ARCHIV - Der Sänger Chester Bennington der US Band Linkin Park steht am 20.10.2010 in der O2 world in Berlin auf der Bühne. (zu "Linkin-Park-Sänger mit 41 gestorben" vom 21.07.2017) - © dpa
ARCHIV - Der Sänger Chester Bennington der US Band Linkin Park steht am 20.10.2010 in der O2 world in Berlin auf der Bühne. (zu "Linkin-Park-Sänger mit 41 gestorben" vom 21.07.2017) | © dpa

Musik Zum Tod von Chester Bennington: "Who cares if one more light goes out"?

Linkin Park-Sänger im Alter von 41 Jahren tot aufgefunden

Björn Vahle

Los Angeles. Am Ende, in the end, macht es gar nichts. It doesn't even matter. Es waren die ersten Worte, die Chester Bennington so vielen von uns in die Gehörgänge brannte. Auch mir. Seine ganz offensichtliche Wut, die kaum zu bändigende Kraft in seiner Stimme, die Fähigkeit, sie dennoch unter höchster Anstrengung zu beherrschen. All das imponierte meinem 13-jährigen Ich gewaltig. Es klang nach Rebellion, der perfekte Treibstoff für mein pubertierendes Ego. So musste Musik sein, so musste man sich der Welt mitteilen. Der Eindruck war so stark, dass ich mich nie fragte, woher Benningtons Wut, seine Kraft, der Wille, all das dennoch zu beherrschen, sich zu wehren, kamen. Jetzt ist Chester Bennington im Alter von nur 41 Jahren tot aufgefunden worden. Es wird von Suizid ausgegangen. Linkin Park war von Beginn an das Ziel heftiger Kritik. Selbst ernannte und tatsächliche Musikkenner warfen der Band um Bennington vor, nicht hart genug zu sein. Zu poppig, zu sehr Mainstream. Wie muss das für jemanden klingen, der übers Ausbrechen singt, über taub gewordene Gefühle und schon im ersten Hit davon, wie er dem Abgrund immer näher kommt. "One step closer to the edge." Der der Welt vor ein paar Jahren eröffnete, ein Freund seiner Eltern habe ihn in seiner Kindheit vergewaltigt? Der mit elf das Trinken und wenig später mit Drogen anfing? Depressionen und Suchtprobleme Ich gebe zu, dass ich diese Kritik an Linkin Park nach den ersten Alben teilte. Die entfesselte Kraft der Stimme von Chester Bennington kam mir aus unerfindlichen Gründen plötzlich gefangen vor. Wo der Erstling "Hybrid Theory" Euphorie und Tanzwut entfachte, langweilten mich die Experimente nach dem zweiten Album. Ein ziemlich unreflektiertes Urteil über eine Band, die dem Crossover-Genre zugeordnet wird. Wo sollte experimentiert werden, wenn nicht hier? Dass Bennington offen über seine Depressionen und die Suchtprobleme sprechen konnte, dürfte den meisten als Zeichen für seine nichtsdestotrotz gesunde Seele gereicht haben. Aber: "Nur weil du es nicht sehen kannst, heißt es nicht, dass es nicht da ist." Das singt Bennington im tieftraurigen Song "One More Light" vom letzten Album. Wenig später heißt es dort: "Wen kümmert es, wenn ein weiteres Licht erlischt?" "Es ist irrwitzig..." Ein Freund von mir, selbst Musiker, schreibt dazu heute auf Facebook: "Beim diesjährigen Echo im April reichte ich einem Mann ein Papiertaschentuch, weil sein Halter leer war. Lächeln, ein flüchtiger Augenkontakt, 'Hey, thanks man' und er war raus zur Tür. Kurz darauf rannte ich ganz aufgeregt zu meinem Kumpel: 'Ich hab Chester Bennington grade ein Papiertaschentuch gereicht.'" Sein Halter war schon leer. In einem Interview vor nicht allzu langer Zeit sprach sich Bennington für mehr Einfühlungsvermögen gegenüber Stars aus: "Die Annahme, dass Erfolg auch Glück bedeutet, macht mich wütend. Es ist irrwitzig zu glauben, dass du immun bist gegenüber der ganzen Bandbreite menschlicher Erfahrungen, nur weil du erfolgreich bist." Hinterher, am Ende, ist man immer schlauer. But in the end, it doesn't even matter. Die tiefe Betroffenheit, nicht nur der Musikwelt, zeigt zum Glück: Das stimmt nicht ganz.

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