Gliwitzki (Gitarre, Bouzouki, Gesang), Schlagzeuger Jochen Siepmann, Bassist Jonas Peters und Michaela Jeretzky machen temporeichen „Rat City Folk". Foto: Ralf Bittner - © Ralf Bittner
Tone Fish: Stefan Gliwitzki (Gitarre, Bouzouki, Gesang), Schlagzeuger Jochen Siepmann, Bassist Jonas Peters und Michaela Jeretzky machen temporeichen „Rat City Folk". Foto: Ralf Bittner | © Ralf Bittner

Kultur Mit Johnnys Frachtzug-Rhythmus über die Grüne Insel

Tone Fish: Wegen unsicherer Witterung musste das Konzert der Hamelner Band aus dem Biergarten in den Gastraum der Neue Schmiede verlegt werden. Vor vollem Haus erspielt sich das Quartett mit seinem „Rat City Folk“ reichlich neue Freunde

Ralf Bittner

Bielefeld. Das muss man sich erst mal trauen: „The Kesh“ heißt das flotte Tanzstück, das Michaela Jeretzky auf der Flöte einleitet. Dann kommen Schlagzeuger Jürgen Siepmann und Bassist Jonas Peters dazu, und plötzlich mischt sich der typische Freightrain-Rhythm Johnny Cashs in die traditionelle keltische Melodie, die stetig an Energie gewinnt. „Irish Rover“, „Whiskey in the Jar“ oder „Country Roads“ sind einige der folkigen Gassenhauer, denen das Hamelner Quartett „Tone Fish“ mit diesem Rhythmus und hörbarem Vergnügen einen derben Country-Anstrich verleiht. Da ist der Funke längst übergesprungen, und die Zuhörer im gut gefüllten Gastraum der Neuen Schmiede singen und klatschen mit.Gliwitzki ist die Stimme bei den eher derberen Songs „Rat City Folk“, Rattenstadt-Folk, nennt das Quartett, das von Sänger, Gitarrist und Bouzouki-Spieler Stefan Gliwitzki komplettiert wird, seine Musik. Aufbauend auf Musiktraditionen aus dem keltischen Raum kennen die Ratten keine Berührungsängste. Stings „Englishman in New York“ schlendert beschwingt durch den Saal und himmelt den „Star of the County Down“ an. Selbst vor Metallicas „Nothing else matters“ machen die Vier nicht Halt. Mit ihrer klaren Stimme sorgt Jeretzky vor allem bei den Balladen für wohlige Gänsehaut, Gliwitzki ist die Stimme bei den eher derberen Songs. Gitarre, Bouzouki, Flöte und Tin-Whistle sind bei einer Folk-Band zu erwarten. Ungewöhnlich ist aber Siepmanns Schlagzeugspiel. Oft streichelt er mit den Besen die Snare-Drum, nutzt das Cajon als Bassdrum. Ab und zu verwandelt er sich zum trommelnden Tier, dessen Rockwurzeln eindeutig erkennbar sind, meistens aber ist sein Spiel dezent, prägt aber doch den immer vorwärts treibenden Sound der Band. „In der keltischen Musik gibt es drei große Themen: Heimweh, Liebeskummer und Saufen“, sagt Gliwitzki, der als Erzähler durch den Abend führt: „Und manchmal kommt auch alles zusammen.“ So stehen schwermütige Balladen wie „Lord Franklin“, die die Geschichte des Kapitäns erzählt, der beim Durchfahren der Nordwest-Passage starb, neben Tanznummern wie „Border Reiver“ oder Dublins heimlicher Hymne „Molly Malone“, eine weitere Gelegenheit für die Sängerin zu glänzen. Die Band begeistert mit ihrem Mix aus Traditionals, Pop- und eigenen Songs, Spielfreude und abwechslungsreichen Arrangements seit 2014. Rund 300 Auftritte haben sie absolviert, und nach dem Debüt-Album „On the Hook“ (2015), 2016 mit „The Traveller“ und „The Celtic Experience“ 2016 zwei Live-Alben nachgelegt. Mit Amy Macdonald’s Frage „Where You gonna sleep tonight?“ aus „This is the Life“ endet das Programm, doch an Schlafen ist zunächst nicht zu denken, denn die Zuhörer erklatschen Zugaben. Erst drei Songs später ist der gelungene Abend mit „The Parting Glass“ wirklich zu Ende.

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