Begeisterte das Publikum: Frank Peter Zimmermann präsentierte völlig unprätentiös und zugleich grandios Beethovens Violinkonzert D-Dur op. 61. - © Harald Hoffmann
Begeisterte das Publikum: Frank Peter Zimmermann präsentierte völlig unprätentiös und zugleich grandios Beethovens Violinkonzert D-Dur op. 61. | © Harald Hoffmann

Kultur Spektakulärer Saison-Abschluss der Bielefelder Philharmoniker

Zusammen mit Geigenvirtuose Frank Peter Zimmermann überzeugen sie mit Beethoven und Sibelius

Johannes Vetter

Bielefeld. Eduard Hanslick, zwei Jahre vor Beethovens Tod geboren und Verfasser der Schrift „Vom Musikalisch-Schönen“, nannte sie  „ein merkwürdiges Document seiner gewaltigen, aber bereits seltsam kranken Phantasie“. Es geht um die „Große Fuge“ op. 133 vom stets rätselhaften Ludwig van Beethoven, mit der die Bielefelder Philharmoniker ihr neuntes und letztes Symphoniekonzert der zu Ende gehenden Konzertsaison eröffneten. Allzu schnell passiert es, dass Künstler, die den zeitgenössischen Verständnishorizont überschreiten, als krank apostrophiert werden. So ist das Publikum der Aufgabe enthoben, sich auseinander setzen zu müssen. Andererseits ist es zutiefst menschlich, vor dem Fremden zurückzuschrecken. Und es ist zugleich eine Lernchance, die Zukunft sichern kann.Hier kommt eine neue Dimension hinzu: Ergriffenheit Was also ist dran an der „Großen Fuge“? Beethoven radikalisiert eine musikalische Form vor. Radikalisieren geht immer – so lehrt es die Erfahrung – mit partieller Zerstörung einher. Beethoven dekonstruiert die Fuge, indem er ihr Regelwerk überspitzt. Dass er dabei Elemente der zeitgenössischen Sonatenform zur scheinbaren Bändigung beizieht, nützt nicht viel, lässt allenfalls diese Königsform der Wiener Klassik beschädigt zurück. Es ist ein genialer Schachzug von Generalmusikdirektor (GMD) Alexander Kalajdzic, der seine Sinfoniekonzerte gerne mit zeitgenössischer Musik eröffnet, diesen Beethoven als „Opener“ einzusetzen. Der GMD dirigiert kompromisslos, zupackend und zugleich poetisch. Das Streichorchester der Philharmoniker realisiert das verstörende Opus mit Wucht und Ungestüm und inszeniert die poetischen Zwischenspiele als idyllische Inseln inmitten eines grandiosen Unwetters. Aber vielleicht waren die Idyllen auch trügerisch und in Wirklichkeit im Auge des Orkans verortet, wo es inmitten des Chaos windstill ist. Jean Sibelius‘ Fünfte atmet, romantisch verklärt, einen ähnlichen Geist wie Beethovens spätes Werk. Einerseits großer Klang (vier Hörner, drei Trompeten und drei Posaunen), andererseits an minimalistische Musik der 1960er Jahre erinnernde Wiederholungsstrukturen bei Holzbläsern und Streichern, die klingen, als habe sich die Musik verlaufen und suche nach Orientierung. Dass Kalajdzic ein außerordentlich lustbetonter Dirigent ist, der sein Orchester zu begeistern versteht, ist hinlänglich bekannt. Aber hier kommt eine neue Dimension hinzu: Ergriffenheit. Nicht umsonst hat er, ganz gegen seine Gewohnheit, das Wort ergriffen und ein leidenschaftliches Plädoyer für sein Konzertprogramm gehalten und Mut zum Zuhören gemacht. Dass die Bielefelder sich auf technisch hohem Niveau bewegen, ist nichts Neues. Diesmal aber kommt auch noch durchschlagende Überzeugungskraft hinzu. Nach der Pause gesellt sich Sologeiger Frank Peter Zimmermann zu den Philharmonikern und präsentiert völlig unprätentiös und zugleich grandios Beethovens Violinkonzert D-Dur op. 61. Diese im Vergleich zu den Vorgängerstücken fast schon gefällige Musik – allerdings mit dunklen Schatten durchsetzt – ist ein „echtes Konzert“, nicht einfach ein Bravourstück für den Solisten, wo das Orchester hier und da einen roten Klangteppich ausrollen darf. Gruppe und Individuum agieren – im demokratischen Geist – auf Ohrenhöhe und teilen sich brüderlich die thematische Arbeit. Zimmermann, der mit seiner begeistert gefeierten Zugabe (Rachmaninov g-moll Prélude, ursprünglich für Klavier) bewiesen hat, dass er die schwierigsten Passagen zu meistern versteht, erweist sich als kongenialer Partner des Orchesters, kommuniziert luzide mit ersten Violinen und Dirigent und setzt punktgenaue Kommentare zum Orchestersatz, dass es eine Freude ist. Beifall en masse in der voll besetzten Oetkerhalle und bereits große Vorfreude auf die nächste Saison.

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