Spezialist für Wiederentdeckungen: Cellist Sebastian Foron mit seinem Instrument vor der Kunsthalle. - © Barbara Franke
Spezialist für Wiederentdeckungen: Cellist Sebastian Foron mit seinem Instrument vor der Kunsthalle. | © Barbara Franke

Dvorák-Konzert wiederbelebt

Musikalische Rarität: Sebastian Foron hat ein verschollenes Cello-Konzert des tschechischen Komponisten instrumentiert, das lediglich als Klavierauszug existiert. Die Uraufführung erfolgt bei den Orchestertagen

Bielefeld. Dvorák, Cellokonzert h-Moll – das ist für Sebastian Foron, wie vermutlich für jeden Cellisten, das Maß aller Dinge. Als der 47-Jährige vor zehn Jahren regelmäßig in Prag zu tun hatte, fragte er bei der Dvorák-Gesellschaft nach, ob er einmal die Handschrift des berühmten Werks studieren dürfe. „Es war ziemlich aufwendig, die Erlaubnis dafür zu bekommen", erinnert sich der mit seiner Familie in Bielefeld lebende Cellist. Ausgestattet mit weißen Archivarhandschuhen, konnte Foron die wie ein Nationalheiligtum gehütete Originalpartitur schließlich in einem Prager Tresorraum studieren. Auf dieses für ihn unvergessliche Erlebnis geht eine Dvorák-Uraufführung zurück, die am 28. Mai in der Oetkerhalle zu hören sein wird. Das Original befindet sich im British Museum Unter dem Eindruck des Manuskripts des wahrscheinlich meistgespielten Cello-Konzerts der Welt entschloss sich Foron damals, auch noch einmal einen Blick in ein Werk zu werfen, das ihn während des Studiums in Mannheim kurz beschäftigte. Es war ein frühes Cello-Konzert Dvoráks aus dem Jahr 1865, von dem lediglich ein Klavierauszug existiert. Zehn Jahre später erklingt dieses Jugendwerk in A-Dur nun zum Abschluss der Bielefelder Orchestertage. Solist ist Sebastian Foron. Er hat den Klavierauszug des Cello-Konzerts, dessen Original im British Museum in London liegt, in jahrelanger Arbeit instrumentiert und eine Orchesterfassung erstellt. „Ich würde es eine Uraufführung vom Originalzustand nennen", sagt der aus Stuttgart gebürtige Musiker, den eine Anstellung bei den Bielefelder Philharmonikern einst mit seiner ebenfalls Cello spielenden Frau Marina Maestri-Foron an den Teutoburger Wald verschlug. Foron, heute freischaffender Musiker, ist nicht der erste, der sich an einer Orchestrierung versucht. „Es gibt eine tschechische Produktion aus den 70er Jahren auf CD, für die das Werk aber um fast die Hälfte gekürzt wurde", berichtet er. Eine andere Fassung, die aus den 20er Jahren stammt, versuche, das Jugendwerk durch starke Eingriffe und Neukomponiertes auf h-Moll-Vorbild zu trimmen. Beide Versionen konnten sich nicht durchsetzen, wurden kaum gespielt. Tonsprache studiert „Ich habe das Stück trotz seiner Länge von 50 Minuten vollständig gelassen, lediglich Passagen, die nicht solistisch wirkten, ins Orchester gesetzt", erläutert der Cellist seine „musikhistorisch seriöse" Vorgehensweise. „Jetzt klingt es sinfonisch viel schlüssiger", findet Foron, der sich über seine Instrumentierung auch mit befreundeten Komponisten und Orchestermusikern beriet. Wie hat oder hätte Dvorák es gemacht? Diese Frage ging Foron all die Jahre durch den Kopf. Für seine Fassung studierte er Dvoráks Tonsprache aus jener Zeit, vor allem die erste und zweite Sinfonie. „Auch Mendelssohn und Schumann haben ihn damals hörbar beeinflusst." Das dreisätzige Konzert, das Dvorák seinerzeit für den Cellisten Ludvik Peer schrieb, seinen Orchesterkollegen am Prager Interimstheater, weise viele schwelgerische Momente auf, im Rondo auch Unterhaltsames, sagt Foron. Ihn beeindruckt der „unglaubliche Ideenreichtum" des damals erst 24 Jahre alten Komponisten. „Im Spätwerk wurde er viel strukturierter, da hat er das eingedampft." Das Dvorák-Konzert ist eine weitere Ausgrabung Forons. Er hat bereits Cello-Konzerte des Tschechen Karel Reiner (1910-1979) und der Französin Marie Jaëll (1846-1925) wiederentdeckt und neu herausgegeben, das Reiner-Konzert auch auf CD eingespielt. Dass Norbert Koops Bielefelder Projektorchester die „Uraufführung" erhielt, sei reiner Zufall gewesen, sagt Foron. „Ich war gerade fertig und da kam sein Anruf, ob ich eine Idee hätte", so der Vater zweier hochbegabter Musiktalente. Tochter Mira Marie (14) studiert Violine, hat bereits internationale Geigenwettbewerbe gewonnen und ist gefragte Konzertsolistin; Sohn Nicoló Umberto (19) studiert Klavier und Dirigieren in Amsterdam. Mit den Orchestertagen arbeitete Sebastian Foron schon vor zehn Jahren als Cello-Solist zusammen. Er schätzt das Projektorchester als „ausgesprochen ehrgeizig und konstant". Damals spielte Foron ebenfalls Dvorák: das berühmte h-Moll-Konzert. Von seiner Orchesterfassung des Dvorák-Frühwerks erhofft er sich nun, dass sie sich im Spielbetrieb durchsetzt. „Wir Cellisten können ein weiteres romantisches Cello-Konzert gut gebrauchen", findet er.

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