Die Mischung macht’s: Verena Meyer zu Eissen führt durch einen abwechslungsreichen literarisch-musikalischen Abend. Karsten Riedel interpretiert zu Klavier und Gitarre begleitet von Geiger Christoph König Shakespeares’s Sonette. Regisseur David Bösch (l.) erklärt die bis heute anhaltende Faszination an den Stoffen des Dichters. Foto: Ralf Bittner - © Ralf Bittner
Die Mischung macht’s: Verena Meyer zu Eissen führt durch einen abwechslungsreichen literarisch-musikalischen Abend. Karsten Riedel interpretiert zu Klavier und Gitarre begleitet von Geiger Christoph König Shakespeares’s Sonette. Regisseur David Bösch (l.) erklärt die bis heute anhaltende Faszination an den Stoffen des Dichters. Foto: Ralf Bittner | © Ralf Bittner

Kultur Von der Melancholie des Vollkommenen

Shakespeares Sonette: Die Literarische Gesellschaft präsentiert auf dem Hofe Meyer zu Eissen einenliterarisch-musikalischen Abend mit Überraschungen

Ralf Bittner

Bielefeld. „Für mich sind Shakespeares Sonette Songs“, sagt Musiker Karsten Riedel: „Drei Strophen mit zwei Zeilen am Schluss, die so eine Art Zusammenfassung und Refrain bilden, sind etwas mit dem ein Musiker, der aus der Singer-Songwriter-Ecke kommt, arbeiten kann.“ Dabei spielt er wie selbstverständlich mit dem Text, lässt weg oder vertauscht die Reihenfolge. „Und haben Sie’s gemerkt?“, fragt der Tätowierte die gut 130 Zuhörer, „vermutlich nicht, denn Musik ist die größte Sprache von allen.“ Hinter dem Abend im angenehmen Ambiente des Hofes Meyer zu Eissen mit dem schlichten Titel „Shakespeares Sonette“ verbergen sich zweieinhalb Stunden voller Überraschungen, in denen Riedel einige von ihm vertonte Sonette interpretiert und dabei von Christoph König auf Geige oder Bratsche improvisierend begleitet wird. Beide spielen zum ersten Mal zusammen, da darf auch mal kurz über Tonart und den richtigen Zeitpunkt des Einsatzes diskutiert werden.»Ich liebe Shakespeares gnadenlosen Blick auf die reale Welt« Beide haben offensichtlich Spaß am Unvorhergesehenen, nicht immer auf Anhieb Perfekten, und dieser lockere Umgang mit den Werken des „größten Barden aller Zeiten“ kommt an. Damit auch das Wort zur Geltung kommt liest Regisseur David Bösch die Sonette. Für Bösch ist der Abend im ehemaligen Dreschhaus fast ein Heimspiel, wuchs der 1978 in Lübbecke Geborene doch in Schildesche auf. Schon in der Schule habe er sich mit Shakespeare beschäftigt. Seine erste Regiearbeit als Hausregisseur am Schauspiel Essen war 2005 eine Inszenierung von „Ein Sommernachtstraum“, im Juni 2006 inszenierte er am Thalia-Theater als Gast „Viel Lärm um nichts“. Seither beschäftigt er sich immer wieder mit Shakespeare und arbeitet auch immer wieder mit Riedel zusammen. „Ich liebe Shakespeares gnadenlosen Blick auf die reale Welt, der ihr wie selbstverständlich eine irreale gegenüberstellt“, sagt er. Shakespeares Stücke seien oft an fiktiven Orten wie Illyrien oder im Ardenner Wald angesiedelt und zeichnen sich durch Brüchigkeit, Freiheit, Monologe und Überraschungen aus. So wie er das Spiel mit den biologischen Geschlechtern und Geschlechterrollen geliebt habe, stehen auch Ekstase, derbe Komik oder die Melancholie des Vollkommenen oder alte und aktuelle Stoffe nebeneinander. „Das sind große Werke, die große Freiheiten eröffnen“, sagt Bösch während des von Verena Meyer zu Eissen moderierten Gesprächs au der Bühne. „Man kann das machen“, sagt er, und meint damit einen freien Umgang mit dem Ausgangsstoff. Als Regisseur verknappt er schon mal ganze Akte oder fügt in seine Inszenierungen einige der Sonette ein, denn diese seien Blicke wie mit einem Brennglas in das Seelenleben einer Person und damit den Monologen oder Arien nicht unähnlich. Und diese Blicke bringt Riedel zum Klingen, mal streicht er zart in Melancholie zerfließend über die Tasten, dann schleichen sich Rock oder auch mal Blues in die Stücke, zu denen der Wattenscheider auch singt. So wie die Musik oft rau und schnörkellos daher kommt, sehen Riedel und Bösch auch Shakespeares Sprache: „Die romantischen Schnörkel der wohl bekanntesten Shakespeare-Übersetzung von Schlegel/Tieck werden dem Dichter nicht gerecht.“ Mit dieser überraschenden Mischung aus Lesung, Musik und Diskurs über Shakespeare machte der Abend Lust, sich mit einem neuen Blick mit den Liebesgedichten Shakespeares zu beschäftigen, die die ganze Spanne von „himmelhoch jauchzend“ bis „zu Tode betrübt“ abdecken.

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